Die deutsche Idee, die Mexiko erobert hat, feuert zwölf Patronen in der Sekunde und ist tödlich. Ein Sturmgewehr in Tarnfarben, 88,7 Zentimeter lang, 3,89 Kilo schwer. Es ist der 16. September 2006, der mexikanische Nationalfeiertag, als der General die Waffe vor seiner Brust hält. Man kann es heute noch in Videos sehen: Er steht in einem Panzer und fährt über den zentralen Platz von Mexiko-Stadt, hinter ihm marschiert seine Armee, jeder Soldat hält eines dieser Gewehre in den Händen. Eine Blaskapelle spielt die Nationalhymne. Hinter den Absperrungen drängeln sich die Zuschauer, sie filmen und fotografieren die Männer und Frauen in Uniform, den Panzer, die Waffen. Jedes Jahr hält die mexikanische Armee diese Parade ab, gedenkt damit der Unabhängigkeit des Landes von den Spaniern. Aber etwas ist anders in diesem Jahr: Die Gewehre sind neu, kleiner als die alten, moderner.

"Unser erstes eigenes, mexikanisches Gewehr", wird der General später sagen. "Das FX-05, Spitzname Feuerschlange."

"Auf keinen Fall mexikanisch", empören sich Waffenexperten in Onlineforen. "Das ist ein deutsches Gewehr. Ein Klon des G36."

Die Waffe, die der General an diesem Tag präsentiert, ähnelt der Standardwaffe der Bundeswehr. Hergestellt von Heckler & Koch. Das mittelständische Unternehmen in Oberndorf am Neckar gilt als einer der weltweit führenden Produzenten von Gewehren und Pistolen. Die Firma ist seit Jahrzehnten der Hoflieferant der Bundeswehr.

Wie aber konnte ein deutsches Gewehr nach Mexiko gelangen – in ein Land, in dem sich Drogenbanden und das Militär bekriegen, in dem Menschenrechte nichts gelten? Wer hat daran verdient? Und ist es wirklich deutsch – oder doch mexikanisch? Um diese Fragen zu beantworten, hat sich die Zeit auf Spurensuche in Mexiko und Deutschland begeben. Und ist dabei auf Widersprüche und Lügen gestoßen, die die deutsche Rüstungs- und Exportpolitik infrage stellen.

Anders als Hersteller von Spielzeug oder Kleidung dürfen Rüstungsfirmen wie Heckler & Koch ihre Produkte nicht ohne Genehmigung der Bundesregierung ins Ausland verkaufen, dort Fabriken aufbauen oder Lizenzen zum Nachbau vergeben – so schreiben es das Kriegswaffenkontroll- und das Außenwirtschaftsgesetz vor. Die Bundesregierung wiederum will nur genehmigen, was ihren "Politischen Grundsätzen der Bundesregierung für den Export von Kriegswaffen" entspricht. Sie sehen vor, dass Deutschland keine Waffen in Krisengebiete oder in Staaten liefert, in denen Menschenrechte verletzt werden, also Staaten wie Mexiko.

Seit neun Jahren führt Mexiko einen "Krieg gegen die Drogen", einen Krieg, in dem mehr als 100.000 Männer, Frauen und Kinder getötet wurden, in dem der Staat die Drogenkartelle angreift und die Kartelle untereinander kämpfen. Und in dem nicht immer ganz klar ist, wer zu den Guten gehört und wer zu den Bösen. Denn viele Sicherheitskräfte stehen auf den Gehaltslisten der Kartelle, sie sind Kriminelle in Uniform.

