Rückblickend sei es immer wieder erstaunlich, wie ruhig es oft geblieben ist, wenn gerade die Freiheit abgeschafft wurde. Das meinen zumindest Harald Welzer und Michael Pauen, die diese Regel durchbrechen wollen. Sie wollen uns beunruhigen. Sie wollen uns die Augen dafür öffnen, warum und wie gefährlich die Veränderung unserer Lebenswelt durch Entwicklungen der digitalen Technologien ist.

Vor dem Verlust von Freiheit als einer Kehrseite der digitalen Revolution wurde schon viel gewarnt, etwa von Yvonne Hofstetter oder Zygmunt Bauman. Der Soziologe und Publizist Welzer und der Berliner Philosophieprofessor Pauen konzentrieren sich dagegen in ihrem Buch auf ein anderes, wenn auch verwandtes Phänomen: die gefährdete Autonomie.

Das Buch holt weit aus, von Sozialgeschichte (mit Norbert Elias als Held) und Philosophiegeschichte (wobei Immanuel Kants Verständnis von Autonomie für überholt erklärt wird) bis zu neuesten psychologischen Studien. Eine kanonverdächtige Studie zur Autonomie ist es dabei nicht geworden, dafür sind viele besonders interessante Klippen des Themas zu großräumig umschifft. Und liest man es vor allem in seiner zeitdiagnostischen Absicht, erscheint es an manchen Stellen übertrieben alarmistisch. Muss man etwa heute wirklich schon von einem Zustand des "informationellen Totalitarismus" sprechen?

Die These, auf die alles im Kern hinausläuft, ist jedoch sehr bemerkenswert. Die Autoren behaupten, die Wurzel des Übels der digitalen Gesellschaft liege tiefer als bisher gedacht: Manche Verwendung neuer Techniken führe nicht nur dazu, dass geltende freiheitliche Rechte ausgehöhlt würden, wie das Recht auf Privatsphäre, sondern manche beeinflusse das Denken von Menschen selbst und damit die erste Grundlage für die Aufrechterhaltung der Demokratie.

Unter personaler Autonomie verstehen die Autoren die Fähigkeit, nach eigenen Prinzipien zu handeln. Sie ist zu unterscheiden von politischer Freiheit, Handlungsfreiheit und auch Willensfreiheit. Diese Fähigkeit sei erlernbar, könne aber auch wieder verloren werden. Doch warum sollten Online-Informationen, Smartphone und Soziale Netzwerke diese Autonomie nicht unterstützen? Kann ich mich nicht individueller informieren, habe ich nicht besonders viele Möglichkeiten, eigenen Prinzipien zu entsprechen?

Pauen und Welzer betonen gegenüber diesen positiven Möglichkeiten zwei Probleme. Erstens glauben sie, dass digitale Netzwerke und Medien Situationen herbeiführen, in denen konformistisches statt autonomes Verhalten gefördert wird: Shitstorms und Medienberichte über vermeintliche Skandale, die sich im Netz in Windeseile verbreiten, rissen Leute in ihren Meinungen und Handlungen mit sich, sodass sie oftmals anders urteilen und handeln würden, als wenn sie alleine oder in heterogenen Gruppen wären: Man "liked" und empört sich etwa, nur weil es andere tun, ohne selbst genau nachgedacht zu haben. In Fällen wie dem ehemaligen Bundespräsidenten Wulff führe das zu sozialen Bestrafungen, bevor es überhaupt zu einem rechtlichen Verfahren komme. Dass Menschen tatsächlich zu solcher Konformität neigen, haben Pauen und Welzer in einer neuen psychologischen Studie bestätigt: Menschen schlössen sich häufig der Mehrheitsmeinung an, auch wenn diese ziemlich offensichtlich falsch sei.

Zweitens sehen die Autoren Gefahr auch durch die "invasiven Strategien der Informationsindustrie", allen voran Google, sowie "behördliche Überwachungsmaßnahmen" der Geheimdienste. Diese ließen die Bereiche von Privatheit schrumpfen. Mit Smartwatches, -cars und -homes lieferten sich die Menschen noch weiter dem Blick anderer aus. Das sei nicht nur ein Problem angesichts geltender Rechte, sondern auch für die Autonomie, weil es ohne Privatheit keine eigenen Meinungen gebe und Autonomie eigene Meinungen voraussetze.

Sicher ist einiges an Argumenten in diesem Buch zu diskutieren. Zum Beispiel betonen Pauen und Welzer die Bedeutung der Autonomie für die Demokratie, insofern diese davon lebe, dass jeder nach seinem eigenen besten Wissen wähle und politisch handle. Gleichzeitig geben sie zu, dass autonomes Handeln nicht automatisch moralisch gutes oder auch nur besonders kluges Handeln wäre. Insofern ist die Verbindung zwischen Autonomie und einer stabilen Demokratie nicht so zwingend wie suggeriert wird. Außerdem ist von einem wirklichen Autonomieverlust erst zu sprechen, wenn man glaubt, man würde aus eigenen Prinzipien handeln, dies aber nicht tut. Bewusst konformes Handeln bedeutet noch keinen Autonomieverlust: Man kann Gründe haben, warum man in einer Situation handelt wie andere. An einigen Stellen scheinen Pauen und Welzer Autonomie und Widerständigkeit quasi gleichzusetzen.

Doch die Hauptthese ist beunruhigend genug; die Diskussion darüber bleibt wichtig. Pauen und Welzer schließen mit Verhaltensregeln. Nummer 7 lautet: "Treten Sie für Ihr eigenes Urteil ein!" Das gilt auch für dieses Buch und seine kritischen Leser.