Die Unterwelt verlangt keinen Eintritt. Aber starke Nerven. Flankiert von zwei tierköpfigen Wächtern, geht es ins Halbdunkel einer Betonhöhle – und hinein in ein Panoptikum, gegen das Hieronymus Boschs Visionen wie Kinderzimmertapeten wirken. Die "zehn Kreise der Hölle" sind der Verdammungsort der chinesischen Mythologie und Teil eines Themenparks, der 1937 zur Volkserziehung am Hafen von Singapur gebaut wurde. Im ersten Kreis richtet König Quinguang über die Sünder. Dann zeigen neun weitere Dioramen, welcher Frevel wie zu ahnden ist. Es ist ein Splatterfilm aus Gips: Prostituierte ersäuft man in Blut. Rauschgifthändler landen auf dem Grill. Steuersünder werden von einem Stein zermalmt, Verschwender zersägt, Klatschsüchtigen reißt man die Zunge heraus.

Als ich kurz danach wieder im Tageslicht stehe, ist die Klischee-Falle erst mal zugeschnappt. So ist das halt in Singapur, der berühmten Law-and-Order-Stadt an der Straße von Malakka, in der jede weggeschnippte Zigarette mit 300 Euro geahndet wird, Homosexualität noch immer unter Strafe steht und den Besitzern von ein bisschen Marihuana der Tod droht. Doch schon zwanzig U-Bahn-Minuten vom Haw-Par-Villa-Park entfernt, muss ich mein harsches Urteil zurücknehmen. Von der Rooftop-Bar des Fullerton Bay Hotel erscheint dieser Märchenwald des Grauens nur noch als niedlicher Anachronismus.

Chopin-Sonaten perlen durch die feuchtheiße Luft, der Infinitypool funkelt gletscherblau. Vor mir blättert sich das Art Science Museum im Stil einer Lotosblüte auf, die zwei silbrigen Kuppeln des Kulturzentrums Esplanade schimmern wie gigantische Insektenaugen. Und in den drei Stelzen des weltbekannten, von einer Art Boot gekrönten Kasinohotels Marina Bay Sands funkelt die Abendsonne in Rolexgold.

Hier treffe ich den Soziologen Kian Woon Kwok, der natürlich mächtig stolz darauf ist, wie schnell Singapur in den vergangenen Jahrzehnten über sich selbst hinauswuchs: zweitgrößter Hafen der Welt, bei Anlegern als Steueroase beliebt und bei Touristen als futuristisches Asien light, supersauber und supersicher. Doch Kwok, der in vielen staatlichen Kulturausschüssen sitzt, sagt auch, dass die Stadt ihres Rufes eines Saubermanns überdrüssig geworden sei. Pünktlich zum 50. Jubiläum der Unabhängigkeit Singapurs habe die Regierung darum beschlossen, ihre harte Hand zu lockern.

Kunst, so die Botschaft, ist kein halbseidener Zeitvertreib

"Allein als Finanzmetropole wird es schwer, auf Dauer zu bestehen. Das Erfolgsmodell Singapur stößt an seine Grenzen", sagt Kwok. Die Produktivitätsrate sinke, die Arbeitslosigkeit steige. "Wir sind an einem Punkt angekommen, wo Fleiß und Disziplin nicht mehr reichen." Weil die Innovationskraft fehle, setze der Stadtstaat zum ersten Mal in seiner Geschichte auf Kunst und Kultur. Demnach verordnet sich Singapur gerade das, was dem Gast aus dem Westen hier bisher immer fehlte: kreative Spielräume und ein kleines bisschen Chaos. "Kratzen Sie an der Oberfläche, und Sie werden finden, was Sie suchen!"

Viel Kratzen scheint erst mal gar nicht nötig. Im Kolonialviertel tritt offen zutage, wohin die Sehnsucht geht. Die säulenstarrenden Klötze des alten Rathauses und des früheren Justizpalastes werden gerade zur Nationalgalerie umgebaut. Derzeit verliert sich das Klacken meiner Absätze noch in gewaltigen Kuppeln und leeren Sälen mit raffinierten Glasdächern. Im November soll hier auf 64.000 Quadratmetern südostasiatische Kunst gezeigt werden. Die Marketingdame spricht von Inspiration, von Dialog, von der Absicht Singapurs, die neue Kunstkapitale Südostasiens zu werden. Wenn man bedenkt, dass es in Singapur bis heute keinen regulären Kunstunterricht in den Schulen gibt, klingt das schon fast revolutionär. Und wer weiß, vielleicht stellt sich ja irgendwann ein Bilbao-Effekt ein. Vielleicht kommen, wenn die große Kunst hier erst eingezogen ist, auch die Kreativen in die Innenstadt.

Zwischen dem Hochhausgedrängel, das sich gleich hinter der künftigen Nationalgalerie erhebt, könnten sie sich allerdings ziemlich verloren fühlen. Die Straßen sind so sauber, als habe man sie eben erst von einer Zellophanhülle befreit, die Menschen geben sich große Mühe, nicht weiter aufzufallen. Kein Auto hupt, Passanten sprechen flüsterleise. Allein die krummen Lagerhauszeilen am Singapore River sehen aus, als wohne dort das Abenteuer. Leider nur aus der Ferne.