Ist es ein gutes oder schlechtes Omen, wenn man den Kellner zweimal wegschicken muss, weil man sich nicht entscheiden kann? Im Fall des Coast eher ein gutes: fast jedes Gericht klingt spannend. Das Restaurant an den Marco-Polo-Terrassen macht in Fusion – Sachen wie "Crispy Squid & Wasabi: Tintenfisch / Kashmir-Curry / Zitronenmyrte / Gurke / Joghurt".

Allerdings kommt durch ständige Konzeptumstellung auch reichlich Konfusion hinein. Allein das Sashimi verteilt sich auf drei Rubriken. Dann gibt es noch eine Sonderseite "Classics" und eine Spargelkarte mit bürgerlicher Küche. So blättert man vor und zurück, dabei gäbe es noch mehr zu bestaunen. Die Architektur des Coast etwa. Sie gehört zu den mutigsten in der HafenCity: das Dach geschwungen wie ein Möwenflügel, die linke Wand komplett bewachsen, die rechte voll verglast und dahinter die schöne Terrasse über dem Grasbrookhafen. Lange Zeit bekam man kaum einen Platz im ambitioniertesten Lokal des international aktiven Gastronomen Christoph Strenger (bekannt für das East Hotel und neuerdings das Clouds).

Mittlerweile ist die In-Crowd weitergezogen; quirlig geht es immer noch zu. An der Bar palavert eine Gruppe Franzosen. Auf einem Sessel fläzt ein Genussmensch mit imposantem Kugelbauch. Ein Paar hält beim Essen Händchen, mit Stäbchen geht das ja.

So, fertig. Der nette Kellner strahlt – nicht weil er endlich seine Bestellung aufnehmen kann, sondern weil man seine Favoriten ausgewählt hat. Anfangs glaubt man ihm das beinah: Die reislosen Sushi machen Spaß. Grundlage ist ein Krebsfleisch-Kokos-Bällchen, auf dem ein akkurat geschnittener Streifen vom marinierten Thunfisch liegt. Da versteht man den stolzen Preis. Nicht so beim "Crispy Nigiri & Label Rouge Lachs", der sich als frittierter Reiskloß mit wenig Fisch und viel Teriyaki-Soße entpuppt. Plump liegt er auf einem dicken Klecks "asiatischer Mayonnaise", die nach Ingwer schmeckt.

Ähnlich gemischte Gefühle hinterlassen die gebackenen Scampi: gute Ware in einem Tempura-Teig, der knusprig auf den Tisch kommt, obwohl er vorher mit Chili-Glibber glasiert wurde. Aber wozu macht man das überhaupt, und warum gibt es schon wieder Mayo, diesmal mit Schnittknoblauch? Sehnsüchtig huscht der Blick zur grünen Wand. Wie schön wäre etwas Gemüse!

Nicht umsonst ist Fusionküche etwas aus der Mode gekommen: Sie setzt mehr auf den Effekt als auf die Harmonie gewachsener Geschmacksverbindungen.

Der Hauptgang steht noch aus. Er will bloß nicht mehr als die beste Wahl erscheinen. Stand auf der Karte nicht etwas von Balsamessig, Sojasoße, Mirin und Sake? Vor dem geistigen Auge des Gastes marschiert eine Brigade von Köchen mit gezückten Würzmittelflaschen auf: Soße, Soße über alles ...

Entwarnung: Es kommt nur eine Soße, mit all diesen Zutaten. Ihre Süßsauersalzigkeit schafft einen perfekten Kontrast zur Pfefferkruste. Darin: ein saftiges Filet vom Black Cod. Der deutsche Name Kohlenfisch setzt sich verständlicherweise nicht durch. Bei diesem Gericht fusionieren alle Aromen so kraftvoll, dass man den Mund aufsperren möchte. Naja, fast alle. Ein Schälchen Wok-Gemüse gab es auch noch.

Coast by East, Großer Grasbrook 14, HafenCity. Tel. 30 99 32 30, www.coast-hamburg.de. Geöffnet mo–fr 12–17 und 18–23 Uhr, am Wochenende 12–23 Uhr. Hauptgerichte um 28 €.