Wie eng mexikanische Behörden und Drogenbanden zusammenarbeiten, zeigte sich im September des vergangenen Jahres in der mexikanischen Stadt Iguala, als lokale Polizisten auf drei Reisebusse schossen, in denen Studenten saßen. Sechs Menschen starben bei dem Angriff, 43 Studenten verschwanden; die Polizei übergab sie laut eigenen Aussagen einem Drogenkartell, dessen Anführer inzwischen behaupten, die Studenten ermordet zu haben. Als Drahtzieher gilt der örtliche Bürgermeister, der offenbar verhindern wollte, dass die Studenten eine Wahlkundgebung stören. Der Fall erregte weltweit Aufsehen.

Nach den Grundsätzen der Bundesregierung hätte eine deutsche Waffe also nicht nach Mexiko gelangen dürfen. Die Geschichte des FX-05-Gewehrs zeigt, dass es Methoden gibt, die deutschen Regeln und auch die Exportgesetze zu umgehen. Dass eine Waffe mit deutschen Teilen auch ohne Ausfuhrgenehmigung nach Mexiko kommen kann: indem man Rohmaterialien exportiert und Maschinen, um sie zu bearbeiten. Die Geschichte des FX-05-Gewehrs zeigt, wie eine deutsche Idee, einmal in die Fremde exportiert und auf der anderen Seite des Ozeans gepflanzt, dort nicht wieder verschwindet, sondern ein Eigenleben entwickelt, das sich von den Ideengebern nicht mehr kontrollieren lässt.

Auch deutsche Ermittler wollen jetzt wissen, wie groß der deutsche Anteil an dem Gewehr ist. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart führt ein Vorermittlungsverfahren, Aktenzeichen 143 Js 19554/14. Sie prüft, ob im Fall des FX-05 gegen deutsches Recht verstoßen wurde. Jürgen Grässlin hatte im Februar 2014 eine Strafanzeige gegen Mitarbeiter von Heckler & Koch gestellt wegen des Verdachts eines "nicht genehmigten Technologietransfers/Lizenz für G36/FX-05". Grässlin ist Vorsitzender des Rüstungsinformationsbüros in Freiburg, eines Vereins, der Rüstungsexporte aufdecken will, um Kriegsverbrechen zu verhindern. Er ist sicher, dass die Mexikaner das Gewehr nicht allein entwickelt haben. Heckler & Koch dürfte aber kein Interesse haben, dass anderswo ein Konkurrent des eigenen Sturmgewehrs produziert wird. Doch wer hat den Mexikanern dann geholfen?

Geplatzte Verhandlungen zur Lizenzierung

Die Vorgeschichte

Blickt man ein paar Jahrzehnte zurück, begreift man, wie tief verwurzelt die deutsche Rüstungsindustrie in Mexiko ist. Mexikos Militär ist ein treuer und lohnender Kunde des Unternehmens Heckler & Koch, schon seit den Siebzigern kauft es seine Gewehre und Pistolen bei den Deutschen. Seit 1979 baut Mexiko das Sturmgewehr G3 von Heckler & Koch nach, die am zweitmeisten verbreitete Waffe der Welt. Mexiko erhielt damals aus Deutschland die Lizenz für den Nachbau, kaufte in der Bundesrepublik die nötigen Baupläne und Spezialmaschinen, um das Gewehr selbst zu produzieren. Heckler & Koch schickte Vertreter nach Mittelamerika, die den Mexikanern in ihrer Fabrik bei der Produktion halfen. Das Gewehr wurde später im Drogenkrieg von beiden Seiten benutzt.

Gut zwanzig Jahre später ist das G3 in die Jahre gekommen, es ist größer und schwerer als moderne Gewehre. Heckler & Koch bringt Ende der 1990er Jahre ein neues Sturmgewehr auf den Markt: das G36. Im Jahr 2002 will der mexikanische Staat seine Soldaten und Polizisten im Krieg gegen die Drogenmafia aufrüsten und kündigt an, Tausende neue Gewehre zu kaufen – oder sie selber nachzubauen. Heckler & Koch hofft aufs Geschäft und wirbt mit dem G36. Mexikos Militär gefällt das neue Gewehr: Es ist leichter und handlicher als sein Vorgänger.

