Am Strand, auf der Wiese, im Flugzeug, auf dem Balkon: Schließen Sie die Augen, und hören Sie sich in ferne Länder und Epochen. Zum Beispiel in den Wilden Westen: Nach dem Sensationserfolg von Stoner konnte man in diesem Frühjahr den zweiten Roman des 1994 verstorbenen John Williams erstmals auf Deutsch entdecken. Butcher’s Crossing, 1960 erschienen, erzählt die Geschichte des jungen Will Andrews, der in den 1870er Jahren in einem Kaff ankommt, wo das Abenteuer seines Lebens beginnt: ein gefährlicher Ritt in die Rocky Mountains und eine blutrünstige, letztlich absurd sinnlose Büffeljagd. Diesen sensationellen Roman, der die menschliche (männliche?) Getriebenheit in einem spannenden erzählerischen Sog darstellt, kann man jetzt auch hören: eindringlich interpretiert von Johann von Bülow, der vor der erhabenen Natur die Vergeblichkeit dieser existenzialistischen Expedition vorführt. Im Amerika der Gegenwart spielt der neue Roman von T. C. Boyle Hart auf Hart, wie immer farbig und unterhaltsam erzählt, glänzend vorgelesen von August Diehl (Hörverlag, 510 Min., München 2015, 19,99 €). Alles dreht sich um die Gewalt, die zum Land untrennbar gehört – die bei Vietnamkriegsveteranen auftauchen kann oder bei einem Amokläufer in Kalifornien.

Viele nehmen sich für die Ferien Klassiker vor, die sie schon immer lesen wollten – akustisch geht das oft leichter. Erstmals als Hörspiel kann man Franz Werfels Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh erleben, in der Regie des enorm produktiven Kai Grehn (Hörverlag, 180 Min., München 2015, 17,99 €). Er hat für das Drama um die Verfolgung und Vernichtung der Armenier während des Ersten Weltkriegs ein hervorragendes Stimmenensemble versammelt (unter anderem Alexander Fehling, Robert Gallinowski, Valery Tscheplanowa) – und die Tragödie von damals hört sich so plastisch, frisch und gegenwärtig an, dass man unwillkürlich an das heutige Schicksal der Jesiden im Sindschargebirge denkt. Ganz anders eindrucksvoll wirkt ein Hörspielklassiker aus dem Jahr 1958: Der damalige Weltbestseller Doktor Schiwago von Boris Pasternak wurde mit Stimmlegenden inszeniert, unter anderem von Bernhard Minetti, Klausjürgen Wussow und dem Erzähler Gert Westphal – wir erleben die stürmische russische Revolutionsepoche mit einer neusachlichen Patina der bundesdeutschen fünfziger Jahre (Hörverlag, 260 Min., München 2015, 14,99 €).

Wo gibt es heute noch echte Abenteuer? Unter der Erde! Dem Label Supposé ist erneut ein Glanzstück gelungen: In Glück tief. Höhlenforscher erzählen hören wir die wissenschaftlichen Erkunder der Tiefe im O-Ton (Supposé, 158 Min., Berlin 2015, 29,80 €). Es ist faszinierend, was wir alles an Details über Höhlen, deren magische Anziehungskraft und ihre abenteuersüchtigen Entdecker erfahren – eine unbekannte, exotische Welt entsteht in unseren Ohren.