Post vom Himmel! Gleich 300 Datenpakete trafen Samstagnacht in Darmstadt ein, im Kontrollzentrum der Europäischen Raumfahrtagentur Esa. Ihr Absender war Philae, ein waschmaschinengroßer Roboter, der mit seinen drei Knickbeinchen auf dem Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko Halt sucht, wo ihn die Esa-Raumsonde Rosetta im vergangenen November landen ließ.

Wir hatten uns schon Sorgen um den kleinen Kerl gemacht.

Damals nämlich stolperte Philae beängstigend hilflos auf "Tschuri" umher. Seine Harpunen fanden keinen festen Punkt, bis er in einer schattigen Ecke zur Ruhe kam. Dort jedoch erhielten seine Solarzellen kaum noch Licht, weshalb die Funkverbindung mit Rosetta abgebrochen wurde, die den Kometen umkreist. Immerhin konnte der Roboter vorher noch mit ersterbender Energie melden: organische Moleküle gefunden! Anschließend Funkstille.

Da hockte es nun, das arme Ding, ohne Kontakt zur 510 Millionen Kilometer entfernten Heimat, mit den Schrauben zweier seiner Füße ins Eis gekrallt. Gleichwohl, insektenhaft und unverdrossen trieb es seinen Bohrer ins Gestein.

Auf Kometen finden sich Wasser und Kohlenstoff, also die Grundzutaten für Leben, wie wir es kennen. Kann sein, dass die Aufklärung der Kometenchemie dazu beitragen wird, dessen Ursprung zu ermitteln. Und uns womöglich der Antwort auf die Frage näher bringt, ob wir allein im All sind.

Werden wir das wissen, bevor alles Leben auf der Erde endet? Irgendwann wird das ja der Fall sein. Fragt sich nur, wann. Philaes Entdeckungsreise könnte der Menschheit immerhin helfen, ihr Aussterben hinauszuzögern. Auf die Erde fliegen früher oder später Himmelskörper zu, deren Einschläge ganze Städte, Länder, Kontinente, ja die gesamte Zivilisation auslöschen würden: Roboter wie Philae sowie dessen Nachkommen könnten uns vor ihnen retten, indem sie den Weg der kosmischen Bomben ändern oder diese sprengen.

Von wegen, die Menschheit werde von Robotern und Künstlicher Intelligenz bedroht. Das Gegenteil ist wahr.

Kann es Wichtigeres geben als den Schutz vor dem großen Knall? Doch hier unten streitet man sich über Geringeres; "das Wesentliche ist praktisch sekundär, das Sekundäre ist praktisch das Wesentliche", schrieb der französische Philosoph Edgar Morin vor ein paar Jahren. Hoffen wir, dass es anders sein wird, wenn der Hammer aus dem All kommt. Es wird der große Test.

Philaes überraschende Auferstehung ist jedenfalls ein Lichtblick. Der Technowürfel schlummerte im Dunkeln vor sich hin, bis sich sein Komet so sehr der Sonne näherte, dass die Solarzellen wieder genug Energie tanken konnten. Die Forscher der Esa wollen nun die Position ihres Kometenkrabblers exakt bestimmen und sodann den Flug der Raumsonde Rosetta zwecks besseren Funkempfangs anpassen.

Wenn alles gelingt, werden wir im Anschluss die große Show mitverfolgen können: Der Komet wird sich der Sonne nähern, sein Eis schmelzen, vielleicht werden wir sogar zuschauen, wie er seinen Schweif bildet. Oder wie das bizarre Gebilde, das ein wenig wie eine Badeente aussieht, auseinanderbricht – was für ein Spektakel.

Es soll ja immer noch Leute geben, die der Meinung sind, die Wissenschaft entzaubere die Welt.

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