Der geplante Lizenzvertrag

Das deutsche Unternehmen schickt ein halbes Dutzend Vertreter nach Mexiko, ein Vertrag soll ausgehandelt werden. So erzählen es Informanten des mexikanischen Militärs und des deutschen Unternehmens, die damals bei den Treffen dabei waren. Das Militär sagt, es wolle, wie schon beim G3-Gewehr, eine Lizenz zum Nachbau des neuen Sturmgewehrs kaufen. Die Anwesenden sprechen über einen hohen Millionenbetrag für einen möglichen Lizenzvertrag, damit die Mexikaner das G36 in unbegrenzter Zahl selbst herstellen könnten. Vertreter der Firma überreichen dem Militär einen Stapel Papiere, darunter auch gezeichnete Entwürfe. Sie zeigen, wie das G36 konstruiert ist und wie die Maschinen aussehen, die es für die Produktion braucht. Sie bringen sechs G36-Sturmgewehre mit, damit sich das Militär die Waffe genauer anschauen kann. So erzählen es später Anwesende.

Es geht hin und her, Vertragsdetails werden ausgehandelt. Die Verhandlungen ziehen sich nach Angaben von Heckler & Koch über fünf Jahre. Beide Seiten vereinbaren schließlich: Mexiko darf 30.000 G36 bauen, wenn es 63 Millionen Euro bezahlt für "Materialkosten, Maschinen und Spezialwerkzeug, Honorarkosten für Techniker von HK und Technologietransfer". So steht es in einer Antwort der mexikanischen Regierung auf eine öffentliche Anfrage. Der Betrag soll in fünf Jahresraten bezahlt werden. Doch kurz vor Vertragsabschluss platzt der Deal. Das zumindest behaupten Mitarbeiter von Heckler & Koch und dem mexikanischen Verteidigungsministerium. Gegenüber der ZEIT lässt Heckler & Koch über einen Anwalt antworten: "Es ist zutreffend, dass es zwischen unserer Mandantschaft und mexikanischen Stellen Verhandlungen über die Vergabe einer Lizenz zum Nachbau des G36 gab. Die Verhandlungen führten jedoch nicht zu einem Vertragsabschluss."

Das ist eine Version der Geschichte.

Fest steht: Die Heckler-&-Koch-Vertreter ziehen ab. Zurück bleibt die Idee, ein neues Gewehr zu entwickeln. Das deutsche Unternehmen hat den Mexikanern mit technischen Zeichnungen und mit Angaben zu den Produktionsdetails das Wissen überlassen, wie ein modernes Sturmgewehr gebaut wird. Es sieht aus, als ob die Mexikaner dieses Wissen später nutzen werden, um das G36 zu kopieren und ihr eigenes Gewehr zu entwickeln: das FX-05.

Der "Erfinder" des FX-05

Mexiko-Stadt. Im vierten Stock eines Hochhauses sitzt Juan Alfredo Oropeza Garnica, der von all seinen Mitarbeitern nur "der General" genannt wird. Oropeza ist ein wuchtiger Mann mit glänzender Halbglatze, feinem Anzug und schwarzen Lackschuhen, er ist 70 Jahre alt. Kräftig drückt er seinem Besucher die Hand und sagt: "Ich bin der Vater der Feuerschlange, der Erfinder des FX-05." Er greift ein schweres Buch aus seinem Regal, Titel: "Die Waffen des Friedens", blättert darin, zeigt auf Fotos von sich in Militäruniform und vom Gewehr, das er auch sein "Baby" nennt.

Gut erinnert er sich an den Tag der Militärparade im Jahr 2006, als sein Baby das erste Mal das Tageslicht sah. Erinnert sich, wie er damals gefeiert wurde. Er war ein Held, sogar Verteidigungsminister sollte er werden. Und er erinnert sich auch, wie es nur wenige Wochen dauerte, bis er plötzlich als Raubkopierer und Fälscher beschimpft wurde. Bis heute, sagt er, habe er nicht verstanden, was damals eigentlich passiert sei.

