Ein Sportwagen von Porsche hat eine Höchstgeschwindigkeit von 300 Kilometern pro Stunde. Deshalb ist es verboten, mit einem Porsche eine Tempo-30-Zone zu befahren, um die anderen Verkehrsteilnehmer und die Fußgänger nicht zu gefährden.

Das finden Sie absurd? Eine solche Verkehrsvorschrift gibt es ja auch nicht. Zumindest nicht für Autos. Für Fahrräder hingegen ist die Rechtslage in Deutschland eine andere. Hier gelten Regeln, die dem technischen Fortschritt, dem Umweltschutz und modernen Verkehrskonzepten im Wege stehen, weil sie einen Teil der Elektrofahrräder von den Radwegen verbannen.

Vor zehn Jahren kamen die ersten elektrisch unterstützten Räder, sogenannte Pedelecs, auf den Markt. Seitdem sind drei Millionen von ihnen verkauft worden. Zum Vergleich: Das Ziel der Bundesregierung, eine Million Elektroautos auf Deutschlands Straßen zu bringen, ist noch 900.000 Fahrzeuge weit entfernt.

Die Technik der Pedelecs hat enorme Fortschritte gemacht. Die Preise sind stark gefallen, die Reichweite der Akkus und die Effizienz der Antriebe gestiegen. Maßgeblich durch Technik made in Germany, genauer: von Bosch Reutlingen. Auch kulturell hat sich ein Wandel eingestellt. Pedelecs gelten nicht mehr als Rentnerfahrzeuge, sie sind alltagstauglich geworden. Der Anzugträger kommt per Elektrofahrrad unverschwitzt ins Büro. In Städten, die sich über Täler und Hügel ausbreiten, ist es für alle einsetzbar. Auch ältere Menschen können so ohne große Anstrengungen mobil bleiben. Mit dem Elektroantrieb steigt die auf zwei Rädern bequem zurückzulegende Distanz von fünf auf zehn Kilometer. Bei 90 Prozent aller Autofahrten wird eine kürzere Distanz zurückgelegt. Pedelecs könnten also die Mobilität in den verstopften, verlärmten und verschmutzten Städten revolutionieren.

Doch diese Rechnung ist ohne die Straßenverkehrsordnung gemacht. Sie verlangt, dass Pedelecs maximal 25 Kilometer pro Stunde schnell sein dürfen. Das ist gut auf den Radwegen, aber auf den Straßen bereits in einer 30er-Zone zu wenig, um im Verkehr sicher mitschwimmen zu können. Wer täglich aus Vororten in die Stadt pendelt, wird in der Regel mit einer Höchstgeschwindigkeit von 25 Stundenkilometern auf freier Strecke zu viel Zeit verlieren, um das Auto stehen zu lassen.

Technisch gibt es dafür eine brillante Lösung: das S-Pedelec. S steht für schnell, wie bei der S-Bahn. S-Pedelecs erreichen eine Geschwindigkeit von 45 Kilometer pro Stunde. Auch ich habe ein S-Pedelec. Seit fünf Jahren ersetzt es mir als Oberbürgermeister von Tübingen meinen Dienstwagen. Und, nebenbei bemerkt, ich habe damit Testrennen gegen Autos gewonnen, selbst wenn es bergauf ging.

Für den Gesetzgeber sind die S-Pedelecs so etwas wie die Porsches unter den Autos. Deshalb verlangt er auch richtigerweise einen Führerschein, einen Helm und ein Versicherungskennzeichen. Dumm nur, das man als S-Pedelec-Fahrer ausgerechnet Radwege nicht mehr nutzen darf.

Bis vor Kurzem galt noch eine Auslegung der Straßenverkehrsordnung, die uns wenigstens außerhalb geschlossener Ortschaften die Benutzung von Fahrradwegen gestattete. Doch auch das ist nun verboten worden. Mittlerweile dürfen wir nur noch auf regulären Straßen fahren. Damit werden S-Pedelecs praktisch unbenutzbar. Denn außerorts auf stark befahrenen Straßen im Berufsverkehr macht ein S-Pedelec weder Freude noch Sinn, sondern wird zu einem Gerät für Masochisten und Selbstmörder. In der Stadt stehen die Radler dann im Stau zwischen Autos und Abgasen, wenn die Radwege für sie tabu sind.

Das Bundesverkehrsministerium begründet diese steinzeitliche Regelung mit Sicherheitsbedenken. Die Geschwindigkeitsdifferenz zwischen S-Pedelecs und konventionellen Fahrrädern sei so groß, dass die Elektrovariante von Radwegen ausgeschlossen gehöre. Nach derselben Logik müssten Sportwagen dann künftig vor den Städten parken. Es kommt eben nicht auf die technische Höchstgeschwindigkeit an, sondern auf die tatsächlich gefahrene.

Die Lösung des Problems bedarf nicht mehr als einer kleinen Klarstellung in der Straßenverkehrsordnung: In geschlossenen Ortschaften sollte künftig auch auf Radwegen ein Tempolimit von 30 Kilometern pro Stunde gelten – Rennradfahrer werden das verschmerzen können. Zugleich muss Kommunen erlaubt werden, Radwege, die ausreichend breit und übersichtlich ausgebaut sind, auch für die Nutzung von S-Pedelecs freizugeben. Innerorts gäbe es dann ein Tempolimit, außerorts wäre die Strecke freigegeben.

Das gerne genutzte Gegenargument, die Geschwindigkeit von Radlern könne nicht kontrolliert werden, greift nur bedingt. Wie allgemein bekannt ist, sind vor und nach Radarfallen Geschwindigkeitsüberschreitungen von Autos die Regel und nicht die Ausnahme. Flächendeckend kontrollierbar ist das auch nicht. Und wer ein Pedelec fährt, dem ist wie jedem anderen Radfahrer auch bewusst, dass ein Unfall in erster Linie ihn mehr gefährdet als einen Autofahrer.

Technisch wäre eine Kontrolle leicht umsetzbar: Das Tempo der S-Pedelecs könnte durch das Aktivieren einer grünen LED, die ab 30 Stundenkilometern leuchtet, im Vorbeifahren erfasst werden.

Für Stau, Feinstaub und Parkplatznot in den Städten gibt es mit den S-Pedelecs endlich eine Lösung, die auch noch etliche Milliarden Euro günstiger ist als etwa der Ausbau von Bus- und U-Bahn-Linien. Jetzt muss nur noch der Bundesverkehrsminister seine Vorschriftenblockade aufgeben, damit es losgehen kann.