Seit 1963 haben die Päpste ihre Soziallehren nicht nur an die katholischen Gläubigen, sondern auch an "alle Männer und Frauen guten Willens" gerichtet. Entsprechend knüpfen sich heute in der Weltöffentlichkeit mindestens so große Erwartungen an Papst Franziskus’ neue Enzyklika Laudato sii wie unter den Katholiken selbst.

In einem Bericht über die letzte Vollversammlung der katholischen US-Bischöfe in St. Louis kritisierte die New York Times-Reporterin Laurie Goodstein letzte Woche die sehr reservierte Haltung, die die meisten amerikanischen Bischöfe gegenüber dem Lehrschreiben einnehmen. "Die katholische Kirchenführung in den Vereinigten Staaten wird schwer zu überzeugen sein. Bischöfe aus dem ganzen Land haben vorab erklärt, dass sie sich mit Enthusiasmus zurückhalten wollen, bevor das Dokument erscheint."

Doch das öffentliche Interesse könnte schwerer wiegen als das der amerikanischen Bischöfe. Schon 1963 erregte die Enzyklika Pacem in terris ("Über den Frieden auf Erden") von Papst Johannes XXIII. weltweit enormes Interesse. Danach organisierte Norman Cousins – der 1962 während der Kubakrise als Mittelsmann zwischen dem Papst, dem US-Präsidenten John F. Kennedy und dem sowjetischen Regierungschef Nikita Chruschtschow fungierte – zwanzig Jahre lang Friedenskonferenzen im Center for the Study of Democratic Institutions in Santa Barbara.

Pacem in terris bewirkte auch einen Wandel in der Kirche selbst und machte sie zu einem der zentralen Verfechter von Menschenrechten und Demokratie in den letzten Dekaden des 20. Jahrhunderts. Der verstorbene konservative Politikwissenschaftler Samuel Huntington bezeichnete die von den Lehren Johannes’ XXXIII. inspirierte Kirche als einen wichtigen Faktor für die "dritte Welle der Demokratisierung", die in den 1960er Jahren einsetzte.

Nun signalisiert Papst Franziskus, dass er ein noch größeres Publikum zu erreichen hofft. So wird die neue Enzyklika in Rom unter anderem von dem griechisch-orthodoxen Metropoliten Ioannis (John) Zizioulas vorgestellt. Er vertritt den "grünen" ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomäus I. – ein Zeichen dafür, dass Laudato sii auch aus der orthodoxen Theologie und Spiritualität schöpft. So wird das päpstliche Sendschreiben zur ökumenischen Erklärung, die für das westliche wie für das östliche Christentum steht. Papst und Patriarch haben viel gemeinsam. Bartholomäus studierte in Rom; Franziskus war für die katholischen Ostkirchen in Lateinamerika verantwortlich. In der griechisch-orthodoxen Kirche stößt man sich seit Langem an der Macht und dem Ansehen der "großen Kirche", wie sie sarkastisch genannt wird. Nun predigt Franziskus eine bescheidene Kirche für die Armen.

Ein weiterer Redner wird der deutsche Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber sein, Gründer des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Mitglied des Weltklimarates. Papst Franziskus, der als studierter Chemietechniker gearbeitet hat, will zeigen, dass die Enzyklika zwar die Umweltethik in den Vordergrund stellt, die Wissenschaft aber ernst nimmt. In seinem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium ("Freude des Evangeliums") von 2013 mahnte er zur "Begegnung zwischen dem Glauben, der Vernunft und den Wissenschaften". Schon früher gaben Wissenschaftler in einzelnen Fällen im Vatikan Stellungnahmen zu bioethischen Fragen. Franziskus aber legt besonderen Wert auf den Dialog mit der Wissenschaft als Teil der Evangelisierung. Die katholische Soziallehre hat in neuerer Zeit immer wieder die öffentliche Debatte beeinflusst. Unterstützt durch das Zweite Vatikanische Konzil eröffneten Diözesen auf der ganzen Welt Büros für Menschenrechte, Gerechtigkeit und Frieden – zuerst das Vikariat der Solidarität in Chile. Alle diese Büros verteidigten die Rechte der Bevölkerungen gegen staatliche Repression.