"Die Deutschen wollten uns verarschen"

Fragt man ihn, wieso er das FX-05 erfand, sagt er: "Die Deutschen wollten uns verarschen, da haben wir unsere eigene Waffe gebaut. Ganz allein, ohne Deutsche." Er bestreitet nicht, dass die Mexikaner überlegten, die Lizenz für das G36 zu kaufen, und sich mit Firmenvertretern trafen. "Aber das war ein richtig schlechtes Angebot. Die Maschinen, die Heckler & Koch uns verkaufen wollte, waren alt und völlig überteuert. Die wollten uns reinlegen!"

Er habe dann ein eigenes Gewehr entwickelt, "klein und leicht sollte es sein, so wie die mexikanischen Soldaten".

Dass der General die Waffe allein entwickelt hat, ohne in die technischen Unterlagen von Heckler & Koch geschaut zu haben, bleibt unwahrscheinlich. Denn auch bei der Produktion setzte er auf Gerät aus Deutschland. Er kaufte Maschinen in der Schweiz und in der Bundesrepublik, um das Plastik für sein neues Gewehr zu bearbeiten und den Stahl zu fräsen. Er blättert im Buch und zeigt auf die Maschinen: eine Schweizer Tornos Deco 20a und zwei Maschinen der deutschen Firma Gildemeister. "Damit kann man alles machen!", sagt er und grinst. "Plastik und Metall schneiden – und es dauert nur fünf Minuten pro Waffe! Nicht fünf Stunden, wie es bei den Maschinen von Heckler & Koch der Fall war."

Was der General erzählt, passt zur offiziellen Version des deutschen Unternehmens. Aber ist es die Wahrheit?

Maschinen zur Rüstungsproduktion lassen sich leichter in Deutschland bestellen als fertige Gewehre. Die Geräte fallen unter das Außenwirtschaftsgesetz, das Exporte generell erlaubt. Die Bundesregierung verhindert solche Ausfuhren nur sehr selten. Über Lieferungen von Kriegswaffen aber entscheidet der Bundessicherheitsrat, ein geheim tagender Ausschuss des Kabinetts, und die Bundesrepublik gilt als schwieriger Partner bei Rüstungsfragen. Auch deswegen dürfte für die Mexikaner eine eigene Sturmgewehrproduktion attraktiv gewesen sein. Die Feuerschlange können sie nicht nur selbstständig herstellen – sondern auch unbegrenzt auf dem Weltmarkt anbieten, was als Lizenzproduktion des G36 verboten wäre.

Als der General das neue Gewehr auf der Militärparade präsentierte, stand auch ein ehemaliger Mitarbeiter von Heckler & Koch unter den Zuschauern. "Ich fass es nicht, das FX-05 sieht genau aus wie unser G36!", sagte er damals zu seinen Kollegen in Deutschland. So erzählt der Zeuge es später der Zeit. Heckler & Koch schickte daraufhin eine Delegation nach Mexiko. Denn eigentlich verhandelten beide Seiten zu diesem Zeitpunkt noch über den Nachbau des G36 – und nun präsentierten die Mexikaner ein eigenes Sturmgewehr, das dem deutschen so ähnelte.

"Heckler & Koch forderte, dass wir die Waffe zurückziehen und zerstören", sagt Oropeza Garnica in seinem Büro. "Aber wir sind doch nicht doof!" Sie hätten sich zusammengesetzt, die Heckler-&-Koch-Vertreter und ein paar Mexikaner vom Verteidigungsministerium. Er habe mehrere Anwälte gehabt, die sagten, es gebe kein internationales Patentrecht für Waffen – und er habe Heckler & Koch so beschwichtigen können.

