Vor exakt einer Woche haben Angela Merkel und Barack Obama auf Schloss Elmau vor prächtigem Alpenpanorama verkündet, sie würden jetzt mal eben das Weltklima retten. Nun sitzt Sigmar Gabriel in einer südwestfälischen Stadthalle vor einem Unterbezirksvorsitzenden seiner derzeit nicht ganz so prächtigen SPD und soll auch was retten: den Ausbau der Bahnstrecke Hagen–Siegen–Gießen. Und die "Ortsumgehungskette" für Kreuztal, Hilchental und Erndtebrück gleich mit. Das jedenfalls wünscht sich der ortsansässige Basisgenosse von seinem Chef auf Durchreise.

Später, als das Jahrestreffen der SPD Siegen-Wittgenstein längst vorüber ist und Gabriel im Fond seines Dienstwagens ins Restwochenende düst, schwärmt der Ortsumgehungskettenretter in spe von seinen Fluchten aus Berlin: "Ich bin lieber dreimal in Kreuztal als einmal auf der Seite 3 der Süddeutschen. " Zuletzt war es aber eher so, dass er einmal auf der Seite 3 der Süddeutschen auftauchte, die Kanzlerin aber tagelang von den Titelblättern der Republik aus grüßte. Immer nur Kreuztal ist auch keine Lösung.

Wenn man Sigmar Gabriel dieser Tage begleitet, wundert man sich: Der Mann ist ganz anders drauf, als er in solch einer Woche eigentlich drauf sein müsste – viel besser. Seine Wochen sehen derzeit so aus: Gleich nach den Elmauer Merkel-Festspielen trat Gregor Gysi vom Fraktionsvorsitz der Linken zurück, womit die Machtillusion Rot-Rot-Grün vollends verschwand. An diesem Donnerstag nun sagen Gabriel, Außenminister Frank-Walter Steinmeier und SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann vor dem Edathy-Untersuchungsausschuss des Bundestages aus. Strafrechtlich ist die Sache erledigt, übrig bleiben peinliche Fragen an die SPD-Spitze. Und zum krönenden Abschluss der sozialdemokratischen Hundstage im Frühsommer treffen sich die Genossen zum Showdown über die Vorratsdatenspeicherung.

Für Gabriel steht beim Parteikonvent am kommenden Wochenende nicht weniger als die Regierungsfähigkeit der SPD auf dem Spiel. Speicher-Gegner wollen einen Gesetzentwurf kippen, den ihr Vorsitzender erzwungen hat. Sollten sie sich durchsetzen, hätten sie zweierlei erreicht: Sie hätten bewiesen, dass ihnen die ideologische Reinheit des Parteifunktionärs wichtiger ist als die Praxiserfahrung sämtlicher SPD-Innenminister aus den Ländern. Und sie hätten Gabriel maximal beschädigt. Ob ein maximal beschädigter Parteichef und Vizekanzler noch Parteichef und Vizekanzler bleiben kann, ist dann eine Frage, die jemand stellen wird. Spätestens bei der Pressekonferenz am Samstagnachmittag.

In diesen sozialdemokratischen Chaostagen tritt einem ein ausgeglichener, fast tiefenentspannter Gabriel entgegen, der selbst Hans-Werner Sinn, dem scheidenden Präsidenten des ifo Instituts und sozialdemokratischen Lieblingsfeind, beim Streitgespräch in der Münchner Universität launig Honig um den Kapitän-Ahab-Bart schmiert.

Diese Entspanntheit liegt zum einen am ersten Gabrielschen Gesetz: Je größer die Krise, desto souveräner der Parteichef. Zum anderen hat Gabriel im Sommer 2015 etwas, was er auch zum Jahresende 2013 hatte, als er ähnlich gelassen seine widerspenstige Partei in die große Koalition führte: einen Plan. Damals gab es den Plan nur in Gabriels Kopf. Dieses Mal ist er 18 DIN-A4-Seiten lang. Starke Ideen für Deutschland 2025 lautet die Überschrift. Aber nicht Deutschland soll dieser Plan retten, sondern die SPD.

Bevor man sich diesen Plan, der der ZEIT exklusiv vorliegt, genauer anschaut, muss man erst mal versuchen, einen Blick in den Kopf zu werfen, dem er entsprungen ist. Was also geht im SPD-Chef vor?

Gabriel weiß drei Dinge: Er weiß erstens, dass die nächste SPD-Kanzlerkandidatur mit jener unerbittlichen Gewissheit auf ihn zuläuft wie der nächste Wahltermin im Herbst 2017. Einmal kann ein SPD-Vorsitzender einen anderen vorschicken, um in schwieriger Lage die Ehre der deutschen Sozialdemokratie zu verteidigen. Versucht er es ein zweites Mal, ist seine Zeit als SPD-Chef vorbei. Gabriel hätte sicher nichts gegen den Verlust des "Vize" vor dem Kanzler einzuwenden. Wenn man aber sieht, wie er aufblüht, wenn die Genossen in der Provinz ihn umschwirren und bezirzen, wenn man hört, wie er die "Realitätsspaltung" zwischen dem Politikbetrieb in Berlin und dem Empfinden der Leute außerhalb beklagt, wenn man mitbekommt, wie er in jeder freien Minute in seine Heimatstadt Goslar zu Ehefrau und dreijähriger Tochter flüchtet, befallen einen Zweifel, ob Gabriel das Kanzlersein so bedingungslos anstrebt wie einst Gerhard Schröder oder Angela Merkel es taten.

Gabriel weiß zweitens, dass seine Partei zum dritten Mal hintereinander in eine Wahl ziehen muss, in der sie – nach Stand der Dinge – wieder keine realistische Chance haben wird, den Kanzler zu stellen. An Rot-Rot-Grün hat Gabriel selbst zu Zeiten von Gysi als Linken-Fraktionschef nie geglaubt. Eine Ampel, also das Bündnis aus Sozialdemokraten, Grünen und wiedererstarkter FDP, hält er ebenfalls für unrealistisch.

Gabriel weiß drittens, dass die fehlende Machtoption bestens geeignet ist, die notorische Verzagtheit der SPD so zu vertiefen, dass seine Kanzlerkandidatur mit einem steinbrückhaften, wenn nicht gar steinmeierähnlichen Desasterergebnis enden könnte. Dem muss er entgegenwirken. Und deshalb gibt es den Plan.

Das vom SPD-Präsidium bereits beschlossene, noch aber unter Verschluss gehaltene Papier will, wie es gleich zu Beginn heißt, "Impulse für die sozialdemokratische Politik im kommenden Jahrzehnt" setzen. Damit zielt es in eine Richtung, die Gabriel als eine Schwachstelle der Kanzlerin ausgemacht hat: auf die Zukunft.

Die Merkel-CDU steht nicht zuletzt deshalb so gut da, weil alle Welt reflexhaft losklatscht, sobald die Worte "auf Sicht fahren", "Krise" und "Kanzlerin" im gleichen Satz fallen. Solange das so ist, gibt es für die SPD nicht viel zu gewinnen. Gabriel weiß auch das – und weicht auf ein Terrain aus, in dem das Heute nicht mehr zählt. Bei Zukunftsfragen wie der Demografie oder der Digitalisierung der Arbeitswelt sieht der SPD-Chef die Union blank. Diese Leerstelle möchte er besetzen.