Nicht wenige Friedensnobelpreisträger wurden durch die katholische Soziallehre inspiriert, darunter Lech Wałęsa in Polen, Kim Dae-jung in Südkorea, Mairead Corrigan-Maguire in Nordirland und Carlos Filipe Ximenes Belo in Osttimor. Bekannte katholische Menschen- und Bürgerrechtler sind Legion: Corazon Aquino auf den Philippinen, José Zalaquett in Chile, Franjo Komarica in Bosnien und Herzegowina, Michel Sabbah in Israel und Palästina, Samuel Ruiz García in Mexiko, Juan Gerardi in Guatemala.

Auch die US-amerikanischen Bischöfe machten Politik. 1983 erklärte ihr Hirtenbrief über "Die Herausforderung des Friedens" der amerikanischen Öffentlichkeit die Lehre vom gerechten Krieg. Als der Senat 1990 über ein Eingreifen in den Ersten Golfkrieg debattierte, beriefen sich Senatoren und auch der ehemalige Präsident Jimmy Carter auf die Grundsätze des gerechten Kriegs, die durch den Hirtenbrief populär wurden. 1994 dann gewann die Republikanische Partei die Mehrheit im Repräsentantenhaus. Ihr Wahlprogramm, der "Vertrag für Amerika", sah diverse Maßnahmen vor, um Umweltgesetze auszuhebeln. Das wichtigste von ihnen war ein Gesetzesvorstoß, der jede Minderung erhoffter Gewinne zu einer "Enteignung" erklärt hätte, die der Staat kompensieren sollte. Dagegen wandte ein inoffizielles Dokument, das im Weißen Hauses zirkulierte, die katholische Soziallehre auf das Privateigentum an und erklärte, warum Eigentum sozial verpflichte. Vizepräsident Al Gore gab das Papier an Bob Dole weiter, den damaligen Mehrheitsführer im Senat. Senator Dole, ein Republikaner, ließ sich überzeugen. Er strich die "Enteignung" von der Tagesordnung des Senats und wehrte den Angriff auf das Umweltrecht ab. Im folgenden Frühjahr traf sich Gore mit der Nationalen Religiösen Partnerschaft für die Umwelt, einem Zusammenschluss der katholischen Bischofskonferenz und des Nationalen Kirchenrats mit jüdischen und evangelikalen Umweltnetzwerken. Er begann seine Rede, indem er "den Katholiken" dafür dankte, "die ›Enteignung‹ gestoppt zu haben".

Auch in schwierigen Zeiten kann die katholische Soziallehre also das Zünglein an der Waage sein. Papst Franziskus nun erfreut sich weltweiter Sympathie und besitzt moralische Autorität nicht nur durch sein Amt, sondern auch durch seine persönliche Integrität und sein Charisma. So könnte Laudato sii die globale Umweltpolitik prägen. Vielleicht treibt sie sogar die Einigung auf ein globales Klimaschutzabkommen im Dezember in Paris voran: Denn Franziskus ist für Überraschungen gut. Das gehört zu seinem persönlichen Stil. Er formuliert überraschend und findet überraschende Wege, um seine Anteilnahme zum Ausdruck zu bringen. Oft folgt er einer spontanen Eingebung. Als Theologe beschreibt Franziskus selbst das Überraschende als Funktion des Heiligen Geistes, der stets "neue Synthesen" hervorbringe und so Neues erschaffe. Er verwandelt Einheit in Vielfalt, aber auch Uneinigkeit in Harmonie. Er macht neu und verwandelt.

Drew Christiansen ist Jesuit und Professor für Ethik und Globale Entwicklung in Washington. Er beriet den Vatikan in wissenschaftlichen Fragen, auch zur Atomenergie.