Heckler & Koch verzichten auf Plagiatsklage

Doch das ist falsch. Heckler & Koch meldet wesentliche Bestandteile seiner Produkte stets zum Patent an. Dennoch – und das ist das Merkwürdige – gab sich das deutsche Unternehmen nach eigenen Angaben mit der Antwort des Generals zufrieden. In ihrer schriftlichen Antwort erklärt die Firma: "Eine Überprüfung hat ergeben, dass zwischen dem FX-05 und dem G36 wesentliche Unterschiede bestehen. Es handelt sich somit nicht um eine nach dem Patentrecht relevante Kopie des G36."

Experten weisen in Untersuchungen wie dem Small Arms Survey und in Rüstungs-Blogs auf die große Nähe der beiden Sturmgewehre hin: Beide feuern bis zu 750 Schuss in der Minute, beide nutzen einen Gasdrucklader, beide verschießen das Kaliber 5,56, und beide sind für Magazine mit 30 Patronen ausgelegt. Von einer mexikanischen "Kopie" schreiben die Fachleute vom "Deutschen Aktionsnetz Kleinwaffen Stoppen". Und selbst der damals für Mexiko zuständige Vertriebsmitarbeiter von Heckler & Koch sagte im Dezember vor dem Landesarbeitsgericht in Freiburg, das FX-05 sei ein Klon des G36.

Dass Heckler & Koch die Erklärung des mexikanischen Verteidigungsministeriums einfach so hinnahm, ohne Aufschrei, ohne internationale Klage, finden Kritiker der Waffenhersteller wie Jürgen Grässlin vom Rüstungsinformationsbüro bis heute verdächtig.

Als nach der Militärparade Gerüchte über Piraterie laut wurden, verlor der General seinen Posten. Wurde in die mexikanische Pampa versetzt und bekam einen Job, in dem er keine Verantwortung mehr hatte, keine Macht. "Man hat mich aus dem Weg geschafft", sagt er in seinem Arbeitszimmer in Mexiko-Stadt. Zwei Jahre später, im Jahr 2008, verließ er die Armee. Und arbeitet seitdem in diesem Büroturm, als Direktor der Unternehmensstrategie für die staatliche Telefongesellschaft.

Das Angebot von Heckler & Koch war zu teuer für die Mexikaner, sie machten ihr eigenes Gewehr. Das ist die Version der Geschichte, wie Heckler & Koch und der General sie erzählen. Bloß lässt sie wichtige Fragen offen: Warum wurde der General versetzt, statt Verteidigungsminister zu werden? Warum klagte Heckler & Koch nicht gegen die Mexikaner? Die deutsche Firma hätte den Prozess gewinnen können. Stattdessen blieb sie in regem Kontakt mit dem mexikanischen Verteidigungsministerium.

Versteckte Dokumente

Weitere Recherchen legen eine andere Erklärung nahe. Eine Wahrheit hinter den Versionen: Dokumente, die ahnen lassen, dass der Vertrag doch nicht geplatzt ist. Dass es später zu einer Kompensation für Heckler & Koch kam. Und dass deutsche Wirtschaftsinteressen hier über deutsche Moral gehen.

Etwas versteckt, hat die ZEIT öffentlich zugängliche Dokumente im Internet gefunden, auf den Seiten der mexikanischen Regierung: die Kostenpläne der Regierung für das jeweils kommende Jahr. Eins der Dokumente ist datiert auf den 1. Januar 2007. Dort ist aufgelistet, welche Kosten für 2007 anfallen werden und welche Raten von Projekten, die schon in der Vergangenheit begonnen haben, in den kommenden Jahren noch gezahlt werden müssen. Auch die im vergangenen Jahr bereits bezahlten Raten von Großprojekten sind dort aufgelistet.

