Der Fall der Amerikanerin Rachel Dolezal, der gerade rund um den Globus für Kopfschütteln und Aufregung sorgt, ist so skurril wie tragisch: Dolezal, 37, war Dozentin für African Studies und Race and Culture und Sprecherin eines Lokalverbands der National Association for the Advancement of Colored People, der wichtigsten schwarzen Bürgerrechtsorganisation der USA. Bis vor ein paar Tagen war sie eine der vielen Aktivistinnen, die sich gegen Rassismus und Sexismus engagieren. Ihr Name wäre aber wohl nie um die ganze Welt gegangen, wenn nicht etwas Außergewöhnliches ans Tageslicht getreten wäre: Dolezal, dunkle Locken, dunkler Hautton, hat sich in ihrem Wohnort und an ihrer Universität, in Verbänden und Gremien jahrelang als schwarze Frau ausgegeben. Sie ist aber, wie sich jetzt herausgestellt hat, weiß. Sehr weiß sogar, das sieht man auf den Kinderfotos, die nun im Netz kursieren – Dolezal mit blonden, glatten Haaren und im Strickpulli, vor einem Apfelbaum. Warum sollte, fragt sich gerade halb Amerika, eine weiße Frau die Identität einer Schwarzen annehmen und sich mit noch mehr Vorurteilen und Benachteiligungen herumschlagen?

Der Fall Dolezal ist aber keine US-spezifische Angelegenheit, die sich bloß um race relations in Amerika dreht. Hier geht es ebenfalls um einen Begriff, ein Schlagwort, das die politischen Debatten auch in Deutschland in den letzten Jahren geprägt hat wie wenige andere: Identität. Denn wer fragt, warum Rachel Dolezal den Ethno-Look auf die Spitze getrieben und ihre Identität geändert hat, von einer privilegierten Weißen zu einer weniger privilegierten Schwarzen, der muss auch fragen: Warum geht es eigentlich dauernd um Identität, um Weißsein, Heterosein, Frausein, Schwarzsein? Und warum ist es zu so einem großen Thema geworden, wer gerade wieder zwischen welchen Identitäten wechselt? Warum reden wir so viel darüber?

Diese Fragen sind natürlich schon ein Affront, bevor man sie beantworten kann – weil sie wahrscheinlich nur von jemandem kommen können, der mit einer Identität gesegnet ist, die nirgendwo aneckt: in den meisten Fällen weiß, mehr oder weniger männlich und einigermaßen heterosexuell (Dolezal sagt von sich ebenfalls, sie sei bisexuell – in ihrer Selbstwahrnehmung gehört sie also in keine dieser Kategorien). Dass Frauen, Schwarze, Schwule sich hingegen mit ihrer Identität beschäftigen, liegt schon daran, dass ihre Identität sich viel stärker in ihren Erfahrungen spiegelt als bei einem weißen Hetero-Mann, der immer alles für ganz normal hält, so wie ihn ja auch alle für ganz normal halten. Nicht über Identität zu sprechen verschafft ihm deswegen einen Vorteil.

Identität zu betonen hingegen ist der Versuch aller anderen, mit einer Art emanzipatorischem Judo-Griff aus einem Nachteil einen Vorteil zu machen. Eine Frau erzählt von einer gruseligen Situation im Büro, für sie, sagt die Frau, war es sexuelle Belästigung. Von einem Mann, der zufällig auch da war, muss sie sich aber anhören: Das ganze war doch nicht bedrohlich, alles halb so schlimm, man solle sich doch nicht so anstellen. Wenn er die Frau überhaupt zu Wort kommen lässt. Sich auf ihre Identität und Erfahrung zu berufen ist für die Frau nun ein ziemlich wichtiges emanzipatorisches Werkzeug. Sie kann dem Mann antworten: Ich kann aus meiner besonderen Perspektive als Frau diese Belästigung erkennen, auch wenn du sie nicht siehst. Es ist meine Identität, meine Erfahrung, die mir das Recht gibt, verletzt, angegriffen, traumatisiert zu sein. Ohne den Verweis auf Identität und Erfahrungen würde das nicht funktionieren, weil der herrschaftsfreie Diskurs, der zwanglose Zwang des besseren Arguments immer noch ein Philosophentraum ist. Zu oft würde die Weiß-männlich-hetero-Perspektive das letzte Wort haben. Die aber soll dem Rest der Welt nicht mehr erklären, warum er gar nicht so unterdrückt ist – das können Frauen, Schwarze, Homosexuelle nur selbst entscheiden. Wenn man das große Wort "Identitätspolitik" liest, ist damit oft genau diese Haltung gemeint.

