Michael Althens Vater machte dem Sohn einmal ein Kompliment, das für diesen auch deshalb wertvoll gewesen sein könnte, weil es nicht nur eine Anerkennung, sondern eine aufmerksame Nuancierung seiner Arbeit enthielt. "Du schreibst", sagte er, "wunderschöne Filmkritiken, aber am schönsten sind deine Nachrufe."

Tatsächlich hatte man den Eindruck, Althen käme seinem unverwechselbaren, inspirierten Vermögen des Betrachtens und Denkens besonders nah, wenn er über Leinwandgrößen wie Audrey Hepburn oder Robert Mitchum schrieb, die gerade verstorben waren. Die Leerstelle, die sie hinterließen, schien den leidenschaftlichen Wunsch, sich in ihre Bilder und Biografien zu vertiefen und davon zu erzählen, noch einmal zu steigern. Fast so, als würde die Leerstelle ein wenig kleiner, wenn der Verblichene im Text eine maximal mögliche Präsenz gewann. Es war eigentlich eher ein Herbei- als ein Nachrufen, man könnte auch sagen: eher eine Art Séance als eine Verabschiedung. Dieser Spur folgt nun auch der Regisseur Dominik Graf mit seinem Dokumentarfilm Was heißt hier Ende? über Michael Althen, der lange Jahre vor allem für die SZ schrieb, 2001 die innig geliebte Heimatstadt München verließ, um von Berlin aus für die FAZ zu arbeiten, und im Mai 2011 verstarb.

Selten hat man Menschen so unselbstbezüglich und gerade deshalb bewegend über einen Abwesenden sprechen hören wie hier. Die Regisseure Wenders, Petzold, Karmakar, Tykwer kommen zu Wort, zahlreiche Freundeskollegen wie Claudius Seidl, Wolfgang Höbel, Tobias Kniebe, Hans Helmut Prinzler, Anke Sterneborg, Stephan Lebert, Moritz von Uslar, Peter Körte, Andreas Kilb, der Lieblingswirt Charles Schumann – wirklich viele, die Michael Althen immens schätzten und halt auch von Herzen mochten. Althens Eltern, seine Frau, seine zwei halbwüchsigen Kinder erinnern sich vor Grafs Kamera, die eben keine Trauergemeinde abbildet, sondern einen Stimmenchor der Vergegenwärtigung. Grafs eigene weich-sonore Stimme ist aus dem Off in jenen langen Passagen zu hören, in denen er aus Michael Althens Texten vorliest und sie mit Filmsequenzen illustriert.

Ruhige Eleganz trägt den Film, der natürlich etwas Trauriges hat – wie könnte es anders sein, wenn ein knapp Fünfzigjähriger aus dem Leben geholt wurde –, aber auch das Tröstliche des Herbeirufens. Eine der letzten Szenen ähnelt tatsächlich einer Séance. Althens Frau und die Kinder sitzen, ohne Filmlicht, im abgedunkelten Zimmer. Ihre Gesichter sind nicht zu erkennen, wenn sie erzählen, wie sie mit Michael Althen den letzten Tag verbrachten, gemeinsam noch einen Film anschauten. Eine Szene, die, so wirkt es, in Kontakt steht mit dem Schattenreich. "Wir bleiben in losem Kontakt", sagte Althen gern, wenn er nach einem langen Abend Freunde verließ und bis in die Morgenstunden an seinen Kritiken und Essays schrieb.