Auf Seite 1 von 7 steht als dritter Posten: "Technologietransfer für die Fertigung des G36-Gewehrs Marke Heckler Koch, Kal. 5,56 mm x 45". In der Spalte daneben der Gesamtbetrag: umgerechnet 25 Millionen Euro. In weiteren Spalten ist die Gesamtsumme aufgeteilt in fünf Jahresraten, die erste Zahlung fällt in das Jahr 2006, die letzte soll 2010 bezahlt werden.

Unter der Jahreszahl 2006 steht ein Betrag, der bereits gezahlt worden ist: umgerechnet anderthalb Millionen Euro. Die erste Rate ist also 2006 von der mexikanischen Regierung an Heckler & Koch gegangen. Auch in den Kostenplänen der Folgejahre tauchen die Zahlungen auf. Insgesamt ist demnach bis 2009 eine Gesamtsumme von umgerechnet knapp zehn Millionen Euro bezahlt worden. Im Kostenplan von 2010 verschwindet der Posten plötzlich von der Liste, bevor der anfangs geplante Gesamtbetrag erreicht ist.

Was aus dem ausgegebenen Geld wurde, beantwortet keiner. Heckler & Koch bestreitet, dass das Unternehmen Geld erhalten habe. In der schriftlichen Antwort auf Fragen der ZEIT schreibt Heckler & Koch: "Es ist kein Vertrag über die Lizenzfertigung des G36 zustande gekommen. Dementsprechend wurde auch keine Lizenzgebühr, auch keine Teile einer solchen, an unsere Mandantschaft gezahlt." Auch zahlreiche Anfragen der ZEIT an die mexikanische Regierung bringen kein Resultat. Auf eine öffentliche Anfrage antwortet sie: "Dazu gibt es keine Information, weil das Projekt zum Technologietransfer des G36 nicht umgesetzt wurde."

Die Fragen bleiben offen: Warum scheiterte der Deal zur Lizenz? Was wurde aus den zehn Millionen Euro, die Mexiko laut den Dokumenten an die deutsche Firma überwies? Und was geschah wirklich bei dem Treffen zwischen den deutschen Vertretern und den mexikanischen Militärs?

Überraschender Großauftrag für Heckler & Koch

Der G36-Deal

Die Vertreter von Heckler & Koch waren im Februar 2007 nach Mexiko-Stadt gekommen, weil sie sich beschweren wollten, dass die Mexikaner mit ihrem FX-05 eine Raubkopie des G36 hergestellt hatten. Es ist das Treffen, von dem der General sagte, er habe die Heckler-&-Koch-Vertreter überzeugen können, dass das mexikanische Gewehr kein Plagiat des G36 sei. Was Heckler & Koch heute schriftlich bestätigt.

Was aber wirklich bei dem Treffen besprochen wurde, lässt sich nicht genau rekonstruieren. Auffällig ist, was danach geschah: Das mexikanische Verteidigungsministerium erteilte einen Großauftrag an Heckler & Koch. In den Jahren zwischen 2007 und 2009 wurden rund 10.000 G36-Gewehre aus deutscher Fertigung bestellt. Das berichtet ein ehemaliger Mitarbeiter der Firma.

War das eine Kompensation dafür, dass die Mexikaner sich beim G36 bedient haben, um das FX-05 zu bauen? Hat Heckler & Koch wegen des Großauftrags auf eine Klage verzichtet? Vieles spricht dafür. "Es würde den nachträglichen Kauf von rund 10.000 Sturmgewehren des Typs G36 bei Heckler & Koch in Deutschland erklären", sagt Jürgen Grässlin, der seit Jahrzehnten zu den Exporten des schwäbischen Waffenherstellers recherchiert. Für ihn sieht es nach einem möglichen Deal aus: Um ein Patentverfahren zu umgehen, bestellen die Mexikaner Tausende Gewehre.

