Im Herbst wird Angela Merkel zehn Jahre Kanzlerin sein, doch wie ihre Amtszeit später einmal gesehen wird, entscheidet sich in den kommenden zehn Tagen. Griechenland noch einmal zu helfen oder es doch fallen zu lassen hat weitreichendere Folgen als jede andere Entscheidung in Merkels Kanzlerschaft, sehr viel weitreichendere als etwa der Atomausstieg (für den die Mehrheit der Deutschen nach dem Reaktorunglück von Fukushima ohnehin war). Bei Griechenland ist die Mehrheit der Deutschen inzwischen gegen weitere Hilfen, genauso wie ein großer Teil der Unionsabgeordneten im Bundestag. Will Merkel den Griechen helfen, müsste sie erstmals Politik gegen die Stimmung im Land machen. Und das liegt ihr nicht.

An diesem Donnerstag wird Merkel eine Regierungserklärung im Bundestag abgeben, und wie immer wird sie reden, ohne wirklich etwas zu sagen. Sie ist eine schlechte Rednerin, ihre Sprache wirkt seltsam klein gehobelt angesichts einer Krise dieser Größe. Warum sollten sich die Bürger von Finanzhilfen für Griechenland überzeugen lassen, wenn nicht einmal die Kanzlerin überzeugend klingt?

Diese griechische Regierung ist ein Geschöpf der Politik Europas

Im kleinen Kreis bemüht Merkel jetzt auffallend oft das Bild der Familie: Eine Familie halte zusammen, und unbotmäßige Mitglieder schmeiße man nicht einfach so raus. Im Gegenteil: Man müsse sehr viel dafür tun, dass die Familie zusammenbleibe. Fast alles spricht also dafür, dass der Bundestag spätestens am 29. Juni über eine Verlängerung des derzeitigen Hilfsprogramms abstimmen wird. Wahrscheinlich wird es in den Monaten darauf ein drittes Rettungspaket für Griechenland geben. Und ja, um einen Schuldenschnitt wird man ebenfalls nicht herumkommen, weil das Land viel zu tief in der Kreide steht. Doch all das wäre immer noch besser als der sogenannte Grexit (ein vergleichsweise niedliches Wort für die sozialen und politischen Verwerfungen, die beim Ausscheiden Griechenlands aus der Währungsunion drohten).

Merkels Dilemma ist nun, dass sie für die Lösung eines Problems werben muss, das sie selbst mit verursacht hat. Denn auch das ist ein Teil der Wahrheit: Es wäre 2010 sehr wohl möglich gewesen, den Brand bereits im Keim zu ersticken. Man hätte weniger Geld als heute benötigt, um den Finanzmärkten klarzumachen, dass es sich nicht lohnt, auch nur gegen ein einziges Mitglied der Währungsunion zu spekulieren. Und dann hätte man Griechenland langsam umbauen können – ohne dass die Krise in diesem Maße auf Länder wie Italien oder Frankreich hätte übergreifen können. Merkels Scheu, die Regeln der Währungsunion damals so weit wie möglich zu dehnen, hat in der Folge zu sehr vielen Regelbrüchen geführt.

Inzwischen räumt Merkel ein, dass die Gläubigerstaaten viel zu lange auf den früheren griechischen Premierminister Antonis Samaras gehört hätten, der aber nicht willens war, gegen die korrupten Eliten im eigenen Land vorzugehen. Und der Internationale Währungsfonds gibt zu, dass man die verheerenden sozialen Folgen der Sparpolitik unterschätzt habe. Das ist wahrscheinlich der größte Fehler der vergangenen Jahre: Man hat Griechenland immer mit Irland, Spanien oder Portugal verglichen. Aber wenn es falsch war, Griechenland in die Euro-Zone aufzunehmen, weil es kein funktionierender Staat im Sinne der Währungsgemeinschaft ist, dann war es ebenso falsch, dem Land dieselbe Rosskur wie Irland, Spanien oder Portugal zu verordnen. Dann hätte es von vornherein einen ökonomischen Aufbauplan gebraucht.

Es mag ja stimmen, dass die neue griechische Regierung, mit der die Gläubigerländer nun verhandeln müssen, aus einem Haufen politischer Anfänger besteht. Bloß: Diese Regierung kam nicht aus dem Nichts. Sie ist das Ergebnis der sogenannten Rettungspolitik der Jahre zuvor, der Unfähigkeit der Technokraten, die sozialen Folgen dieser Politik zu erkennen. Und ja: auch des Unwillens der europäischen Regierungschefs, den korrupten Eliten Griechenlands ans (Schwarz-)Geld zu gehen. In gewisser Weise hat man sich den Verhandlungsgegner, über den man jetzt so sehr klagt, selbst an den Tisch geholt.

Noch nie musste Merkel so viel riskieren wie in diesen Tagen. Selbst einer der schwierigsten Momente ihrer Amtszeit – im Herbst 2008, als sie mit Peer Steinbrück die Sicherheit aller Spareinlagen garantierte – war dagegen einfach. Zu einer großen Kanzlerschaft gehört der entscheidende Moment, in dem der Regierungschef das Land wirklich führt. Dieser Moment ist nun da.

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