DIE ZEIT: Professor Mannion, soeben hat der Vatikan eine Umwelt-Enzyklika des Papstes veröffentlicht. Am Montag wurde aber bereits eine italienische Version in der Tageszeitung L’Espresso geleakt. Sie haben die 190 Seiten gelesen. Was ist Ihr Lieblingssatz?

Gerard Mannion: Im elften Kapitel heißt es: Wir alle haben einen gemeinsamen Ursprung. – Mit "alle" meint der Papst aber nicht nur uns Menschen, sondern in der Tradition des Heiligen Franz von Assisi wirklich sämtliche Lebewesen, vom kleinsten bis zum größten.

ZEIT: Franz von Assisi ist berühmt für seine Predigt zu den Vögeln. Ist das nicht ein etwas verrücktes Vorbild, wenn man die Leute heute für den Klimaschutz mobilisieren will ?

Mannion: Dass wir alle denselben Schöpfer haben, mag heute als romantischer, irrationaler Gedanke erscheinen. Aber der Papst will auf etwas Fundamentales hinaus: dass wir einander als Geschöpfe verbunden sind. Diese Verbundenheit sollte unseren Umgang miteinander prägen. So ist es aber nicht. Deshalb empfiehlt der Papst, die Natur wieder mit Bewunderung anzuschauen, denn dann falle es schwer, die Haltung eines Beherrschers oder gar Ausbeuters einzunehmen.

ZEIT: Fanden Sie es anstrengend, die 190 Seiten durchzulesen? Immerhin ist das Thema Klimawandel nicht neu, auch die Kirchen haben es in den letzten Jahrzehnten starkgemacht, und grüne Parteien sind längst etabliert.

Mannion: Mag sein, aber ich war beim ersten Lesen begeistert. Mir gefällt der Leitgedanke, dass wir nur gemeinsam für unser Wohl sorgen können. Das scheint so selbstverständlich und fällt uns doch so schwer. Deshalb finde ich es großartig, wenn der Papst uns an das Selbstverständlichste erinnert. Er formuliert sehr direkt, spricht seine Leser persönlich an. Er fordert uns auf, einer selbst gemachten Katastrophe endlich ins Auge zu sehen. Das ist eindrucksvoll – und auch ungemütlich.

ZEIT: Vorab wurde viel über seine theologische Methode spekuliert. Wie hat er das Thema nun angepackt?

Mannion: Holistisch, das heißt ganzheitlich. Laudato sii ("Gelobt seist du") ist nicht einfach eine theologische Abhandlung über den Schöpfer und seine Geschöpfe, sondern verbindet die Aspekte Umwelt und Ethik, Politik und Religion. Methodisch wichtig ist, dass Franziskus seine scharfe Kritik an der Zerstörung der Umwelt mit einer Kritik des sozialen Unrechts verbindet. Er will, dass wir die Bewahrung des Planeten und die Bekämpfung der Armut zusammendenken. Und er bittet uns: Hört auf, das Elend zu ignorieren!

ZEIT: Unsere Ignoranz kommt vielleicht auch daher, dass der Klimawandel ähnlich unbewältigbar scheint wie die Armut. Hat der Papst Lösungen?

Mannion: Mannion. Er beharrt darauf, dass wir Menschen die Fähigkeit besitzen, ein gemeinsames Haus zu bauen, in dem zu leben eine Freude ist.

ZEIT: Klingt etwas naiv.

Mannion: Nein. Es ist konsequent. Der Text geht auch hart zur Sache, indem er Tatsachen benennt: die Verwüstung ganzer Landschaften, die Verschmutzung der Meere, das Verhungern Abertausender Menschen. Franziskus schreibt konkret. Und dieser Realismus ist charakteristisch für ihn, als Denker und als Prediger. Er appelliert an unser Gewissen, indem er drastisch jene Zerstörungen benennt, die wir bereits angerichtet haben. Also: Franziskus ist kein weltfremder Romantiker. Er fügt der bisherigen Lehre der katholischen Kirche etwas Eigenes hinzu, nämlich Dringlichkeit und Aktualität. Er sagt zum Beispiel: Die Länder mit den größten Ressourcen tun am wenigsten für einen ökologischen Wandel. Das muss aufhören!

ZEIT: Aber wie und wodurch?

Mannion: Er fordert von der Politik wie von den einzelnen Bürgern: Erneuert den Dialog über die Zukunft! Wir müssen uns verbünden, sonst werden wir scheitern. Franziskus kritisiert nicht nur die Blockadehaltung der Wirtschaft, sondern auch die mangelnde Empathie der Einzelnen. Er würdigt die Klimaforschung, aber beklagt zugleich, wir hätten uns eingerichtet in bequemer Resignation und würden auf technische Lösungen für den Klimawandel warten.

ZEIT: Was wäre schlecht daran, wenn wir sie fänden?

Mannion: Nichts. Aber wer weiß, ob es uns gelingt? Deshalb rät der Papst, das blinde Vertrauen in die Technik zu überwinden. Er will eine spirituelle Wende und bringt Argumente aus der jüdischen und christlichen Tradition, um uns zu motivieren, dem Mysterium der Schöpfung demütig zu begegnen. Dabei beruft er sich auch auf einen französischen Jesuiten, der in den 1920er Jahren in Rom als Persona non grata galt und dessen Schriften verboten wurden: Pierre Teilhard de Chardin entwickelte eine spirituelle Evolutionstheorie über den Platz unseres Planeten im Universum und über einen kosmischen Christus. Er glaubte, das Universum entfalte sich nach einem göttlichen Plan.

ZEIT: Warum rehabilitiert der Papst ausgerechnet Teilhard de Chardin?

Mannion: Weil er eine Synthese von Wissenschaft und Religion wollte.

ZEIT: Sagt der Papst etwas zu Überbevölkerung?

Mannion: Er fordert jedenfalls keine stärkere Geburtenkontrolle.