Franziska Giffey, Neuköllns neue Bürgermeisterin, hat jetzt in jeder Beziehung die Nachfolge von Heinz Buschkowsky angetreten: Ihr Bezirksamt steht wegen Islamophobie am Pranger. Damit musste die Sozialdemokratin rechnen, sie war gewarnt worden. Als sie Mitte April offiziell ihr Amt übernahm, hatte sich ein Flashmob von etwa 30 Frauen mit Kopftuch vor dem Rathaus versammelt, um ihr unmissverständlich klarzumachen, dass man ihre Position im Kopftuchstreit nicht hinnehmen werde. Die lautet nämlich: "Dort, wo der Staat den Bürgern als Autorität gegenübertritt, sind religiöse Symbole unangemessen." Das Neutralitätsgebot des Staates bedeute, erläutert Giffey, "kein Kreuz, keine Kippa, kein Kopftuch". Am Revers ihres karierten Kostüms prangt das Bezirkswappen.

Wie ist sie in den Kulturkampf geraten? Am 2. Juni hatte sich die 26-jährige Rechtsreferendarin Betül Ulusoy beim zuständigen Neuköllner Rechtsamtsleiter Raimar Noffke telefonisch erkundigt, ob in Neukölln noch Ausbildungsplätze frei seien. Noffke hatte das bejaht, daraufhin hatte Ulusoy sich am 3. Juni bei ihm persönlich vorgestellt. Die Daten sind wichtig, weil inzwischen Aussage gegen Aussage steht. Ulusoy sagt, sie sei mit einer mündlichen Zusage ins Amt marschiert, aber als der Beamte sie sah, habe er gesagt, da gäbe es nun leider ein Problem: ihr Kopftuch. Er selbst sei leidenschaftslos, aber sein Amt fahre da "eine ganz klare Linie" und stelle selbst Praktikanten mit Kopftuch nicht ein.

"Das wirklich Traurige an der Geschichte ist", sagt Ulusoy, "dass ich mir als erwachsene Juristin gerade vorkomme wie das kleine Mädchen, das wegen ähnlicher Erfahrungen heulend aus der Schule rannte. Man sollte meinen, man müsste sich doch über die Jahre an immer dieselben Diskriminierungen gewöhnt haben und damit rechnen, wenn man mit Kopftuch irgendwo aufschlägt." Sie sei geradezu wütend auf sich, "weil mir das immer noch so nahegeht und ich einmal mehr zitternd einen blöden Text über das Leben mit Kopftuch tippen muss". Auf Facebook forderte sie Journalisten auf, sich bei ihr zu melden, falls das Bezirksamt bei seiner Linie bleibe; andere sollten "Druck ausüben", möglichst schnell, und Stellungnahmen an das Bezirksamt schicken. Das gefiel 1096 Facebook-Freunden.

Nur: Betül Ulusoy hat nie eine Absage aus Neukölln bekommen. Das Bezirksamt wollte sich vielmehr beraten. Wie aus einem Mailverkehr hervorgeht, welcher der ZEIT vorliegt, war das auch Betül Ulusoy völlig klar, als sie ihren Facebook-Aufruf startete. Denn sie fragte am 4. Juni bei Noffke nach, ob man sich schon entschieden habe. "Ich bitte Sie um noch ein klein wenig Geduld", schrieb der zurück. "Ich werde mich auf jeden Fall morgen bei Ihnen melden."

Aber schon am selben Abend behauptete der Sender rbb: "Betül Ulusoy darf nicht im Bezirksamt Neukölln arbeiten." Von da an lief die Story. Eine schöne, junge Muslimin kämpft für ihr Recht – ein Recht, das vom Bundesverfassungsgericht in seinem jüngsten Kopftuchbeschluss bis zum Mann auf der Straße eigentlich überall akzeptiert wird, nur in Neukölln nicht. Fragt man Ulusoy, warum sie wider besseres Wissen den Eindruck erweckt habe, ihr sei der Ausbildungsplatz verweigert worden, erklärt sie: "Ohne den Druck der Medien hätte das Bezirksamt mit Sicherheit anders entschieden." Beschlossen wurde nämlich am 9. Juni, Betül Ulusoy den Ausbildungsplatz zu geben – allerdings mit der Einschränkung, dass sie keine "hoheitlichen Aufgaben" wahrnehmen, den Bürgern also nicht als Vertreterin des Staates gegenübertreten dürfe.

Franziska Giffey sitzt in ihrer Amtsstube mit den Ölgemälden vom ländlichen Neukölln und wundert sich. Mit einer Ausnahme habe kein Journalist bei ihr nachgefragt, wie sie die Sache sieht.

