Zum Kaffee in der Pony Bar neben dem Abaton-Kino kommt die zierliche Dunkelblonde mit einer riesigen Kiste; es ist der Kasten mit ihrem Baritonsaxofon. Angst vor Dieben? Nie würde Katharina Thomsen, die alle nur Tini nennen, ihr Instrument im geparkten Wagen lassen.

Seit sie dreizehn ist, spielt sie Saxofon. Seit einigen Jahren ist sie ein Star der Branche. Das Fachblatt Jazzthetik lobt Thomsens Debüt-CD MaxSax: "Aus dem Mund einer Baritonsaxofonistin hat man so etwas wohl noch nie gehört".

Die 33-Jährige kommt gerade aus Wellingsbüttel. Dort hat sie im Haus ihrer Eltern übernachtet, in dem sie mit vier Brüdern aufgewachsen ist. Sie ist auf dem Weg nach Berlin, wo sie eine Wohnung hat. Von dort geht es im Flieger weiter nach Amsterdam. "Hamburg–Berlin–Amsterdam bilden mein Bermudadreieck", sagt sie.

Tini Thomsen beherrscht ihr Instrument so perfekt, dass sie sich aussuchen kann, wann sie wo mit wem spielt. Sie steht mit dem weltweit geschätzten Amsterdamer Metropole Orkestra auf der Bühne. Tritt im Sommer bei den Bad Hersfelder Festspielen beim Musical Cabaret auf. Anfang Juli fährt sie mit ihrer eigenen Band zum JazzBaltica-Festival in Niendorf an der Ostsee. Dort wird ihr auch der IB.SH-Jazz-Award überreicht. Der mit 3.000 Euro dotierte Preis geht an eine "Solistin mit einem starken, unverwechselbaren Sound und an eine Komponistin mit einer erstaunlichen Bandbreite, die von Jazz über Rock bis zur symphonischen Musik reicht", heißt es in der Begründung. Und: "Katharina Thomsen begeistert mit hinreißenden Kompositionen und leidenschaftlicher Spielfreude."

Seit vier Generationen gibt es in ihrer Familie Opernsänger und Pianisten. Mit fünf Jahren lernte sie Klavierspielen. Saxofone faszinieren sie, seit sie die Hollywood-Komödie Manche mögen’s heiß mit Tony Curtis als Jazzmusiker in Frauenkleidern sah.

Sie bekam ein Instrument und Unterricht. Sie spielte in der Bigband der Peter Petersen Gesamtschule, wo sie im Saxofonsatz das Bariton übernahm und der Musiklehrer Dietmar Michelsen ihr Kassetten mit Aufnahmen von Jazzgrößen vorspielte. Nach dem Abitur am Grootmoor-Gymnasium studierte sie zwei Jahre lang an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater; ihr wichtigster Dozent war NDR-Bigband-Saxofonist Fiete Felsch. Sie war Teil des Landesjugend-Jazzorchesters Hamburg und des BundesJugendJazzorchesters, das damals noch Peter Herbolzheimer leitete.

Ihren Bachelor- und Masterabschluss machte Thomsen in Amsterdam. Dort verbrachte sie in den vergangenen Jahren weit mehr Zeit als in Deutschland. Sie musizierte in etlichen Formationen, und das niederländische moors magazine feierte die Deutsche als "koningin van de baritonsax". Kein Wunder, dass Tini Thomson ihre erste CD unter eigenem Namen mit Musikern aus den Niederlanden aufnahm.

Begleitet vom Gitarristen und Keyboarder J. B. Meijers, dem E-Bassisten Manuel Hugas und dem Schlagzeuger Joost Kroon, spielte sie im Herbst 2014 MaxSax ein. "Lass’ den feinen Zwirn daheim, hier reichen Dir Deine Lederjacke und Deine Stiefel. Passt besser. Viel besser", heißt es im krachigen PR-Text, der "High Energy Rockin’ & Punkin’ Jazz" ankündigt. Inspiratoren dieser Musik seien nicht Jazz-Ikonen wie der Baritonsaxofonist Gerry Mulligan, sondern die Rockbands Queens of the Stone Age und Foo Fighters.

Tatsächlich hört Thomsen Bands wie die Foo Fighters extrem gerne, wie sie sagt. Aber das ist nur die eine Seite. Sie musiziert auch mit einem Quartett in der klassischen Mulligan/Chet-Baker-Besetzung – Baritonsaxofon, Trompete, Bass und Schlagzeug. Cool Jazz interessiert sie genauso wie progressiver Rock.

Weshalb aber hat sich eine junge Frau wie sie ausgerechnet für das Bariton entschieden, das viel mehr wiegt und schwerer zu spielen ist als ein Sopran-, Alt- oder Tenorsaxofon? "Beim Bariton fällt es mir leicht, meine ganze Kraft durch das Instrument zu jagen", sagt sie. Aufgrund ihrer Atemtechnik habe sie genügend Luft; und gegen Rückenprobleme – Thomsen spielt immer stehend – helfe Ausgleichssport: Joggen und Reiten.

Im Herbst wird ein Nachfolgealbum von MaxSax rauskommen. Das ist ein großes Projekt. Das größte aber wird sie in den kommenden Monaten mit ihrem Verlobten angehen. Der ist Brite, heißt Nigel Hitchcock und ist einer der bekanntesten Jazz-Saxofonisten seines Landes. Zurzeit tourt er mit Mark Knopfler durch die Welt. Wenn er wieder Zeit hat, will er sich einer alten Liebe widmen: den Itchy Fingers, einem Quartett aus vier Saxofonen, das Jazz und zeitgenössische Musik spielt und vor einigen Jahren etliche Preise gewann. Tini Thomsen wird ihn dabei unterstützen. Als eines von vier Mitgliedern. "Ich habe die Ehre, ein Viertel des Ensembles zu werden", sagt sie.

Die Frau aus Hamburg mit dem großen Saxofon wird dann nicht mehr oft in der Stadt sein. Sie wird die Bühnen der Welt bespielen.

Tini Thomsen: "MaxSax" (Painted Dog Records) Konzert und Preisübergabe: 3. Juli JazzBaltica, Niendorf-Timmendorfer Strand.