Eine erstaunliche Geschichte hat die ZEIT:Hamburg ihren Lesern in der vergangenen Woche auf der Titelseite präsentiert: Es gebe eine Verschwörung in der Stadt. Ihr Ziel: endlich Hamburgs NS-Vergangenheit zu beschönigen. Ganz unterschiedliche Tatbeteiligte, so behaupten die beiden Historiker Axel Schildt und Detlef Garbe, hätten sich bei diesem Komplott zusammengetan: die Handelskammer, das Hamburger Abendblatt, der Norddeutsche Rundfunk, die TV-Produktionsfirma jumpmedien. Und ich, Autor des Buches Hanseaten unter dem Hakenkreuz. Dieses Buch, herausgegeben von der Handelskammer aus Anlass ihres 350-jährigen Bestehens, halten die Herren Schildt und Garbe insofern für eine der Quellen des Übels, als der kürzlich mit großem Erfolg gesendete NDR-Film Hamburg 1945 auf dessen Schlusskapiteln basierte.

Axel Schildt und Detlef Garbe sind Historiker, bei denen man, nach ihrem Werdegang und ihrer beruflichen Position zu urteilen, Gründlichkeit und Plausibilität des Urteils voraussetzen möchte. Schildt, Jahrgang 1951, ist Professor für Neuere Geschichte und leitet die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, eine wissenschaftliche Einrichtung der Universität in der Rechtsform einer Stiftung bürgerlichen Rechts. Detlef Garbe, Jahrgang 1956, ist Direktor der Gedenkstätte Neuengamme, Lehrbeauftragter für Zeitgeschichte und ressortiert in der Kulturbehörde.

Beider Aufgabe ist die Vertiefung des zeithistorischen Bewusstseins in unserer Stadt durch Forschungsarbeiten und deren öffentlichkeitswirksame Darstellung. Genau daran fehlt es, bis heute. Schildt und Garbe verweisen selbst auf "Jahrzehnte intensiver Forschung, Hunderte von Büchern und Aufsätzen", die "schlicht ignoriert" würden. Damit begeben sie sich in die Gesellschaft von Historikern, die ihren Job für getan erachten, wenn sie ihre Fachzeitschriften und Fachverlage bedienen und dabei unter sich bleiben. Das halten sie für "Öffentlichkeit". Warum also das gekränkte Lamento, das Schildt und Garbe in dieser Zeitung angestimmt haben? Wenn sich in der Stadt, wie beide behaupten, eine breite Strömung zur Verharmlosung und Beschönigung der NS-Zeit herausbilden konnte, so ergibt sich doch als logische Schlussfolgerung: Also haben die beiden vorgenannten Institutionen, die staatlich alimentiert werden, ihre Aufgaben höchst unzureichend erfüllt.

Mit meinem Buch möchten die beiden Autoren sich nicht in der Sache auseinandersetzen ("... kann hier nicht rezensiert werden"). Das allerdings kann ich nachvollziehen, denn andernfalls würde die Generalthese der Geschichte, die sie dieser Zeitung angedient haben, in sich zusammenfallen. Ich habe der hamburgischen Kaufmannschaft in meinem Buch nichts erspart. Nicht den schamlosen Bereicherungswettlauf bei den Arisierungen bislang jüdischer Firmen, Grundstücke und anderer Vermögenswerte, nicht die empörende, achselzuckende Gleichgültigkeit bei dem Pogrom des 9. November 1938 und den Drangsalierungen jüdischer Kaufleute in den Jahren vorher, nicht den massenhaften Einsatz von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen, nicht die Beteiligung hamburgischer Firmen an der Ausplünderung der besetzten Gebiete, zum Beispiel des Reemtsma-Konzerns auf der Krim. Und auch nicht den "lebhaften Beifall", wenn der Reichsstatthalter Karl Kaufmann vor den Kaufleuten von einem großgermanischen Reich und von Hamburg als der Erbin der Welthandelsmetropole London schwadronierte.

In der Wirtschaft gab es den Versuch, mein Buch zu torpedieren

Das alles ist für jedermann nachprüfbar. Gern erwähne ich in diesem Zusammenhang, dass die Mitarbeiter der Forschungsstelle für Zeitgeschichte bei den Recherchen behilflich waren, wenn sie darum gebeten wurden. Der Versuch, mein Buch als Bestandteil einer Verharmlosungskampagne und mich selbst als deren "Mittäter" hinzustellen, ist also sachlich nicht im Mindesten begründbar.

Der Handelskammer kreiden Axel Schildt und Detlef Garbe an, dass sie keine Kommission mit dieser Arbeit beauftragt hat. Das ist leicht zu erklären. Die Kammer wollte sich ihrer Vergangenheit in einer Form stellen, die öffentlich zur Kenntnis genommen wird. Das Wesen einer Kommission ist, dass sie einen Kommissionsbericht erstellt. Der kommt zustande, indem fünf oder mehr Wissenschaftler mit sieben oder mehr zäh verteidigten Lehrmeinungen sich irgendwann und irgendwie zusammenraufen. Das Ergebnis wird abgeliefert und verschwindet in den Archiven. Genau das wollte die Kammer nicht. Sie wollte ein Buch, das gelesen wird, und das hat sie bekommen.

Welche Rolle hat die Handelskammer Hamburg bei diesem Projekt gespielt? Ich kann nur sagen: eine sehr konstruktive und sehr honorige. Ich habe diesen Auftrag unter zwei konstitutiven Bedingungen übernommen: Ich schreibe dieses Buch in eigener Verantwortung, und maßgebend sind allein die beweisbaren Fakten. Daran haben sich beide Seiten gehalten. Die Kammer hat in drei Fällen Vorschläge zur Sprache gebracht, die den Text betrafen, und zwar nicht etwa mit dem Ziel, Passagen zu streichen, sondern im Gegenteil zu erweitern. Da dies mit Urkunden untermauert werden konnte, habe ich die Textergänzungen vorgenommen.