Eine der Konsequenzen der Identitätspolitik ist, dass es nicht mehr so einfach geht, jemanden zu widerlegen, der von seiner eigenen Erfahrung, seiner eigenen Identität darauf schließt, unterdrückt zu werden. Wo sich Identität und die Erfahrung als moralische Kriterien durchsetzen, hat das Argument nur noch begrenzte Reichweite. Im schlimmsten Fall kommt dabei "die unvernünftige und offensichtlich falsche Annahme, dass Menschen sich niemals darüber irren können, ob sie unterdrückt werden" heraus, wie die politische Philosophin Rebecca Reilly-Cooper schreibt. Identität wäre dann eine Diskurs-Superkraft, die noch das beste Gegenargument aussticht.

Wie absurd das werden kann, auch das zeigt der Fall Rachel Dolezal. Eine ihrer Studentinnen berichtet, sie habe einmal den Einführungskurs "Race and Culture" bei ihr belegt. Der Kurs begann mit einer Übung, in der ein Teilnehmer von seiner kulturellen und ethnischen Erfahrung und Identität berichten sollte. Die Studentin, in einem spanischsprachigen Land aufgewachsen, aber mit weißer Hautfarbe, meldete sich freiwillig – Dolezal aber wies sie ab: Sie sehe nicht hispanic genug aus, um so von ihrer Identität erzählen zu können und den Erfahrungen, die man als Teil einer unterdrückten Gruppe mache. Die Studentin erzählt, damals habe sie nicht widersprochen. Nachdem sie erfahren habe, dass Dolezal in Wirklichkeit weiß ist, bereue sie das natürlich. Die Studentin scheint schon gar nicht mehr davon auszugehen, dass der Wettstreit der besseren Argumente eine Möglichkeit gewesen wäre, sich mit Dolezal auseinanderzusetzen – nur die Tatsache, dass die Dozentin bei ihrer eigenen Identität gemogelt hat, kann ihre Position widerlegen.

Weil sie moralisch sein wollte, blieb ihr nur der Weg in die Identitäten-Jonglage

Dolezals Geschichte macht auch einen weiteren Widerspruch klar, in den man sich verstrickt, wenn Identität das moralische Argument ablöst: Identitätszuschreibungen dürfen nicht völlig beliebig und konstruiert sein, sie sollten auf einer authentischen Erfahrung, zum Beispiel von Diskriminierung, beruhen. Die gleichen emanzipatorischen Bewegungen befürworten aber auch, Identitäten zu verflüssigen und ihre Grenzen zu überschreiten – Transsexuelle wie Caitlyn Jenner, früher bekannt als der Spitzensportler Bruce Jenner, werden dann als Vorreiter gefeiert. Auch Dolezal sagt jetzt, nach ihrer Enttarnung: "Ich identifiziere mich als schwarz." Als sei Identität etwas, das man sich nur selbst verleiht. Sie aber wird dafür kritisiert: Dolezal habe als Kind nicht die gleichen diskriminierenden Erfahrungen gemacht wie Schwarze. Außerdem habe sie ja das Privileg, sich manchmal eben doch als Weiße zu erkennen geben zu können – in den Momenten, in denen Schwarzsein für sie gefährlich werden könnte, bei einer Polizeikontrolle zum Beispiel. Analoge Argumente ließen sich aber auch im Fall Jenner finden. Weit zurück geht der Streit innerhalb der feministischen Bewegung darüber, welchen Status dort Frauen haben, die früher Männer waren. Sind sie selbstverständlich Teil der Gemeinschaft, auch dort, wo nur Frauen zugelassen werden? Oder können Transfrauen die Identität und Erfahrung von Frauen nie ganz teilen?