Kennen Sie Alice Neel? Wenn Sie demnächst in Zürich sind, haben Sie Glück, denn die Galerie Thomas Ammann zeigt die Künstlerin derzeit mit einer Auswahl von 14 Gemälden. In den USA zählt sie längst zu den wichtigsten Malerinnen des 20. Jahrhunderts, ihre Bilder haben auf Auktionen schon mehr als eine Million Dollar erzielt. Alice Neel (1900 bis 1984) lebte die meiste Zeit ihres Lebens in Armut. Als alleinerziehende Mutter und Künstlerin in der New Yorker Boheme mit starken Sympathien für den Kommunismus machte sie sich mit den Porträts ihrer schrägen Freunde und Nachbarn nur in Künstlerkreisen einen Namen: Sie blieb stur bei der figürlichen Malerei, während der sogenannte abstrakte Expressionismus seinen Siegeszug feierte. Zu Ruhm kam sie erst als alte Dame. 1974 richtete ihr das Whitney Museum eine Ausstellung aus. Andy Warhol ließ sich von ihr mit nacktem, vernarbtem Oberkörper porträtieren. 1975 malte sie Nancy unter dem Gummibaum, das Bild ihrer Schwiegertochter und Assistentin. Herrlich, wie die Füße in eckigen blauen Schuhen stecken und zur Seite weisen, zugleich ungelenk und elegant. Um sie herum ein sonnenbeschienener gelber Boden, der mit seinen zackigen Schatten ein Bild für sich bildet. Der schmale Oberkörper steckt in einem roten Kleid, eine Hand hat Nancy nachdenklich ans Kinn gelegt, ihr Blick geht ins Leere. Und dann die Blätter des Gummibaums – welche Freude am Grün in dieser New Yorker Stadtwohnung! Das dunkle Porträt einer alten Dame im Hintergrund wirkt wie ein Memento mori: Blüht und strotzt nur, wie ihr wollt, Jugend und Gummibaum! Auch eure Tage sind gezählt.

Lisa Zeitz ist Chefredakteurin von "Weltkunst" und "Kunst und Auktionen".