Der erste Beitrag, den Harry Rowohlt für die ZEIT geschrieben hat, war sein Bericht vom Filmfestival in Kuba, erschienen am 3. Januar 1986. Die Kollegin Anna Mikula hatte mich dazu überredet, ihn nach Havanna zu schicken, und Harry Rowohlt, den ich kaum kannte, kam mit einem exzellenten Text zurück, den wir Zeile für Zeile so druckten. Er hatte seine Aufgabe ernst genommen, und er schrieb, nachdem er einige Filme näher geschildert hatte: "Ich habe noch etwa neunzig andere Filme gesehen, mal sehr kurze, mal sehr lange, aber der Trend ist, glaube ich, klar: Es gibt keinen, Gott sei Dank." Am Ende ist er einer der Gäste des Staatsempfangs und erzählt:

"Der Palast der Revolution ist eingerichtet wie ein Holiday Inn, nur mit mehr Farn und Findlingen und Kies, falls mal was danebengeht, und mittendrin steht ein schöner, großer, alter Mann in Uniform, und ich habe ihn nicht gefragt, ob er hier arbeitet und wo es zu den Toiletten geht, sondern neben ihm stand ein Nebenmensch, der mir zuzischte 'Nombe y país' (Name und Land), und da habe ich dem schönen, großen, alten Mann gesagt: 'Harry Rowohlt, del semanal liberal DIE ZEIT, en Ambvurgo, Alemania Federal.' Bei dem Wort 'liberal' blickte er etwas kläglich, aber bei dem Wort 'Ambvurgo' erhellten sich seine Züge, und er sagte, sozusagen auf Deutsch, mit deutlich aspiriertem H: 'Ah –: Hamburg.' – 'Was hat er gesagt? Was hat er gesagt?' bestürmten mich dann alle. ZEIT-Leser wissen es jetzt."

Harry Rowohlt, der damals schon ein bisschen so aussah wie der Penner, den er mehr als zehn Jahre lang in der Lindenstraße spielte, hatte mich mit seinem tadellosen Typoskript überrascht. Ich hatte mit irgendetwas Chaotischem gerechnet, und meine erste Reaktion war: "Sauber getippt!" Wann immer er später seine legendäre Kolumne Pooh ’ s Corner brachte, fragte er mich spöttisch, ob sie auch sauber getippt sei. Das war sie immer, und Harry, der bis ans Lebensende mit der Schreibmaschine geschrieben hat und immer mit zwei Fingern, war wohl einer der größten Tipp-Ex-Verbraucher, die es je gegeben hat. Druckfehler machten ihn rasend, und er erhielt das Privileg, die korrigierte Fassung noch einmal sehen zu dürfen. Nicht selten fand er darin immer noch Fehler. Dennoch hat er mich immer (und zumeist liebevoll) "Boß" genannt.

Dass er, dem flüchtigen ersten Eindruck zum Trotz, ein überaus penibler und gewissenhafter Mensch gewesen ist, hing natürlich damit zusammen, dass er übersetzt hat, und wer beim Übersetzen ungenau ist, sollte es lassen. Ihm verdanken wir zum Beispiel die erste wirklich präzise Übersetzung des großen Iren Flann O’Brien. Dessen Roman At Swim-Two-Birds hieß zunächst Zwei Vögel beim Schwimmen, was irgendwie gut klingt, aber leider falsch ist. Es handelt sich nämlich um eine Ortsangabe: Auf Schwimmen-zwei-Vögel.

Wenn der Übersetzer Rowohlt nicht weiterwusste, hat er den Autor einfach gefragt. So etwa Kurt Vonnegut, der in einem Buch seinen Lesern drei Fragen stellt, ohne sie zu beantworten: "1. Warum wurde George Washington in einem Hügel beigesetzt? 2. Warum tragen Feuerwehrleute rote Hosenträger? 3. Was ist das Weiße in der Vogelscheiße?" Vonnegut schrieb an Rowohlt zurück, das wisse doch jeder. Es sei entsetzlich, was für einen ahnungslosen deutschen Übersetzer er abgekriegt habe. Die Antwort zu 1.: George Washington wurde in einem Hügel beigesetzt, weil er tot war; zu 2.: Feuerwehrleute tragen rote Hosenträger, damit ihnen die Hosen nicht rutschen; zu 3.: Das Weiße in Vogelscheiße ist Vogelscheiße.

Man sagt den Clowns nach, ihre Kunst gründe auf einer fundamentalen Trauer. Harry Rowohlt war kein Clown, doch alle Welt pries ihn für seinen Witz. Und Witz hatte er wahrhaftig. An manchen Abenden mit Harry tat einem der Bauch vor Lachen weh. Er war aber im Grunde seines Herzens kein heiterer, kein fröhlicher Mensch. Er hatte eine empfindsame Seele, er war verletzbar wie wenige, und seine Kindheit war nicht das, was man eine glückliche nennen könnte. Seine Mutter, die Schauspielerin Maria Pierenkämper, war die vierte Frau des Verlegers Ernst Rowohlt. Als Harry 1945 geboren wurde, war sie noch mit dem Maler Max Rupp verheiratet. Erst im Alter von zehn Jahren erhielt er den Namen Harry Rowohlt. Er hat elf verschiedene Schulen besucht.

Wie sein 37 Jahre älterer Halbbruder Heinrich Maria Ledig-Rowohlt sollte er im Verlag eine wichtige Rolle spielen. Aber dazu kam es nie. Er war keine robuste Natur, die sich gegen Widerstände oder Feindschaften hätte behaupten wollen. Er hasse nichts mehr, als zu drängeln, hat er einmal gesagt, er sei immer der Letzte, der in einen Zug einsteige.