Die Bundesregierung stimmte dem Exportantrag von Heckler & Koch zu. Allerdings sollten die Waffen nicht in alle mexikanischen Bundesstaaten geliefert werden. Sie sollten nicht an lokale Polizeieinheiten in Chiapas, Chihuahua, Jalisco und Guerrero abgegeben werden. Bürgerrechtler berichten seit Jahren von korrupten Polizisten dort, von willkürlichen Inhaftierungen, Folter und Tötungen.

Das mexikanische Verteidigungsministerium gibt zu, dass heute knapp die Hälfte der rund 10.000 importierten Gewehre in den vier Krisenprovinzen im Einsatz sind, in denen der Drogenkrieg besonders brutal geführt wird – und für die die Bundesregierung keine Exportgenehmigung erteilt hat.

Wofür die deutschen Waffen in Mexiko eingesetzt werden? 36 der illegalen G36-Gewehre wurden beschlagnahmt, als im September des vergangenen Jahres die Studenten im Bundesstaat Guerrero verschleppt worden sind; die Polizisten hatten in der Angriffsnacht mit den Gewehren auf die Reisebusse geschossen, in denen die jungen Männer saßen. Im März hat die ZEIT ein G36-Gewehr im selben Bundesstaat entdeckt, das Bürgerpolizisten einem lokalen Drogenboss abgenommen hatten.

Die deutschen Waffen sind also nicht nur in Regionen gelandet, in die sie nicht hätten exportiert werden dürfen – sondern sogar in den Händen von Kriminellen. Der Fall zeigt, wie leicht die deutsche Ausfuhrkontrolle versagt.

Besonders bei den Kleinwaffen, wie automatische Gewehre und Pistolen im Fachjargon heißen, gab es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Exportskandale. Dennoch hat sich an den deutschen Exportgesetzen nichts geändert. Im Fall von Heckler & Koch aber haben die Oppositionsparteien die Geduld verloren. Grüne und Linke fordern, dass die Firma keine Ausfuhren mehr tätigen darf, bis die Vorwürfe geklärt sind. Und sie sprechen sich generell für eine Verschärfung der Kontrollen aus. "Jede Frittenbude in Deutschland wird strenger kontrolliert als Rüstungsunternehmen", sagt Jan van Aken, Rüstungsexperte der Linken. So überprüften Kontrolleure bei der Imbissbude, ob das Öl in der Fritteuse gewechselt worden sei. Doch bei Firmen, die Gewehre ins Ausland lieferten, überprüfe niemand mehr, wo das Kriegsgerät bleibe.

Auch für deutsche Waffen, die im Ausland nachgebaut werden, gibt es keine Kontrollen. Und wenn mit deutschem Know-how oder deutschen Maschinen im Ausland Sturmgewehre produziert werden, wie es beim FX-05 der Fall sein könnte, fühlt sich die Bundesregierung nicht verantwortlich dafür. Offiziell geht sie davon aus, dass die Mexikaner das Gewehr selbst produzieren. Die Ermittler der Staatsanwaltschaft Stuttgart haben daran Zweifel. Sie prüfen, ob wirklich keine Deutschen in die Produktion des FX-05-Gewehrs eingebunden sind.

Der "Chefingenieur des FX-05"

Der Überläufer

In einem Café in Mexiko-Stadt sitzt der Mann, der die Brücke zwischen dem deutschen G36-Gewehr und dem mexikanischen FX-05-Gewehr ist: Er will nicht mit echtem Namen genannt werden, nennen wir ihn deshalb Thomas Meier. Meier ist Maschinenbautechniker, 25 Jahre lang war er angestellt bei Heckler & Koch, arbeitete als Vertreter für die Firma in Mexiko. Er sei "der Mann für alles" gewesen, sagt er. Er kaufte die Rohstoffe ein, die die Mexikaner für die Herstellung des G3-Gewehres brauchten, Plastik und Stahl, er bestellte nach, was fehlte, Werkzeuge, Ersatzteile, er machte Kurse mit Polizisten und Soldaten, in denen er erklärte, wie man die Heckler-&-Koch-Gewehre richtig benutzt.