Dafür hat sie Post von der Sehitlik-Moschee bekommen, Ulusoys Heimatgemeinde. Man werde ihr sehr gern Fragen zur staatlichen Neutralität erläutern. "Auch in Zukunft werden wir die Arbeit und die Äußerungen von Frau Giffey mit großem Interesse verfolgen." Ein drohender Unterton ist nicht zu überhören.

Ulusoy sagt, auf ihren vorigen Ausbildungsstationen im Gericht und bei der Staatsanwaltschaft habe das Kopftuch keine Rolle gespielt. Aber das stimmt nicht. Dort galt dasselbe Neutralitätsgebot. Es ist Berliner Rechtslage, und die entspricht, wie Ulusoy sagt, der Stimmung in einer "sehr religionskritischen Stadt". Allerdings rücken Linke, Grüne und sogar der sozialdemokratische Mit-Initiator dieser Regelung, der frühere Integrationsbeauftragte Erhart Körting, inzwischen vom Neutralitätsgebot ab. Giffey steht in ihrer SPD jetzt ziemlich allein da. Ulusoy selbst ist übrigens Mitglied der Jungen Union.

Wenn die Muslimin im türkischen Restaurant La Femme auf dem Kottbusser Damm in Neukölln sitzt, kommen immer wieder mal Frauen mit Kopftuch vorbei und gratulieren ihr. "Gut gemacht", "unsere Heldin!". Ulusoy spricht ruhig, geduldig und überlegt. Warum sie ein Kopftuch trägt? "Früher haben Frauen dafür gekämpft, Hosen tragen zu dürfen. Das ist für mich eine Frage der Selbstbestimmung, der Emanzipation", sagt sie. Aber bei den Hosen ging es um Gleichheit, beim Kopftuch geht es um Verschiedenheit. Emanzipation also von was? Sie erzählt von türkischen Vätern, die ihre Töchter dazu zwängen, Miniröcke zu tragen, weil das Kopftuch ihnen peinlich sei, so rückständig. Vom umgekehrten Fall will sie nichts gehört haben. Wütend berichtet sie von ihren Begegnungen mit Feministinnen, die ihr in der Schulzeit hätten vorschreiben wollen, wie sie sich zu verhalten habe. "Wenn ich das höre, ›staatliche Neutralität‹", meint Ulusoy, "dann kann ich nur sagen: Davon habe ich in Neukölln in meiner Schulzeit wenig mitbekommen." Einer Freundin von ihr sei es verboten worden, mit Kopftuch am Sportunterricht teilzunehmen. Für jede Stunde, in der sie nicht dabei war, habe sie eine Sechs für Unterrichtsverweigerung bekommen. Als Ulusoy in einer Unterrichtseinheit über Weltreligionen den Islam vorgestellt habe, hätte die Lehrerin sie angeschrien, sie solle keine Missionierung betreiben. Andere Lehrerinnen hätten sie wiederholt auf ihr "Scheiß-Kopftuch" angesprochen, stets in der Überzeugung, ihre Eltern hätten es ihr aufgezwungen. "Dabei", sagt Ulusoy, "haben mir meine Eltern dringend abgeraten. 'Tu es nicht, du wirst nur Nachteile haben', haben sie gesagt."

Ulusoy, die sich einen Namen als Bloggerin gemacht hat, ist Gründerin der Facebook-Gruppe "MuslimaPride". Das war eine Reaktion auf eine Demonstration von Femen, auf der es hieß, Kopftuch-Trägerinnen litten unter dem Stockholm-Syndrom. "Krass!", kommentiert Ulusoy. "Wenn mir unterstellt wird, mein Denken sei das eines Opfers, dann erübrigt sich jedes Gespräch."

In ein solches Gespräch habe sie mit der Bezirksbürgermeisterin kommen wollen – vergebens, sagt Ulusoy. Franziska Giffey weist das zurück. "Hier gab es keine Anrufe – das Büro ist ganztägig besetzt." Inzwischen ist klar, dass Ulusoy ihre Stelle in Neukölln gar nicht antreten wird – sie stand längst in Verhandlungen mit dem Gesundheitssenat. Giffey: "Das lässt die Frage aufkommen, ob Frau Ulusoy überhaupt jemals an einer Ausbildungsstation in Neukölln interessiert war oder ob es ihr eher um eine politische Kampagne ging."

Im Bezirksamt glaubt man auch, das Ziel dieser Kampagne zu kennen. Betül Ulusoy wolle das Berliner Neutralitätsgebot kippen. Womit sie am Ende die erste deutsche Richterin mit Kopftuch werden könnte.