Oft kopiert im Stil, doch in der Wirkung unerreicht, ist die Enzyklika das kirchenamtliche Wort mit der größtmöglichen Wucht und Reichweite. Ein Rundschreiben des Vicarius Christi an die gesamte katholische Weltkirche, mitunter sogar an "alle Menschen guten Willens". Es hat den höchsten lebenden Absender und den weitesten Empfängerkreis.

Ihr Gestus ist den neutestamentlichen Briefen der Apostel an die Urgemeinden nachempfunden, deshalb umgibt Enzykliken eine andere Aura als die Denkschriften oder Sozialworte von Bischofskonferenzen und Kirchenbünden. In einer Enzyklika schreibt der Papst nicht Dogmen fest, sondern formuliert verbindlich, was die höchste Autorität der katholischen Kirche zu einem aktuellen Thema für wichtig und richtig hält: theologisch, philosophisch, moralisch und politisch. Er setzt einen Meilenstein. Und daran orientieren sich oft noch über Jahre hinweg alle katholischen und nicht selten auch andere Denker, Redner, Lenker – wenn sie über das betreffende Thema sprechen.

Enzykliken werden weltweit rezipiert, egal, wie beschwerlich die Verbreitungswege sind. Legendär ist die Übermittlung der einzigen jemals in deutscher Sprache verfassten Enzyklika Mit brennender Sorge von Pius XI. Sein Anti-NS-Brandbrief wurde 1937 von katholischen Druckereien konspirativ vervielfältigt, von Fahrradkurieren in jede Pfarrei des "Dritten Reiches" gebracht, in Tabernakeln versteckt und dann der Gestapo zum Trotz am selben Tag von jeder Kanzel verlesen. So schwer haben es heutige Enzykliken nur noch in Saudi-Arabien, Teilen von China oder Nordkorea.

Beim Schreiben bitten die Päpste oft Experten um Entwürfe. Dennoch trägt eine Enzyklika stets die Handschrift des jeweiligen Pontifex: In der oft zeitgeistgeprägten Themenwahl, im Sprachstil, in der Theologie, in der Begrifflichkeit. Nicht alle Enzykliken haben bleibenden Wert. Aber manche stehen unverwüstlich wie Findlinge in einer längst veränderten Landschaft. Rerum novarum von Leo XIII. gehört dazu, auch Humanae vitae von Paul VI. oder Redemptor hominis von Johannes Paul II. Viele Enzykliken liest man Jahrzehnte später staunend: als einzigartig verdichtete Dokumente ihrer Zeit mit ihren Konflikten – geschrieben und verkündet von einem Menschen, der sich als Sachwalter eines überzeitlichen Auftrages in eine 2.000-jährige Tradition einreiht.

Ludwig Ring-Eifel ist Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).