Wenn das Essen schmeckt, wird der Teller abgeleckt – Ornette Coleman konnte wunderbar anschaulich von den Sitten der Gegend erzählen, in der er aufgewachsen war. Er scheute auch nicht davor zurück, sie praktisch zu demonstrieren. Es war der Sommer 2009, wir saßen backstage beim Essen, um ihn herum die Band, mit der er zu einer letzten großen Tour aufgebrochen war. Gleich würde es hinaus auf die Bühne gehen: Neuhardenberg in Brandenburg. Der Name sagte ihm nichts, er berichtete lieber von der zurückliegenden Woche in London.

Da saß er nun, ein 79-jähriger, hagerer, bescheiden gebliebener Mann, der im Kreis seiner Vertrauten – Sohn und Enkel saßen mit am Tisch – die Früchte einer langen und wechselvollen Karriere genoss. Zwei Jahre zuvor war er für sein Alterswerk, die beim Enjoy Jazz Festival aufgenommene Live-CD Sound Grammar, mit einem Grammy und dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet worden. In London hatte er gerade das renommierte Meltdown-Festival geleitet, mit dabei langjährige Verbündete wie Patti Smith, Yoko Ono und Charlie Haden. Und doch war ihm die Neigung zur Provokation noch immer anzumerken.

Randolph Denard Ornette Coleman, 1930 im texanischen Fort Worth geboren, war wie seine Musik: voranstürmend, sinnlich, schwer festlegbar. Zeit seines Lebens entzog sie sich den Kategorien, die die Interpreten an ihn herantrugen: den einengenden Grenzen von Jazz und "ernster Musik", dem Dualismus zwischen Europa und Amerika, selbst dem Gegensatz zwischen Schwarz und Weiß, den er in seiner Kindheit mit all seinen Härten zu spüren bekommen hatte. Colemans Musik war free in dem Sinne, dass er die Komposition und Improvisation aus den Schablonen der Überlieferung befreite. Die von ihm erfundene Klangästhetik nannte er Harmolodics.

"Mein musikalisches System basiert darauf, dass ich mit anderen teilen möchte. Wenn ich beschreiben könnte, was ich fühle, wäre die Welt ein Ort des Glücks", sagte er. Coleman war seiner Zeit aber auch im Habitus weit voraus. Er trug bunte Anzüge, lange Haare und Bart, noch bevor Dreadlocks zur Mode der schwarzen Avantgarde wurden. 1960, bei seinen ersten Auftritten im New Yorker Five Spot, avancierte er aus dem Stand zum bedeutendsten Vertreter des Avantgarde-Jazz. Wie er mit den Alben The Shape of Jazz to Come und Free Jazz Musikgeschichte schrieb, ist in den Jazz-Lexika nachzulesen. Um die ungeheure Ausdruckskraft seiner Musik zu ermessen, musste man die hymnische Zärtlichkeit seines Saxofon-Tons allerdings live erleben. Und etwas davon schwang immer mit, wenn er erzählte.

Zum ersten Mal getroffen hatte ich ihn vor zwanzig Jahren in Hamburg. Anlass war die Veröffentlichung seiner CD Tone Dialing. In dem leicht abgedunkelten Hotelzimmer sprach Coleman mit leiser Stimme, fotografieren war nicht erlaubt. Das Setting hatte klandestine Züge, als wollte er in jedem Fall die Kontrolle über das gesprochene Wort behalten. Fragen zur kulturellen Bedeutung seiner Musik setzte er flirrende Botschaften entgegen: "Beethoven war schwarz." Aus seiner Sicht hatten "die Weißen" jeden ausgegrenzt, der nicht ihren Kanon bediente. Doch hier sprach nicht mehr der junge, wilde Musikrevolutionär, der provokativ mit Begriffen wie Vagina, Unschuld und Kastration um sich warf, sondern ein in sich ruhender Skeptiker, der die eigene Unabhängigkeit als wichtigstes Gut schützte. "Ich spreche nicht von Weiß und Schwarz, sondern von der Philosophie des Lebens."

An einem heißen Tag im Sommer 2007 besuchte ich Ornette Coleman dann in Midtown Manhattan. Obwohl er erst wenige Tage vor dem Gespräch während eines Konzertes einen Schwächeanfall erlitten hatte, war er bester Dinge. Der Boden des Musikzimmers war in Leopardenmustern ausgelegt, neben einem himmelblauen Schlagzeug und einem leicht lädierten E-Piano lag sein Saxofon bereit. An der Wand ein Robert Rauschenberg: eine große bunte Collage unter Verwendung der bekannten Aufnahme des Fotografen Eddie Adams, die zeigt, wie General Nguyen Ngoc Loan 1968 in Saigon auf offener Straße einen gefangenen Vietcong erschießt.

Auch die bildende Kunst nämlich spielte für Coleman von Anfang an eine große Rolle – aktiv wie passiv: Er zählte die Interdisziplinarität der Künste zu den Selbstverständlichkeiten einer sozialkritischen Avantgarde. Nun, mit 77, saß er auf dem roten Sofa in seinem großzügigen New Yorker Loft und berichtete mit gewohnt sanfter Stimme, er habe erkannt, dass Rassismus keine Frage der Hautfarbe sei. "Unsere Musik hat bewusst gemacht, wie überaltert das System der Rassentrennung doch war. Ich bin in großer Armut aufgewachsen und wollte meine Umgebung positiv verändern. Heute kann ich sagen, dass ich überlebt habe, weil ich etwas Lebenswertes geschaffen habe, das auch anderen Menschen etwas bedeutet."

Coleman hatte sich alles, was er konnte, selbst beigebracht, doch noch auf dem Höhepunkt seines Schaffens, als er mit Skies Of America seine erste Symphonie komponierte, litt er unter dem extremen Rassismus seiner Kindheit. "Wie ich mir das alles beibringen konnte? Durch Tränen." Deshalb wollte er nicht als Jazzmusiker in die Geschichte eingehen, sondern als komponierender Grenzüberschreiter. In Neuhardenberg durften wir ihn zum letzten Mal live erleben, diesen Sound, den er als "höchste Form des Friedens" verstand. Am vergangenen Donnerstag ist Ornette Coleman 85-jährig für immer verstummt.