Bismarck gründete das Reich. "Er allein?", würde Bert Brecht fragen. "Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?" Er hatte, sogar mehrere.

Es waren Politiker, die mit dem preußischen Konservativen gegen den "heil- und gottlosen Souveränitätsschwindel der deutschen Fürsten" kämpften – aber im Gegensatz zu ihm sich nicht damit begnügen wollten, "Preußen als Preußen" an die Spitze eines monarchischen Reiches zu stellen. Sie wollten eine demokratische Verfassung oder wenigstens einen Rechtsstaat, ein der Regierung gleichberechtigtes Parlament mit einem Haushaltsrecht, das für die Regierung verbindlich ist. Darüber hinaus forderten sie Presse-, Wissens- und Lehrfreiheit, Versammlungs- und Koalitionsfreiheit, freie Berufswahl, Gewerbe- und Handelsfreiheit, Gleichberechtigung der Konfessionen, auch der jüdischen, die Vereidigung des Militärs auf die Verfassung, eine konsequente Gewaltenteilung, kommunale Selbstverwaltung und natürlich die Abschaffung des preußischen Polizeistrafrechts.

Wie selbstverständlich ist das alles für uns heute! Damals aber waren diese Forderungen keine Selbstläufer. Die Bürger und Parlamentarier, die für sie eintraten, riskierten Leib, Leben und Freiheit, persönliches Ansehen, berufliche Stellung und Vermögen – und viele verloren alles.

Zu diesen Parlamentariern gehörte Eisek (später Eduard) Lasker aus Jarotschin in der preußischen Provinz Posen. Der Heidelberger Rechtshistoriker Adolf Laufs eröffnet 1984 seine sensible Biografie über ihn mit einem glänzenden Zitat Laskers: "Als gute Sache bezeichne ich die Befreiung der Individuen, die Selbständigkeit der Willen, die Zurückweisung der schicksalsähnlichen Stellung, welche die mächtigeren Männer der Zeit sich zu erobern wünschen!" Das möchte man so ähnlich noch heute hören!

Geboren 1829 als Sohn eines kleinen Fabrikanten, trat Eduard Lasker nach Schul- und Universitätsjahren in Breslau – und einem Aufenthalt in London – in den Preußischen Staatsdienst ein. Doch seine Karriere währte nur kurz, denn bald schon verließ der Königlich Preußische Gerichts-Assessor den Justizdienst wieder, um nicht konvertieren, um sich nicht taufen lassen zu müssen. Denn als Jude, so meinte die Behörde, könne er doch keine christlichen Eide abnehmen!

Er kämpft gegen Preußens korrupte Beamte und für die Pressefreiheit

"Selbständig soll und muß jeder Bürger sein", schrieb er daraufhin, jetzt als freier Publizist, "denn jeder hat für sein eigenes Wohl zu sorgen." Er habe aber einen Anspruch auf Schutz vor verletzender Willkür. "Achtung der Bürger vor dem Gesetze, aber noch früher Achtung der Gesetze vor den Rechten des Einzelnen. Im Rechtsstaat ist die Rechtsverletzung das schlimmste Übel, sie darf nie und von keiner Seite geduldet werden."

Laskers politische Karriere begann 1864 im Berliner Abgeordnetenhaus. Zeitweise gehörte er gleichzeitig dem Preußischen Landtag am Dönhoffplatz und dem Reichstag in der Leipziger Straße an. Bald war er der führende Parlamentarier der liberalen Fortschrittspartei, der sich nicht scheute, mit seinem Standpunkt seine Wiederwahl zu riskieren, und der doch immer wieder in Wahlkreise berufen wurde, in Berlin, Magdeburg, Frankfurt am Main und schließlich Sachsen-Meiningen.

Er war klein von Gestalt, nicht einmal mit einer guten Stimme ausgerüstet, aber ein selbstbewusster und bewegender Redner, der durch seine innere Unabhängigkeit, seine Furchtlosigkeit, seine dominierende Sachkenntnis überzeugte und schließlich so geachtet war, dass selbst Bismarck ihm den Respekt nicht versagen konnte. Bei der "Beratung über die Verfassung, namentlich über das gesamte Justizwesen", so bemerkte der Reichskanzler einmal rückblickend, konnte "keine Regierungsvorlage angenommen werden, wenn nicht der Stempel Lasker darauf gesetzt war".

Bismarck hofierte und umschmeichelte ihn, lud ihn während der Sitzungsperioden zu seinen samstäglichen Soireen ein, solange er ihn brauchte – und schmähte ihn schließlich bis über den Tod hinaus.

Eduard Lasker strebte kein Amt an und wurde doch neben dem Reichstagsmandat ehrenamtlicher Richter am Berliner Verwaltungsgericht für Armenstreitigkeiten. Orden erhielt er nicht, aber eine juristische und eine philosophische Ehrenpromotion der Universitäten Leipzig und Freiburg.