Es gibt in Sex and the City eine Szene, die einfach nicht veralten will. Charlotte York, Typ Perlenkette und Porzellangeschirr, entschließt sich nach ihrer Hochzeit, ihren Job als Galeristin aufzugeben. Miranda Hobbes, ehrgeizige Anwältin und beste Freundin, ist fassungslos. Sie geißelt den avisierten Lebensentwurf mit Mann, Kindern und fotogenem Heim als rückständigen Verrat am Feminismus. Charlotte schießt zurück. Ging es der Frauenbewegung nicht um Wahlfreiheit? Wütend brüllt sie in den Telefonhörer: "I choose my choice! I choose my choice!" Es ist ein Kantischer Augenblick: Habe Mut, dich deiner eigenen feministischen Freiheit zu bedienen!

Daran erinnert man sich zunehmend verzweifelt bei der Lektüre von Gertraud Klemms Roman Aberland, der die Lebenswelt zweier Frauen schildert, Mutter und Tochter. Deren Dialektik von Privatem und Politischem, von Mutterschaft, Schönheit, Liebe, Sex und Haushalt, ist urfeministisches Terrain und seit je Gegenstand der Verhandlung um Lebensentwürfe. Nur der trotzige Wille zur emanzipatorischen Freiheit ist in diesem Roman derart abwesend, dass es einen schaudert.

Franziska verachtet ihr beschauliches Leben mit Bulthaup-Küche. Ihr Gatte erklimmt die Karriereleiter, sie füttert, tröstet, putzt und sorgt. Die Lust an den Zebrafischen, von denen die brachliegende Doktorarbeit handeln sollte, ist einer narkotischen Abgeklärtheit gewichen: "Die Kinder, die wir bekommen, schieben sich wie Wale zwischen das Leben vor und nach ihrem Auftreten, so wie sie sich zwischen Vater und Mutter quetschen, das Bett einnehmen, Zeit, Kraft und Lust verschlingen und ihren Eltern im Schlaf auch noch ins Gesicht treten."

Elisabeth ist in derselben Mühle, nur ein paar Jahrzehnte später. Ihr Busen hängt, das Dekolleté ein "Schlangennest aus Falten". Panzernde Unterwäsche muss her, aber in Wahrheit hilft "nur Hungern; oder Krebs". Die Restaurationsbemühungen (Gesichtsmaske, Masturbation, Geliebter) flankieren die Pflichten, denen als Frau einfach nicht zu entkommen ist. Auch Elisabeth füttert noch, ihre alte Schwiegermutter nämlich, auch wenn sie sich eine polnische Hilfe leisten kann. Sie ist eine jener Frauen, die die Werbeindustrie als "in den besten Jahren" beschreibt – kaufkräftig und empfänglich für allerart Lifestyle-Produkte.

Klemm stellt diese Frauen kapitelweise einander gegenüber und variiert dabei die Erzählperspektive – Elisabeth ist ein selbstkontrolliertes Ich, ihre Tochter spricht als fremdgesteuerte Sie. Ein Pingpong zweier Stimmen, der Ton konstant verbittert. Die bürgerliche Vorgartenidylle ein Weiblichkeitsgefängnis, das Klemm stilistisch elegant ausgestaltet. Unüberhörbar die Vorbilder Jelinek und Streeruwitz, die scharfzüngigen Grande Dames der österreichischen Literatur. Unübersehbar die Anleihen an der ebenso kritischen, aber ungleich empathischeren nordamerikanischen Erzähltradition einer Atwood, Munro, Hustvedt.

Es ist tragisch, dass diese literarische Souveränität dem Roman zum feministischen Problem wird. Natürlich reflektieren Franziska und Elisabeth die Vereinbarkeitsdebatten. Doch, und diese banalen Fragen muss man diesen mitteleuropäischen Mittelschichtsfrauen einfach stellen: Warum zum Teufel ändern sie ihr Leben nicht, wenn sie es so hassen? Warum sind sie nicht einmal emanzipiert genug, die "Schale ihres geregelten Daseins" als ihre eigene, freie Entscheidung zu benennen? Klemm, die 2014 ihr ebenfalls geschlechterkritisches Romandebüt Herzmilch vorgelegt und für ein Vorab-Kapitel aus Aberland den Publikumspreis des Bachmann-Wettbewerbs bekommen hatte, kann die larmoyante Selbstbegrenzung ihrer Romanfiguren nicht kritisch wenden, weil sie selbst in den Grenzen der Gattung feministischer Befindlichkeitsliteratur verbleibt. Ihr fehlt ein eigener Ton, der etwas aufreißt, was wir noch nicht wussten.