Weltkulturerbe soll es werden, zusammen mit der Speicherstadt, das "Kontorhausviertel" in der Innenstadt. Im Juli wird darüber entschieden. Dann hat Hamburg auch diesen Schritt zur vermeintlichen Weltstadt erreicht und braucht zum großen Glück nur noch die Olympischen Spiele und eine fertig gestellte Elbphilharmonie.

Pünktlich zu diesem Großereignis erscheint jetzt ein Buch – nein: das Buch zu den Kontorhäusern, deren bauhistorische Würdigung bisher eher zurückhaltend war. Darin stellt der Leser zunächst fest, dass das vorgesehene Welterbequartier nur einen Bruchteil dessen darstellt, was in Hamburg seit 1890 entwickelt wurde – eine, wie es der Architekturhistoriker Ralf Lange schreibt, "singuläre baukünstlerische Leistung, die (...) auch im internationalen Vergleich nahezu ohne Beispiel war". Noch 243 erhaltene Beispiele dieses Bautyps zählt Lange. Im Kontorhausviertel ist nur der Teil versammelt, der in den 1920er Jahren gebaut wurde – auch das Flaggschiff, das Chilehaus.

Das Kontorhaus steht für eine sich dynamisch entwickelnde Stadt, die in kürzester Zeit zur modernen Großstadt umstrukturiert wurde. Auf der einen Seite war es der wachsende Welthandel, der Hafenumschlag und Werften beförderte – die Welt der Arbeit und der Arbeiter. Auf der anderen Seite waren es die Reeder, Handelsleute und all die kleinen und mittleren Firmen, die den Vertrieb der Waren in Gang hielten. Für die einen stand die 1888 eröffnete Speicherstadt. Im Freihafen wurden jetzt die Waren gelagert. Für die anderen wurde die hafennahe Innenstadt umgebaut. Es begann der wirtschaftliche Prozess, der schrittweise die Wohnungen der kleinen Leute in den Gängevierteln zugunsten von Dienstleistungsfirmen verdrängte. Moderne Baumethoden mit Stahl- und, seltener, Stahlbetonskelettbauten und eine hochwertige Ausstattung mit Zentralheizung, elektrischem Licht und dem Paternoster als Sinnbild des wirtschaftlichen Kreislaufes – ganz oben und ganz unten wird es dunkel – erlaubten große Bauten. Vor allem aber entdeckte eine neue Art von Bauherren eine Chance: Man baute nicht als Firma für sich, sondern als Immobilieninvestor für Mieter.

Daraus entstand ein neuer Bautyp: ein Kernbereich umfasst Sanitärräume und vertikale Verbindungen, was die nahezu beliebige, nach den Wünschen ganz unterschiedlicher Mieter zugeschnittene Aufteilung der Geschosse erlaubt. Ein nicht für die eigene Firma bauender Investor musste zur Vermarktung auf gediegene Ausstattung, gute Lage und eine Fassade achten, die Seriosität und gute Geschäfte versprach. Ein ansprechender Eigenname tat ein übriges: Chilehaus, Hanseatenhof oder gar Reichenhof.

Klingt alles ziemlich modern.

Dass mit der City-Bildung die Trennung von Wohnen und Arbeiten vollzogen wurde, veränderte Stadt und Gesellschaft tief greifend. Die Verdrängung des Wohnens aus der Innenstadt zeigt auch den unsentimentalen Umgang der Stadt mit der eigenen baulichen Geschichte: Schon für die Speicherstadt waren um die 20.000 Bewohner vertrieben worden. Die Umgestaltung durch breite Straßen und neue Bautypen, von denen das Kontorhaus eines ist, war nicht gerade sozialverträglich vonstatten gegangen; einen "sozialen" Wohnungsbau gab es erst in den 1920er Jahren. An dieser Einstellung hat sich dann wenig geändert; das erste Kontorhaus, der "Dovenhof" vom Rathaus-Baumeister Martin Haller, wurde längst abgerissen.

Man sieht: Das Buch von Ralf Lange ist viel mehr als nur ein Stück Architekturgeschichte; es ist die Darstellung eines wichtigen Kapitels Hamburger Geschichte, die aus der Perspektive eines Bautypus erzählt wird – in aller Breite, mit Einflüssen aus Amerika, einzelner Architekten, den städtebaulichen Aspekten, der Würdigung einzelner Bauten.

Dem Text (bisweilen in leisem Pathos schwelgend) stehen rund 500 historische und neue Fotos gegenüber, die das Beschriebene anschaulich machen. Und die Gestaltung macht es zum Vergnügen, das Buch in die Hand zu nehmen (Ausstattung: Gesine Krüger). Da verstimmt nur das Titelbild mit der kitschigen, unhistorischen Beleuchtung des Chilehauses.