"Wir haben keine Angst. Wir sind stark." Der General sagt das immer wieder. Doch dann schiebt er Sätze wie diese hinterher: "Wir sind nicht von Freunden umgeben wie Sie hier in Deutschland. Wir müssen uns unser Überleben immer wieder verdienen."

Stärke und Verletzlichkeit liegen nur ein paar Atemzüge auseinander, wenn Amir Eshel, Sohn von Holocaust-Überlebenden, über sein Land spricht. Der drahtige Mann mit dem kurz geschorenen grauen Haar ist seit drei Jahren Kommandant der israelischen Luftwaffe. Als er sich vor fast 40 Jahren entschloss, Kampfpilot zu werden, war Israel noch immer vom Jom-Kippur-Krieg traumatisiert: Nur knapp war das Land einem vernichtenden Überraschungsangriff der Ägypter und Syrer – und damit dem Untergang – entkommen. Eine solche Attacke wäre heute undenkbar. Das liegt vor allem an der Luftwaffe. Wer sie führt, ist für die Israelis wichtiger als der Regierungschef. Kampfpiloten wie Amir Eshel werden verehrt. Die Luftwaffe ist die Lebensversicherung ihres Landes. Ohne Luftüberlegenheit gäbe es den winzigen Staat ohne Pufferzone und Hinterland längst nicht mehr.

Keine Macht in seiner Nachbarschaft kann es heute mit dem jüdischen Staat aufnehmen. Er gewinnt militärisch alle Auseinandersetzungen – wie zuletzt in Gaza. Einen anderen Kampf aber droht Israel zu verlieren: den um die öffentliche Meinung. Immer effektiver Kriege zu führen, die man immer schlechter erklären kann, das ist Amir Eshels Dilemma.

Der General hat seit Jahren kein Interview in internationalen Medien gegeben. Es spricht für den Ernst der Lage, dass er sich bei diesem Treffen in einem Berliner Hotel Zeit nimmt.

Es läuft nicht gut für das Land, dessen Sicherheit heute maßgeblich in Eshels Händen liegt. Das Verhältnis zu den Amerikanern hat Premierminister Benjamin Netanjahu ramponiert. Eine Boykottbewegung gegen die Besatzung des Westjordanlands gewinnt in Europa an Zustimmung. Die Weltmächte einigen sich womöglich mit Israels Erzfeind Iran über dessen Atomprogramm. Und die Vereinten Nationen werden in diesen Tagen einen Bericht über den letztjährigen Krieg im Gazastreifen veröffentlichen. Er wird, wie alle UN-Dokumente über Israel, sehr kritisch ausfallen. Wegen der vielen zivilen Opfer des Bombardements wird dann auch Amir Eshel als Luftwaffenchef im Fokus stehen.

Dann ist da noch die Sache mit Deutschland, nach den USA der wichtigste Partner Israels. Man hat zwar eben erst 50 Jahre diplomatische Beziehungen gefeiert, Eshel war mit dabei. Abseits von Feierlichkeiten jedoch macht sich wechselseitiges Unverständnis breit. Hinter verschlossenen Türen giftet man sich immer öfter an. Die Deutschen fordern: Schließt endlich Frieden mit den Palästinensern, beendet die Besatzung, und macht uns bitte nicht den Deal mit den Iranern kaputt! Die Israelis kontern: Ihr versteht unsere Region nicht, ihr wollt nicht sehen, dass die Palästinenser zu zerstritten für den Frieden sind, und ihr lasst euch von den Ajatollahs über den Tisch ziehen! Die Deutschen sehen heute vor allem Israels Stärke, die Israelis ihre neue Verletzlichkeit.

"Ich muss hier immer wieder erklären", sagt der General, "wie sich ein kleines Land fühlt, dessen Existenzrecht immer noch bestritten wird." Israels Bedrohungslage, so Eshel, habe sich dramatisch verändert. Die arabischen Staaten, die es in der Vergangenheit hätten vernichten wollen, hätten teils mit Israel Frieden geschlossen wie Ägypten und Jordanien, teils seien sie zusammengebrochen wie der Irak und Syrien, teils befänden sie sich – wie die Golf-Monarchien – de facto "in einer stillen Allianz mit uns" gegen die schiitische Vormacht Iran. Die wahre Gefahr gehe heute von "halbstaatlichen terroristischen Organisationen" wie Hisbollah und Hamas aus: "Beide sind Teil der Politik in ihren Ländern, aber sie haben auch Zigtausende Raketen, Luftabwehr, sogar Drohnen. Dazu kommen noch der 'Islamische Staat', Al-Kaida und andere Extremisten. Und alle haben Israel auf der To-do-Liste."