DIE ZEIT: Herr Ramesh, die G-7-Staaten haben in Elmau beschlossen, dass die Nutzung fossiler Energieträger in diesem Jahrhundert beendet werden soll. Ist das der Durchbruch in der Klimapolitik?

Jairam Ramesh: Das ist ein nobles Langzeitziel, aber mir fehlen konkrete Angaben zu den Zwischenschritten. Was genau soll bis wann erreicht sein? In meinen Ohren klingt eine Welt ganz ohne Kohle- und Erdölnutzung wie eine sehr romantische Vorstellung. Also unrealistisch.

ZEIT: Wäre das Ziel in Indien umsetzbar?

Ramesh: Wenn wir in diesem Jahrhundert ganz ohne fossile Energieträger auskommen sollten, wäre das angesichts unserer demografischen Realitäten und der Aufgaben, die für unsere Entwicklung vor uns liegen, ein Desaster. Diversifizierung ja, aber kompletter Verzicht – auf keinen Fall.

ZEIT: In Indien leben Hunderte Millionen Menschen in Armut. Um ihnen eine Zukunft zu bieten, muss Ihr Land wirtschaftlich wachsen. Sie als früherer Umweltminister aber warnen in Ihrem Buch Green Signals vor zu starkem Wachstum.

Ramesh: Natürlich braucht Indien rascheres Wirtschaftswachstum, aber nicht um jeden Preis. Es ist nicht in unserem nationalen Interesse, die Wirtschaft so stark wie möglich wachsen zu lassen.

ZEIT: Aber das starke Wachstum hilft Menschen aus der Armut, lässt eine Mittelschicht entstehen.

Ramesh: Ja, bis man anfängt, genauer zu rechnen. Von der Wachstumsrate muss man nämlich, wenn man ehrlich sein will, die massiven Schäden abziehen, die durch vergiftete Flüsse, Smog, Bodenverlust und andere Umweltprobleme entstehen, vor allem für die Gesundheit der Menschen.

ZEIT: Sie haben auch mal dafür geworben, Indien zu einer führenden Industrienation auszubauen.

Ramesh: Ja, ich war sehr lange ein ökonomischer Hardliner. Ich wusste zwar, dass wir Umweltprobleme haben, aber ich dachte, die können warten, die lösen wir, wenn wir reich sind. Dann wurde ich Umweltminister und reiste viel durchs Land. Ich erlebte aus nächster Nähe, was der Preis für unseren Wachstumskult ist – die riesigen Gebiete, die dem Kohleabbau geopfert werden, die Wälder, die verschwinden, der katastrophale Zustand des Ganges. Die Erlebnisse während meiner Amtszeit haben mich tief geprägt. Ich kann die ökologische Dimension dessen, was in meinem Land passiert, einfach nicht mehr beiseiteschieben.

ZEIT: Aber ist stärkere Rücksichtnahme auf die Umwelt nicht Luxus für ein Land wie Indien?

Ramesh: So denkt die Mehrheit der Politiker in Indien, aber auch in anderen Ländern. Diese Sichtweise stimmt aber nicht, und weite Teile der Bevölkerung wissen das auch. Kleinbauern oder Familien, die an unserer 7500 Kilometer langen Küste leben, müssen Sie nicht erklären, wie gefährlich der Klimawandel ist. Eltern, deren Kinder an Asthma leider oder von Arsen im Wasser krank geworden sind, müssen Sie nicht überzeugen, warum die Industrie sauberer werden muss. Und die 200 Millionen Menschen, die von lebendigen Wäldern leben, wissen um deren ökonomischen Wert. Es ist nicht so wie in Europa, wo es beim Umweltthema um Lebensstile geht. Umweltfragen sind in Indien Existenzfragen.

ZEIT: Wieso hält sich diese Idee, Umweltschutz sei Luxus, dann so hartnäckig?

Ramesh: Ich habe selbst erlebt, wie massiv der Einfluss der verschmutzenden Unternehmen auf allen Ebenen des Staates ist. Einer relativ kleinen Gruppe gelingt es, die Profite aus der Umweltzerstörung einzusammeln und die negativen Folgen auf die Allgemeinheit abzuwälzen.

ZEIT: Was würden Sie anders machen als die jetzige Regierung?

Ramesh: Ich würde das gross domestic product von heute, das Bruttoinlandsprodukt, durch ein green domestic product ersetzen. Dieses GDP würde sinken, wenn wir Wälder zerstören, und es würde wachsen, wenn wir neue Wälder pflanzen, um unsere Kohlendioxidemissionen auszugleichen. Um beim Beispiel der Wälder zu bleiben: Ich würde auch zur nachhaltigen Waldwirtschaft zurückkehren, wie sie bis 1920 von deutschen Experten nach Indien gebracht worden ist.

ZEIT: Sie waren beim gescheiterten Weltklimagipfel in Kopenhagen Indiens Chefunterhändler. Bereuen Sie, dass Indien damals nicht stärker zu einem Erfolg beigetragen hat?

Ramesh: Am meisten geht mir noch immer nach, dass die Basic-Staaten – Brasilien, Südafrika, Indien und China – eigentlich mit den USA ein ambitioniertes Ergebnis ausgehandelt hatten. Doch als Präsident Obama dieses vorschnell verkündete, bevor die Europäer und Afrikaner eingebunden waren, führte das zu einem schlimmen Rückschlag.

ZEIT: Im Dezember gibt es einen neuen Anlauf, Paris richtet den UN-Weltklimagipfel aus. Wie wichtig ist ein Erfolg?

Ramesh: Die vergangenen fünf Jahre waren für die Weltklimapolitik weitgehend verlorene Jahre. Die Zeit drängt. Aber der Vertrag von Paris ist kein Endziel, sondern eine Art Sprungbrett. Er wird im besten Fall politisch tragbar und ökonomisch machbar sein, aber ich glaube nicht, dass er so weit gehen wird, die Erderwärmung unter zwei Grad Celsius zu halten, was Klimaforscher als gefährliche Schwelle identifiziert haben.

ZEIT: Muss nicht mehr geschehen? Müssen nicht Länder wie Indien viel mehr tun, um ihre Emissionen zu reduzieren?

Ramesh: Langsam, langsam. Indien stellt 17 Prozent der Weltbevölkerung, aber verursacht nur sechs Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen. Und unsere Bevölkerung wächst in den kommenden Jahrzehnten noch um einige Hundert Millionen Menschen. Ich halte es für wichtig, die Emissionen eines Landes pro Kopf zu betrachten. Der durchschnittliche Inder verursacht heute zwei Tonnen CO₂-Emissionen pro Jahr. Selbst wenn wir bis 2020 auf 3,5 Tonnen zulegen, ist das noch immer unter dem Durchschnitt der USA, die heute bei 16 Tonnen liegen und dann vielleicht bei zehn Tonnen angelangt sein werden, dem deutschen Niveau von heute.