DIE ZEIT: Die Eifel ist für manches bekannt, für ihr Nachtleben nicht. Das wollen Sie jetzt ändern. Was haben denn diese einsamen Höhen einer Großstadt voraus?

Harald Bardenhagen: Sterne! In Köln sieht man nicht viel von denen, da ist es viel zu hell. Aber wenn man eine Stunde fährt, kommt man nach Vogelsang im Nationalpark Eifel. Das liegt schön hoch, ist gut erreichbar – und richtig duster. Bis vor zehn Jahren war hier ein Truppenübungsplatz der belgischen Streitkräfte. 2009 habe ich den Standort für mich entdeckt und ihn mit vielen Partnern aus der Region zum Sternenpark entwickelt.

ZEIT: Sternenpark, das klingt romantisch ...

Bardenhagen: ... ist aber ein Gütesiegel. Die International Dark Sky Association IDA vergibt es für Schutzgebiete, in denen der Nachthimmel so wenig wie möglich beeinträchtigt wird. Man bekommt es nur, wenn man astronomische Bildungs- und Beobachtungsmöglichkeiten anbietet und mindestens zwei Kommunen dazu bringt, ihre Lichtemissionen zu verringern.

ZEIT: Das haben Sie geschafft.

Bardenhagen: Ja. Heimbach hat zum Beispiel seine Burgbeleuchtung reduziert, Schleiden setzt das Rathaus nachts nur noch dezent in Szene. Ich wurde erst mal komisch angesehen, wie ich da als Fürsprecher der Dunkelheit durch die Gemeinden zog. "Da kommt ja unser Sternenkrieger", hieß es. Doch immer mehr machen mit. Und jeder, der einmal an einer Sternenwanderung teilgenommen hat, wird sensibilisiert für einen anderen Umgang mit Licht.

ZEIT: Eine klassische Sternwarte mit Kuppel sucht man in Ihrem Sternenpark vergebens. Warum wollten Sie keine?

Bardenhagen: Im Observatorium kann immer nur einer durch die Röhre schauen, alle anderen sehen bloß das Kuppeldach. Ich dagegen will ein umfassendes Nacht- und Naturerlebnis bieten. Deshalb nutze ich einen begrünten Parkplatz. Dort steht ein weißer Container, der ein wenig wie ein Raumschiff wirkt. Aus dem hole ich meine Instrumente, ehe die Besucher kommen: ein Spiegelteleskop auf einem fahrbaren Stativ, ein zweites Teleskop sowie ein Großfernglas. Dann erleben wir, wie die Natur sich verändert, wie die Vögel stiller werden und schließlich die Sterne zum Vorschein kommen, die hellen als erste. Als hätte jemand auf "Gute Nacht!" geschaltet – das ist wie eine Initiation. Nicht umsonst hat die Unesco den Anblick der Sterne zum Menschenrecht erklärt.

ZEIT: Du lieber Himmel!

Bardenhagen: Hier können wir den Gästen zu diesem Recht verhelfen. Ich allein hatte in diesem Jahr schon 800 Buchungen. Seit wir Sternenpark sind, stellen auch einige Gastgeber ein Fernrohr im Garten auf. Schulen führen Projektwochen durch oder gründen eine Astronomie-AG. Eine 85-jährige Dame aus Bonn hat jetzt schon das fünfte Mal teilgenommen. Sie sagt, so opulent hätte sie die Milchstraße zuletzt nach dem Krieg erlebt.

ZEIT: In seinem Buch Sternenklar erzählt der Schriftsteller Ulrich Woelk von einem Astronomen, den die Fragen seiner kleinen Tochter dazu bringen, sein ganzes Metier zu überdenken.

Bardenhagen: Ich weiß, was er meint. Die einfachsten Fragen erweisen sich oft als die schwierigsten. Wie weit sind die Sterne weg? Ich kann dann zwar sagen, dass das nächste Sternensystem 4,3 Lichtjahre entfernt liegt. Aber darunter können wir uns nichts vorstellen. Deshalb erkläre ich das mit zwei Murmeln: Die eine stellt die Sonne dar, die andere Alpha Centauri. Wie weit wären sie bei diesem Maßstab auseinander? Die Schätzungen liegen meist noch in Sichtweite. Doch es wären etwa 400 Kilometer. Zu Hause fragen die Kinder weiter. Aber die Eltern kennen sich am Himmel nicht mehr aus; die Großeltern noch eher. Früher haben die Leute auch geschwärmt, was sie im Urlaub an Sternen gesehen haben. Doch mittlerweile werden selbst diese Gebiete oft wie verrückt beleuchtet.

Was passiert bei schlechtem Wetter?

ZEIT: Vogelsang ist selbst eine Touristenattraktion, freilich belastet mit einer ziemlich schweren Hypothek.

Bardenhagen: Es ist als nationalsozialistische Kaderschmiede angelegt worden, ein monumentaler Komplex, der sich nun zu einem Ort der Begegnung wandelt. Da kann man viel über die deutsche Geschichte lernen, das Rotkreuzmuseum thematisiert humanitäre Werte, das Netzwerk Kirche lädt dazu ein, die Schöpfung zu erleben. Astronomie ist universell, darum passt sie gut dazu.

ZEIT: Sie betreiben also eine Art kosmischer Heimatkunde. Welche Rolle spielt die Natur dabei?

Bardenhagen: Das Universum ist ja die Natur schlechthin. Wir erleben sie aber auch konkret. Etwa die Silhouetten der Zugvögel vor dem sternenbesetzten Himmel. Manchmal äsen Rehe auf dem Gelände, und mithilfe von Detektoren orten wir Fledermäuse.

ZEIT: Macht Ihnen das Wetter nicht oft einen Strich durch die Rechnung?

Bardenhagen: Arizona wäre in dieser Hinsicht besser geeignet. Wenn ein Termin ausfallen muss, verständige ich die Teilnehmer mindestens drei Stunden vorher. Kurzurlaubern, die das "Arrangement für Nachtschwärmer" gebucht haben, bieten wir einen attraktiven Vortrag als Ersatz. Fast alle melden sich früher oder später erneut an.

ZEIT: Wird es nun bald massenhaft Sternenparks geben, als Patentrezept für touristisch unterbelichtete Regionen?

Bardenhagen: Je mehr Nachtschutzgebiete eingerichtet werden, desto besser. Neben uns sind noch das Westhavelland und die Rhön von der IDA anerkannt. Auf der Schwäbischen Alb ist ein Park in Vorbereitung. Bestimmte Bereiche in Mecklenburg-Vorpommern wären womöglich noch dunkler, nur wird das dort nicht so thematisiert.

ZEIT: Was bekommen wir derzeit im kosmischen Lichtspieltheater geboten?

Bardenhagen: Den Saturn kann man jetzt schon um 23 Uhr im Osten beobachten. Sein Ringsystem im Fernrohr zu bestaunen ist ein Genuss. Außerdem gibt es noch Venus und Jupiter zu sehen. Auch Sternschnuppen fallen jede Nacht. Etwa die Hälfte der Teilnehmer bemerkt sie; die andere Hälfte schaut daraufhin noch eifriger nach oben.

ZEIT: Und fährt dann mit Genickstarre nach Hause?

Bardenhagen: Die besten Freunde der Astronomen sind die Physiotherapeuten.