Zunächst wunderten sich die Pfleger in Hagenbecks Tierpark nur, dass Lailek sich komisch bewegte. Dann ging alles ganz schnell: Schon am folgenden Tag fanden sie den vierjährigen Tiger mit gelähmten Hinterbeinen. Sie brachten ihn in die Klinik. Doch während der Untersuchung starb Lailek. Der dritte tote Tiger in vier Wochen. Der Tiger-Fluch von Hagenbeck, titelte die Morgenpost.

Noch ist unklar, woran Lailek starb. Die Obduktion ergab, dass sein zentrales Nervensystem entzündet und sein Rückenmark angegriffen war. Ein Virus? Ein Bakterium? Das soll eine genauere Untersuchung in dieser Woche zeigen. Nur eins ist bisher klar: Tigerin Maruschka hat ihre Familie verloren. Und der Tierpark steht unter Schock.

Am 5. Mai hatte Maruschka zwei Welpen zur Welt gebracht. Der Zoo jubelte, weltweit leben nur noch 700 Sibirische Tiger. Zuletzt hatte es bei Hagenbecks 2002 Tigernachwuchs gegeben. Seit vergangenem Jahr gab es nun wieder ein Pärchen, mit dem gezüchtet werden durfte. Dass gleich im ersten Jahr Tigerzwillinge geboren wurden, war Riesenglück. In den Tagen nach der Geburt drängelten sich die Besucher vor dem Bildschirm, der live aus der Mutter-Kind-Höhle übertrug.

Doch irgendwann war dort nur noch ein Welpe zu sehen. Maruschka hatte eines ihrer Kinder gefressen. Ein natürliches Verhalten, damit der Geruch des toten Welpen keine Feinde anlockt. Wenig später fraß Maruschka auch den zweiten Welpen.

Bei aller Trauer war den Verantwortlichen klar: Viele Tigerbabys sterben in den ersten Wochen, besonders beim ersten Wurf. Doch es gab neue Hoffnung. "Tiger tun’s wieder", wusste die Bild vor zwei Wochen zu berichten. Im Gehege hätten sie "ein heißes Schäferstündchen" hingelegt, "kleine Liebesbisse inklusive – roooaaaarrr!"

Nun aber ist auch Lailek, der Gatte, tot. "Die Tiger-Mama liegt da wie sauer Brot im Gehege", zitiert die Morgenpost einen 77-jährigen Tierpark-Besucher. Und eine 75-Jährige ergänzt: "Die braucht jetzt ’nen Neuen. Dann geht’s ihr bestimmt auch bald wieder besser."

Darf man das? Trauernde Tiere so vermenschlichen? Können Tiere überhaupt trauern?

Inwieweit Tiere Gefühle haben, ist unter Biologen umstritten. In der Natur haben Forscher immer wieder Tiere beobachtet, die über den Verlust eines Angehörigen trauern. Britische Forscher berichten etwa von einer Elefantenherde, die jeden Tag kilometerweit zur Leiche einer Elefantenkuh lief, um Totenwache zu halten. Große Aufmerksamkeit zog auch Gorilla-Weibchen Gana im Zoo von Münster auf sich, die ihren toten Sohn tagelang mit sich herumtrug. Ein Verhalten, das Biologen auch in der Natur beobachten. Und in einem Zoo in Schottland filmten Forscher Schimpansen, wie sie eine Artgenossin am Sterbebett streichelten und pflegten, bis sie entschlief.

Dass Tiere trauern, bedeutet aber nicht, dass sie es auf die gleiche Weise wie Menschen tun, sagen viele Forscher. Für Tiere ist der Tod eines Angehörigen ein Verlust an Sicherheit, der Stress auslöst. Die meisten Tiere trauern also aus egoistischen Motiven, nicht aus Mitgefühl. Forscher haben etwa Affen beobachtet, die sich nur so lange anders verhielten, bis sie einen neuen Partner gefunden hatten, der ihnen das Fell lauste.

Und Maruschka? Die Tigerin suche manchmal nach Lailek, berichten die Pfleger. Insgesamt verhalte sie sich aber völlig normal: Sie liege ruhig da, fresse wie immer. Für Tiger sei es auch in der Natur normal, einen Partner zu verlieren. Auf einen neuen Partner dürfte Maruschka allerdings länger warten. Weil es nur noch 260 Sibirische Tiger in Zoos gibt, wird streng kontrolliert, wer sich mit wem paart. Es ist völlig unklar, wie lange die Suche nach einem genetisch passenden Partner dauert.

Eine Hoffnung gibt es allerdings: Lailek hat Maruschka in der vergangenen Woche noch mehrfach gedeckt. Vielleicht hat er dem Zoo ja ein Vermächtnis hinterlassen.