Der Lyriker Uwe Kolbe wurde 1957 in Ost-Berlin geboren. Mit seinem Gedichtband "Hineingeboren" von 1980 galt er als Stimme einer desillusionierten Generation, die sich dem Realsozialismus der DDR radikal entzog. 1979 wurde sein Sohn Christoph Bodenhammer geboren, der sich als Mach One zunächst in der Berliner Graffiti-Szene einen Namen machte. Er ist Mitbegründer des Bassboxxx-Labels und eine der prägenden Figuren des Berliner Hip-Hop-Undergrounds. 2005 erschien sein erstes Album, "Das Meisterstück Vol. 1". Zuletzt kam 2014 "M.A.C.H." auf den Markt. Von Uwe Kolbe erschien zuletzt der Gedichtband "Gegenreden" im S. Fischer Verlag.

DIE ZEIT: Herr Kolbe, wer ist Ihr Lieblingsrapper?

Uwe Kolbe: Hm. Als ich das vorletzte Mal in den USA war, da haben wir ein paar Westcoast-Sachen gekauft, für die Autofahrten. Rick Ross und so ein Zeug. Und ich finde nach wie vor Eminem fantastisch.

ZEIT: Hören Sie auch deutschen Rap? Kennen Sie die Texte Ihres Sohnes?

Mach One: Er hat wohl fast alle meine Lieder mal gehört. Manche vielleicht auch öfter.

Kolbe: Ja, manche auch öfter. Dann saß ich da und hab mir Sorgen gemacht. Ich hab dann zwischendurch auch mal meine Meinung geäußert.

Mach One: Das Freakshow-Album hat er geschmacklos genannt. Er versteht halt die komplette Richtung nicht.

ZEIT: Richtet sich die Bezeichnung geschmacklos auf Freakshow als Gesamtprodukt oder auf die Texte? Ich zitiere: "Scheiß auf die Soap, das ist ein farbenfroher Psychostreifen / lass dir dein Gehirn von Darn und mir in kleine Stücke reißen / öffne dein Herz und ich steck dir meinen Schwanz rein / du wirst beerdigt, Darn und ich schwingen das Tanzbein."

Kolbe: Ganz klar: auf die Texte. Das ist ja das Perfide an seinen Raps und am Rap allgemein, dass die Beats so verdammt gut sind. Und dann schluckst du Texte, die du in wachem Zustand nicht schlucken würdest. Also zum Beispiel den ganzen Sexismus, der natürlich vielfach überschlagen und ironisch gebrochen ist.

Mach One: Bei Freakshow haben wir gesagt: Wir brechen jetzt alle Tabus, auch unsere eigenen. Wir wollten einfach alles einreißen. Das ist dann natürlich reine Provokation.

Kolbe: Ja, und diese Provokation kommt nach wie vor bei mir an. Dann sage ich manchmal: Hier ist für mich die Grenze zur Geschmacklosigkeit überschritten.

ZEIT: Kennen Sie die Texte ihres Vaters?

Mach One: Kaum, muss ich zugeben. Ich schlage zwar jedes seiner Bücher auf, aber oft sind mir die Gedichte einfach zu hoch. Ganz selten entdecke ich dann mal etwas, bei dem ich sage: Das gibt mir was, das verstehe ich auf meine Art und Weise.

ZEIT: Lesen Sie sonst Literatur?

Mach One: Ich höre seit einiger Zeit vor dem Einschlafen Hörbücher. Da hole ich vieles hervor, was ich in der Kindheit gut fand, Michael Ende zum Beispiel. Hemingways Der alte Mann und das Meer habe ich mir kürzlich auch wieder reingezogen, da bin ich total drauf hängen geblieben. Ich würde mir glatt den kompletten Rücken mit einem Motiv aus der Geschichte zutätowieren lassen.

ZEIT: Der neue Gedichtband Ihres Vaters heißt Gegenreden. Herr Kolbe, wogegen reden Sie an?

Kolbe: Ich könnte jetzt natürlich sagen, das Buch enthält einen Liebeskampf, der ist groß, gigantisch, ja sogar mit einer mythologischen Dimension. Aber es hat mir natürlich auch gefallen, dieses Wort zu nehmen für etwas, das grundsätzlich gegen den Strich gebürstet ist. Es ist gegen vieles geredet, gedichtet. Auch gegen einen ganzen Schwamm von Lyrik.

ZEIT: Also ist Gegenreden sozusagen …

Mach One: … Battle Rap.

Kolbe: Vielleicht in dieser zarten Form, die die Vokabel Gegenreden andeutet.

ZEIT: In der Tat werden dabei ja auch keine Namen genannt. Das macht man in der Literatur offensichtlich nicht.

Kolbe: Ich habe das früher zwei-, dreimal gemacht, mit einem Augenzwinkern. Kam nicht so gut an. Wahrscheinlich will man sich nicht wehtun. Aber ich finde, das gehört dazu, schließlich hat man einen Geschmack. Vielleicht liegt diese Vorsicht daran, dass wir alle, die wir Gedichte schreiben, um einen ziemlich kleinen Topf herum hocken. Das ist nichts, womit man Geld verdient.