Auf den ersten Blick präsentiert uns der Papst ein Zukunftspapier, das von allen begrüßt werden kann, Christen wie Nichtchristen. Bei näherer Betrachtung aber stellt sich die Frage: Vermag der Papst die Entwicklungsländer – als deren natürlicher Anwalt er auftritt – zu mobilisieren? Die Enzyklika ruft Menschen in aller Welt auf, die Umwelt zu schützen, ein gesünderes Leben zu führen und die Armut zu überwinden. Papst Franziskus glaubt, dass seine Kirche über beste Voraussetzungen verfügt, diese Botschaft zu übermitteln – weil sie alle sozialen und nationalen Gruppen erreicht. Aber genügt das?

Die Enzyklika erscheint in einem Moment, da die Vereinten Nationen erneut versuchen, sich auf bindende Pflichten zum Klimaschutz zu einigen, und zwar noch vor der Pariser Klimakonferenz im Dezember; sie folgt auf die Konferenz von Kopenhagen 2009, die am Zwist zwischen Nord und Süd scheiterte. Zuvor aber kommt die Enzyklika eines Papstes, der seine Kirche empfänglicher machen will für alle alltäglichen Sorgen der Menschen: soziale, ökonomische und ökologische.

Doch das ist ein steiniger Weg bergauf. Zuerst muss Franziskus seine südamerikanischen Landsleute, dazu Asiaten und Afrikaner überzeugen, eine eigene Umweltpolitik zu etablieren. Die Christen auf diesen Kontinenten werden künftig einen wachsenden Anteil am weltweiten Christentum haben. Es wächst dort also die Anhängerschaft des Papstes. Doch die Regierungen haben wenig Ambitionen, ihre CO₂-Emissionen zu beschränken und sich jenen sozialen und ökologischen Regeln zu unterwerfen, die von den reichen Ländern in Handelsabkommen gefordert werden. Namentlich Inder, Chinesen und Brasilianer müssen noch überzeugt werden, dass dem Klimaschutz oberste Priorität gebührt.

Zugleich wächst der Zorn breiter Bevölkerungsschichten über die Umweltverschmutzung: Viele Entwicklungsländer leiden bereits jetzt unter klimabedingten Katastrophen wie Überschwemmungen und Dürre. Im brasilianischen São Paulo sterben mehr Menschen an Luftverschmutzung als bei Autounfällen. Atemwegserkrankungen sind in China inzwischen eine der häufigsten Todesursachen. Die Wut über die verschmutzte Luft trug zur Occupy-Central-Bewegung in Hongkong bei. Zu Recht fürchten die kommunistischen Machthaber in China, dass sich der Zorn aufs Festland ausbreiten könnte. In Indien beschweren sich die Menschen, dass mangelhafte sanitäre Anlagen und ungenügende Müllentsorgung das Wachstum ihrer Kinder hemmen. Mittlerweile investieren Länder wie Kenia und Ägypten, Indien und China in saubere Technologien und erneuerbare Energien. Die Menschen dort werden also hinhören, was der Papst sagt, und hoffen, dass das noch nicht alles war.

Denn der Bevölkerungsanstieg verschärft die ökologischen Probleme. Die Bevölkerung der Philippinen soll von 98,3 Millionen Menschen im Jahr 2013 auf 157 Millionen im Jahr 2050 anwachsen, in Bangladesch von 156 auf 201 Millionen, in Ägypten von 82 auf 121 Millionen. Wie will der Papst mit dem Bevölkerungswachstum umgehen? Das wird größte Aufgabe seines Pontifikats, sie betrifft die Kirche selbst. Der Papst ist hier doppelt eingeengt – durch seine eigenen konservativen Ansichten zu Ehe und Familie sowie durch den erbitterten Widerstand der Traditionalisten, die keine Veränderungen der Lehre wollen.

Franziskus ist populär. In seiner grünen Enzyklika wendet er sich einmal mehr an seine Fans, über die Köpfe der Kurie hinweg. Wenn sein Programm aber über das Pontifikat hinaus wirken soll, muss er die nachhaltige Unterstützung vieler Christen rund um den Erdball finden. Er muss einschneidende Veränderungen anstoßen, die nicht mehr zurücknehmbar sind, auch nicht von alten Kräften in der Kurie. Seine Reisepläne für die nächste Zeit und seine zahlreichen neuen Personalien in Kardinalskollegium und Kurie deuten darauf hin: Dieser Papst setzt alles daran, dass seine Mission Früchte trägt.

Sir Michael Leigh war in Brüssel Director-General für die Erweiterung der EU. Jetzt ist er Senior Fellow beim German Marshall Fund of the United States. Aus dem Englischen von Michael Adrian.