Wie einst die Freiheitsstatue in New York soll der SkyRise-Tower in Miami bald Einwanderer in den USA begrüßen. Der Bau soll das höchste Haus der Metropole werden. Doch die Zuwanderer werden nicht wie vor 100 oder 150 Jahren über das Wasser kommen. Nein, sie werden selbst Hunderttausende von Dollar in den Bau mit allerlei Freizeiteinrichtungen inklusive Free-Fall-Tower an der Fassade investieren – und damit sehr gute Aussichten auf eine Greencard erwerben: das Dokument, das den dauerhaften Aufenthalt in den USA erlaubt. "Das verschafft uns Zugang zu günstigem Kapital", sagt Bauunternehmer Jeff Berkowitz. 540 ausländische Investoren braucht er für das Projekt. "Und die kriegen wir auch."

430 Millionen Dollar soll der Bau von SkyRise Miami kosten, davon sollen 270 Millionen mithilfe des EB-5-Visums reinkommen. Das Programm der US-Regierung verlangt von ausländischen Geldgebern Investitionen in Höhe von mindestens 500.000 Dollar. Das betreffende Projekt muss binnen zwei Jahren mindestens zehn Vollzeitjobs schaffen. Wer die Bedingungen erfüllt, bekommt die begehrte Aufenthaltsgenehmigung. Berkowitz ist sicher, dass es ihm bei diesen Konditionen nicht an Interessenten mangeln wird. Bald soll der Bau beginnen, 2018 soll SkyRise seine Türen öffnen.

Das EB-5-Programm ist so beliebt wie nie zuvor. Seit der Finanzkrise und der darauf folgenden Kreditklemme ist die Zahl der Anträge exponentiell angestiegen, 2014 wurde erstmals die aktuell geltende Jahresobergrenze von 10.000 erreicht. Eine Reform des Programms wird gerade in diesen Wochen im amerikanischen Kongress diskutiert. Erwartet wird, dass Washington das jährliche Kontingent ausweitet. "Es ist ja eine Maßnahme zur Schaffung von Arbeitsplätzen", sagt Berkowitz.

Kanada, Australien und einige karibische Länder offerieren vergleichbare Programme für wohlhabende Interessenten, ebenso europäische Länder wie Portugal, wo der Kontrast zum Elend der Armutsflüchtlinge im Mittelmeer krass ins Auge fällt (ZEIT Nr. 18/15). Wohnsitze, Aufenthaltsgenehmigungen und Staatsbürgerschaften mit damit verbundenen Reisepässen, die ein visafreies Reisen erlauben, sind weltweit zur Ware geworden. Mit den sogenannten goldenen Visa ist ein neuer globaler Markt entstanden: vor allem auch für ärmere Länder, die einen wertvollen Rohstoff entdeckt haben.

Allein 2014 wurden weltweit zwei Milliarden Dollar für zusätzliche Reisepässe ausgegeben, schätzt Henley & Partners. Das Beratungshaus mit Hauptsitz auf der Kanalinsel Jersey hat sich auf das Geschäft mit der Vielstaaterei spezialisiert – und gilt als führend in der noch jungen Branche, zu der auch Arton Capital aus Kanada zählt (Motto: "Werden Sie ein globaler Bürger"). Henley & Partners sieht die Nachfrage der Investoren weltweit stark wachsen, mit bis zu 30 Prozent jährlich. Angesichts neuer globaler Krisen wie des IS-Terrors im Nahen Osten oder des Konflikts in der Ukraine könnte der Bedarf sogar noch weiter zunehmen.

Auch reiche Länder wie die USA können das Geld gut gebrauchen. "Als die Banken in der Finanzkrise die Kreditvergabe praktisch einstellten, wandten sich bedeutende Bauprojekte im ganzen Land auf der verzweifelten Suche nach Kapital den EB-5-Investoren zu", erklärt US-Einwanderungsanwalt David Hart. Inzwischen geht es der Wirtschaft wieder besser, doch diese Geldgeber sind weiter attraktiv. "Für die Unternehmer ist es immer noch sehr billiges Geld." Die Zinsraten liegen unter denen der Banken: häufig zwischen 0,5 und 1,5 Prozent, sagt Hart. "Ich habe auch schon von welchen mit null Prozent gehört." Die Greencard ist den Anlegern als Rendite viel mehr wert.

Mehr als 85 Prozent der EB-5-Inhaber stammen aus China. Das liege vor allem am rasanten Anstieg des dortigen Reichtums, so Hart: "Chinesische Investoren wollen ihre Familie in eine gesicherte Umgebung bringen und ihren Kindern bessere Ausbildungsmöglichkeiten bieten." Ähnlich sei das bei Antragstellern aus Südkorea, das mit zwei Prozent auf Platz zwei steht. Dahinter folgen Mexiko, Taiwan, Vietnam. In den nächsten Monaten erwartet Hart einen deutlichen Anstieg der Nachfrage aus Russland – mit Blick auf die Ukraine-Krise und die Sanktionen des Westens gegen Moskau.

"Nach den Anschlägen vom 11. September hat es einen kräftigen Schub gegeben", sagt Christian H. Kalin, der Chairman von Henley & Partners. "Die politischen Konflikte haben zugenommen, und die Menschen wollen mobiler sein." Seit mehr als 20 Jahren ist der Schweizer im Geschäft. Nach eigenen Angaben hat er in den vergangenen Jahren den Regierungen von Malta, Zypern und Karibikstaaten wie Grenada, St. Kitts und Nevis sowie Antigua und Barbuda bei der Gestaltung ihrer Programme geholfen.

Kalin sagt, es sei wichtig, zu unterscheiden zwischen Programmen für Wohnsitze und Aufenthaltsgenehmigungen (residency) sowie Programmen für Staatsangehörigkeit (citizenship). Mit einer Greencard etwa, die man über das EB-5-Visum erlangt hat, kann man erst nach fünf Jahren dauerhaften Aufenthalts die US-Staatsbürgerschaft inklusive US-Reisepass beantragen. Auf einem Index der attraktivsten Aufenthaltsprogramme setzt Henley & Partners die USA auf Platz sechs. Angeführt wird die Liste von Portugal. Dahinter folgen Österreich, Belgien und Malta.