Alte Rittersleut waren sie, die Bothmers – beurkundet schon im 12. Jahrhundert in Bothmer bei Schwarmstedt in Niedersachsen, da, wo die Leine in die Aller fließt. Vielerorts im Norddeutschen landsässig, stellten sie Generäle, Politiker, Wissenschaftler, Geistliche, Musiker und Feuerwerker. Im Westen Mecklenburgs aber, im fruchtbaren Klützer Winkel halbwegs zwischen Lübeck und Wismar, hat einer der Ihren ein architektonisches Juwel hinterlassen, das seinesgleichen sucht: Schloss Bothmer, eins der schönsten Barockschlösser des Nordens. Nach langer Restaurierung ist es nun in alter Pracht neu erstanden – und in diesem Sommer erstmals wieder zu besichtigen.

Es ist ein einzigartiges Ensemble, unerhört elegant und doch bodenständig in roten Ziegeln aufgeführt. Das zweistöckige Corps de logis wird mit den beiden Kavaliershäusern durch schwungvolle barocke "Ründungen" verbunden, wie der Baumeister Johann Friedrich Künnecke die zu seiner Zeit in Deutschland noch ganz unbekannten Galerien oder Cornichen nannte. Niedrigere Wirtschaftstrakte und noch einmal zwei höhere, den Kavaliershäusern sehr ähnliche Kopfbauten umarmen den etwa zweihundert Meter breiten Ehrenhof. 1732 war das Schloss vollendet – sein Bauherr hat es nie gesehen.

Hans Caspar von Bothmer heißt der Mann, laut seinen Erinnerungen "meiner Älteren ältestes Kind, und von ihnen anno 1656 den 31 Martii morgens zwischen 6 und 7 Uhr auf meines Vaters Gute zur Lauenbrücke im Lande Lüneburg gebohren". Bothmers Vita geriet so denkwürdig und ungewöhnlich wie das Schloss, das er hinterließ. Sein Name ist mit der europäischen Geschichte des 18. Jahrhunderts auf vielfältige Weise verbunden, Europas Herrscher waren ihm vertraut. Und er war es, der seinem langjährigen Dienstherrn, dem Kurfürsten von Hannover, den Weg nach England bahnte: 1714 wurde der Deutsche als Georg I. in Londons Westminster Abbey zum König von Großbritannien gekrönt. Wenig später zog Bothmer als Minister in die Downing Street.

Der König spricht kaum Englisch, Londons Presse höhnt

Ein Mann von Welt: Zwischen Kopenhagen, Stockholm, Berlin, Wien, Den Haag, Paris und London verlief Bothmers Lebensweg. Doch die erste Station hieß Lüneburg. Hier, an der Ritterakademie St. Michael, wird er erzogen. Deutsch, Latein, Jura, Theologie, Geschichte, Mathematik, Festungsbau, Naturlehre und Staatskunde stehen auf dem Stundenplan, dazu die exercitien: Reiten, Fechten, Tanzen. Ein Zeitgenosse beschreibt ihn als klein von Gestalt, "zwischen dick und mager, hässlich, aber sehr gewinnend. Sein Ausdruck bewirkte, daß sein Gesicht gefiel und daß man es als angenehm empfand, wenn er sprach ..."

Nach dem Besuch der Akademie verstärkt sich Bothmers "Begihrde, so ich zum Krige hatte. Mein Vatter wollte mich ihr aber nicht folgen lassen, sondern begehrte, ich sollte auf Universiteten zihen." Nach Genf soll er, 1677, trifft aber schon in Celle auf einige Gesandte, die zu Friedensverhandlungen nach Nimwegen in Holland unterwegs sind. Sie suchen "einige Edelleute aus dem Lande, umb selbige Ehren halber zu begleiten".

Ein erster Einblick ins diplomatische Milieu. Dann, 1680/81, die fällige Kavaliersreise durch Holland und Frankreich. "Ich hilte mich theils im Hag theils in Leiden eine Zeithlang auf, legte mich ferner mit gutem Vordgang auf die französische Sprache ..." Später reist er häufiger nach Paris, "weil ich der Sprache schon mächtig wahr".

Am Hof der Kurprinzessin Sophie Dorothea von Braunschweig-Lüneburg in Celle wird er Kammerjunker, eine Rangstellung zur Vorbereitung einer militärischen oder diplomatischen Karriere. 1682 erlebt er den üblen Handel der Vermählung seiner Schlossherrin mit ihrem Cousin Georg Ludwig von Hannover, die ausschließlich einer territorialen Arrondierung geschuldet ist. Die Ehe endet zwölf Jahre später in einem unerhörten Skandal. Der Kurfürst beschuldigt seine Gattin des Ehebruchs mit dem feurigen Grafen von Königsmarck, der kurz darauf im hannöverschen Schloss spurlos verschwindet; höchstwahrscheinlich fiel er einem Mordanschlag zum Opfer. Sophie Dorothea wird auf ein altes Schloss in Ahlden an der Aller verbannt, wo sie bis an ihr Lebensende 1726 bleiben muss.