Um die Jahrtausendwende, als das G3-Gewehr veraltet war und es vorerst zu keinem neuen Vertrag zwischen Heckler & Koch und dem mexikanischen Staat kam, zog die deutsche Firma ihre Vertreter ab aus Mexiko. Nur einer blieb zurück: Thomas Meier.

Er machte sich selbstständig, gründete eine Firma, die der mexikanischen Marine und der Armee Teile zuliefert; Dinge wie Motoren und Stahl. Er ist Stammgast in der fábrica de armas, der Waffenfabrik, er hilft den Mexikanern bei ihren Bestellungen und lieferte jahrelang den Stahl für die Gewehrläufe des FX-05.

Klopft man heute an den Toren der Waffenfabrik in Mexiko-Stadt, sagen die Soldaten, Meier sei sogar "der Chefingenieur des FX-05". Meier bestreitet das. Er sagt, auch er kenne den angeblich geplatzten Lizenzvertrag, auch er sei überrascht gewesen von der Ähnlichkeit des mexikanischen Gewehrs mit dem G36, auch ihn habe diese Kopie geärgert. Und trotzdem arbeitet er für dieses neue Gewehr? "Waffen helfen den Leuten hier in Mexiko. Seit die Kriminalität im Drogenkrieg zugenommen hat, braucht der Staat Waffen, um sich zu verteidigen."

Meier fühlt sich Heckler & Koch immer noch eng verbunden. Er kannte das G36-Gewehr gut. Er kannte die Baupläne und die Maschinen. Und heute arbeitet Meier auch für das FX-05-Gewehr.

Heckler & Koch gibt an, keine Geschäftsverbindung mehr zur Firma von Meier zu haben. Im Verfahren vor dem Landesarbeitsgericht in Freiburg deutete ein Anwalt des Waffenherstellers an, dass Meier sehr enge Verbindungen zu mexikanischen Behörden habe. Es klang so, als ob der Jurist dem ehemaligen Mitarbeiter von Heckler & Koch die Schuld an vielem gebe, was in Mexiko schiefgelaufen sei. Der Handelsvertreter habe eigenmächtig und ohne "Wissen und Wollen anderer Personen im Unternehmen" gehandelt, hieß es auf einem Aushang in der Firmenzentrale in Oberndorf.

Was also steht am Ende dieser Geschichte? Wie eng sind das deutsche G36 und das mexikanische FX-05 miteinander verbunden?

Dass es eine Verbindung gibt, ist offensichtlich: Deutsche sind – beginnend mit der Idee, die sie pflanzten; über Baupläne, die sie hinterließen; bis hin zu Maschinen, die sie exportieren, und dem Personal, das überlief – beteiligt an der Produktion des FX-05-Gewehrs. Deutsche haben nicht nur ein paar Tausend G36-Gewehre nach Mexiko exportiert und so den Drogenkrieg befeuert. Sie sind auch daran beteiligt, dass dort jedes Jahr Zehntausende neue Gewehre hergestellt werden.

Die Bundesregierung hat zwar Gesetze und Grundsätze, die den Export von Waffen regulieren sollen, aber keine effektiven Kontrollen. Auf internationalen Konferenzen fordert sie die Vernichtung von Kleinwaffen – und trotzdem verhindert sie nicht, dass Deutsche bei der Entwicklung eines Sturmgewehres im Ausland helfen.

Zu Beginn war es eine deutsche Idee, die den Mexikanern gefiel. Daraus wurde eine Waffe mit dem Namen FX-05, an der ein deutsches Unternehmen womöglich gut verdient hat. Nur hat der deutsche Staat die Kontrolle über diese Waffe verloren und überlässt sie einem Land im Drogenkrieg, in dem jeden Tag Frauen, Männer und Kinder erschossen werden.

Mitarbeit: Carlos Pérez Ricart