Von hier oben wirkt Berlin wie der Schwarzwald. Klaus Micknaus steht auf dem Drachenfliegerberg im Grunewald und lässt den Blick schweifen. Auf Birkenlaub, das im Wind wispert. Auf Eichenkronen, die in der Morgensonne leuchten. Auf Fichten, deren Nadeln sich zu einem tiefgrünen Band vereinen. Ein Augenrausch, untermalt von Blätterrascheln. Erst auf den zweiten Blick wird man gewahr, dass sich hinter all dem Grün die Stadt verbirgt. Der Fernsehturm mit seiner Kugelspitze, das Olympiastadion.

"Ich liebe diese Aussicht", sagt der Förster Micknaus. "Sie zeigt mir, wie besonders mein Revier ist. Ein riesiger, dichter Wald mitten in einer Millionenstadt. Das gibt es nirgends sonst in Europa." Klaus Micknaus lässt sich auf einen Baumstamm sinken und zählt auf: Der Grunewald hat eine eigene S-Bahn-Station. Neben den Wipfeln braust der Verkehr der Stadtautobahn vorbei. Der Wald liegt direkt zwischen Villenvierteln. Von seinem Forsthaus aus radelt Micknaus in acht Minuten zum Kurfürstendamm, dem Zentrum Westberlins.

Und weil dieser Wald, der seit genau hundert Jahren der Stadt gehört, etwas Besonderes ist, hat ihn der Bund Deutscher Forstleute jetzt zum "Wald des Jahres 2015" gekürt. Es gelinge vorbildlich, so die Begründung, Naturschutz mit den Wünschen der Menschen zu verbinden. "Ein normaler Förster kümmert sich um Bäume und Rehe", sagt Micknaus. "Bei mir kommen noch Millionen Besucher dazu."

Auch diese Besucher sind besonders: Großstädter, wie man sie in einem anderen Wald kaum treffen würde. Ein junger Brite, Typ Hipster mit Dreitagebart, balanciert einen Stapel Pizzakartons zu seinen Freunden hinüber. Ein Mann, gekleidet in Neongelb, lässt sein "Fat Wheel Bike" über Baumwurzeln hüpfen, ein Fahrrad mit armdicken Reifen. Im Schatten der Linden schlendern Rentner, nur ein Handtuch um die Hüften. Sie wollen zum Teufelssee, dem FKK-Gewässer mitten im Wald. Und vom Hauptweg her dringt Klappern durch das Unterholz. "Das sind die Stockenten, wie meine Azubis sie nennen. Die Nordic Walkerinnen."

Der Förster steigt jetzt in seinen Pick-up und zuckelt durch den Wald. Morgenvisite. Um den Hals trägt er ein Fernglas, auf der Ladefläche schnauft ein greiser, brauner Labrador, "der hat früher mitgejagt", heute hat er es im Kreuz. Micknaus ist ein Mittfünfziger, dem man die Arbeit im Freien ansieht. Seine Arme sind sehnig, die Wangen sonnenbraun. Er trägt eine olivgrüne Jacke mit Berliner Wappen auf der Brusttasche. Das verleiht Autorität, schließlich muss er öfter Autofahrer schelten, die unbefugt durch den Wald brettern.

Nach der Wende, erzählt er, wurde es etwas ruhiger im Grunewald. Die so lange eingeschlossenen Westberliner wollten endlich das Brandenburger Umland erkunden. Seit ein paar Jahren jedoch besinnen sie sich wieder auf den Wald in ihrer Stadt. "Und ich muss darauf achten, dass sich hier alle wohlfühlen. Aber keiner zu wohl."

Micknaus hält an einem Rastplatz und schaut sich um. Das ARD-Team, das hier gestern einen Mord gefilmt hat, hat allen Müll mitgenommen. "Mit Drehgenehmigungen verdienen wir fast so viel wie mit dem Verkauf von Brennholz." Er notiert sich, wo die oben flach abgesägten Baumstämme erneuert werden müssen, die er hier als Bänke aufstellen lässt. "Lehnen lasse ich weg. Sonst haben es die Leute zu bequem und machen gleich ein Lagerfeuer." Micknaus stochert mit einem Ast in einem Kothaufen – Wildschweine. "Manche verlieren alle Scheu, spazieren Kindergruppen hinterher und betteln um die Pausenbrote." An sich müsste er mehr Wildschweine jagen, sie sollen nicht zu viele werden. Aber in einem Stadtwald könne er nicht einfach ins Gebüsch ballern. "Was weiß denn ich, ob da gerade ein Esoteriker einen Baum umarmt. Oder die Waldhortkinder eine Hütte basteln." Sonnenlicht fällt durch die Wipfel, malt Streifen auf den Waldboden. Ein Windhauch lässt die Büsche zittern. Friedlich ist es hier, kein Stadtlärm dringt mehr durchs dichte Grün. "Wir haben so ein Glück, dass es diesen Wald noch gibt", sagt der Förster. "Oder eher wieder."

Einst, erzählt er, war dies ein sogenannter Hutewald, ein als Weide genutzter Wald, in dem sich Hausschweine mit Eicheln fett fraßen. 1915 kaufte der Verband Groß-Berlin, der beauftragt war, aus vielen einzelnen Städten die Metropole Berlin zu formen, die Fläche auf. Die wachsende Bevölkerung sollte sich hier erholen, das viele Grün die Luft verbessern. Dann kam der Zweite Weltkrieg. Die Berliner saßen ohne Kohlen und Gas in zerbombten Häusern. "Da haben die Förster gesagt: Bevor ihr erfriert oder die Kartoffeln roh esst, kriegt ihr von uns Holz zugewiesen", sagt Micknaus. Bald waren große Flächen kahl geschlagen.