Selbstverständlich kannte man in eingeweihten Kreisen die Wohnung in der Bundesallee 213/214 in Berlin seit Jahrzehnten und erzählte sich davon. Schon vor dem Krieg waren hier Kunsthistoriker wie Max Friedländer und Hermann Voss regelmäßig zu Gast gewesen, später kamen Erich Schleier und Jan Kelch zu Besuch. Weiter als bis ins Berliner Zimmer, den Empfangsraum am Beginn der Zimmerflucht, ließ die Besitzerin Elisabeth Rohde aber sogar sie nicht vor. Welche kunsthistorischen Schätze sich in den 400 Quadratmetern dahinter verbargen, konnten deshalb auch die Fachleute nur ahnen: Es waren Räume voller wertvoller Kunstwerke und Möbel, Teppiche und kunstgewerblicher Gegenstände.

Jetzt erst, rund hundert Jahre nach ihren ersten Anfängen, kommt diese Sammlung wieder in vollem Umfang ans Licht. Am 3. und 4. Juli versteigert das Auktionshaus Villa Grisebach die Sammlung Rohde-Hinze: rund 400 Kunstwerke und Objekte, die in zwei aufwendig recherchierten Katalogen noch einmal zusammengefasst sind.

Es sind vor allem die italienischen, altdeutschen, niederländischen und flämischen Meister, die im Berlin der Goldenen Zwanziger neben allen modernen Bewegungen ihren Platz behielten und sich nun im Auktionsangebot wiederfinden: ein Apostelporträt, das nun van Dyck zugeschrieben werden kann und dessen Provenienz aus altem Danziger Besitz Petra Winter vom Zentralarchiv der Berliner Museen erhellte. Landschaften von Brueghel und Teniers, eine Kirmesszene des immer noch unterbewerteten Sebastian Vrancx oder eine Seeansicht von Salomon von Ruysdael, die mit 200.000 bis 300.000 Euro schon das obere Ende der insgesamt sehr moderaten Schätzpreise markiert.

Die Geschichte der Sammlung klingt zu unglaublich, als dass man sie nicht sofort überprüfen wollte. Sie erzählt von einer privaten Kunstsammlung, die in den Goldenen Zwanzigern der Weimarer Republik gegründet wurde. Die den Nationalsozialismus überstand und in dieser Zeit noch wuchs, ohne dass sich trotz intensiver Recherchen bislang Hinweise auf Verstrickungen in Raubkunst-Aktivitäten nachweisen ließen. Und die auch zu Zeiten der deutsch-deutschen Trennung unangetastet blieb, obwohl ihre Besitzerin im Westen lebte und im Osten arbeitete.

Über hundert Jahre wurde die Sammlung aufgebaut und gepflegt

Der Beamtensohn und Soldat Kurt Rohde hatte schon 1915 damit begonnen, in seinen Frontpausen und während des Heimaturlaubs für eine spätere Existenz Teppiche, Möbel und auch Kunstwerke zu kaufen. 1920 eröffnete er sein eigenes Geschäft. "Wir haben nicht nur die Werke, sondern auch alle erhaltenen Unterlagen seit 1920, die ihre Herkunft dokumentieren", sagt der Experte Stefan Körner, der die Sammlung für Grisebach aufgearbeitet hat. Hinzu kommen die Geschäftspapiere von Frida Hinze, die, protegiert vom schon zu Lebzeiten berühmten Generaldirektor Wilhelm von Bode, von 1925 an als Rohdes Assistentin in den damals noch in der Uhlandstraße gelegenen Räumen arbeitete – bald auch auf eigene Rechnung.

1915 hatten Rohde und seine Frau Charlotte ihre Tochter Elisabeth bekommen, die einmal die letzte Eigentümerin der Wohnungsgalerie werden sollte. Zunächst allerdings wurde sie Archäologin und sollte kurz vor dem Bau der Mauer Direktorin der Antikensammlung auf der Ost-Berliner Museumsinsel werden. Umgesetzt wurde dieser Beschluss allerdings erst zehn Jahre später – auch wegen Zweifeln, die das SED-Regime an der Zuverlässigkeit der weiterhin im Westen lebenden Wissenschaftlerin hatte. Mehr als zehn Jahre lang, bis sie 1982 in den Ruhestand ging, stand Elisabeth Rohde jeden Morgen mit ihrer Aktentasche im sogenannten Tränenpalast, der Grenzstation am Bahnhof Friedrichstraße, und wechselte mit ihrem Dauervisum von einem System ins andere. Nebenbei führte sie in der Uhlandstraße den Kunsthandel weiter, den sie nach dem Tod ihres Vaters 1950 gemeinsam mit der Mutter und mit Frida Hinze übernommen hatte. Frida Hinzes Geschäftsbücher enden 1987, Elisabeth Rohde starb vor zwei Jahren.

Der zweibändige Katalog, den Stefan Körner für die Villa Grisebach erarbeitet hat, erzählt die Geschichte dieser Händlergemeinschaft, die auch ein Stück deutsche Geschichte ist, spart auch unangenehme Episoden wie jene um das Lachende Mädchen nicht aus. Das Bild verkaufte Kurt Rohde 1926 als angebliches Original von Vermeer für einen hohen Preis über den amerikanischen Händler Joseph Duveen in die Sammlung des US-Finanzministers Andrew W. Mellon. Seit 2008 gilt der "Charlottenburger Vermeer", der heute der von Mellon gegründeten National Gallery of Art in Washington gehört, als Werk des Fälschers Han van Meegeren.