Das Zentrum für Politische Schönheit ist für seine drastischen, generalstabsmäßig geplanten Kunstaktionen und Theaterinszenierungen berühmt. "Die Toten kommen" heißt die neueste Aktion – sie handelt vom Umgang mit auf der Flucht gestorbenen Menschen. Am Dienstag wurde eine im Mittelmeer ertrunkene Frau aus Syrien auf dem muslimischen Friedhof in Berlin-Gatow beerdigt, am Sonntag sollen tote Flüchtlinge – so zumindest die Ankündigung – direkt vors Kanzleramt verbracht werden. Ein Gespräch mit dem beteiligten Künstler Philipp Ruch.

DIE ZEIT: Die Kanzlerin müsse in Zukunft über Leichen gehen, verkünden Sie. Was haben Sie geplant?

Philipp Ruch: Am Sonntag erwarten wir mindestens 130.000 Menschen aus Gesamteuropa zum Marsch der Entschlossenen. Drei Bagger mit Presslufthämmern werden dabei auf das Kanzleramt zurasen und dann den Vorplatz aufstemmen. Dort soll eine Gedenkstätte errichtet werden, ein Friedhof für die Opfer der militärischen Abriegelung Europas.

ZEIT: Und Sie wollen vor dem Kanzleramt wirklich Leichen bestatten?

Ruch: Das kann ich Ihnen noch nicht sagen.

ZEIT: Verstößt nicht Ihre Aktion gegen die Totenruhe? Die Toten können sich nicht wehren, darf man mit ihnen Kunst machen?

Ruch: Die Angehörigen der Toten sind Teil unserer Aktion. Wer uns kennt, weiß, wie viel Wert wir auf moralische Schönheit legen. Die Kunst ist dazu da, die Wirklichkeit zu ertragen. Diese Wirklichkeit ist unerträglich. Insofern müssen wir uns in das Gehäuse der Kunst flüchten, um dann die Abschottung des europäischen Mitgefühls zu sprengen.

ZEIT: Wo haben Sie die Toten gefunden, die Sie nun bestatten wollen?

Ruch: Wir haben in Zusammenarbeit mit Beerdigungsunternehmen Tote aus anonymen Flüchtlingsgräbern etwa in Sizilien exhumiert, sie identifiziert und dann den Kontakt zu den Angehörigen gesucht. Es ist ein Skandal, dass die italienischen Behörden die Namen der Toten nicht ermitteln und die Angehörigen nicht kontaktieren. Wie behandelt Europa diese Toten, haben wir uns zu Anfang gefragt. Und sind dann bei der monatelangen Recherche auch auf ein Kühllager in einem italienischen Krankenhaus gestoßen, in dem 17 tote Flüchtlinge in Müllsäcken einfach so übereinandergestapelt lagen.

ZEIT: Was sagen die Angehörigen dazu, dass ihre verstorbenen Angehörigen Teil einer Kunstaktion werden sollen?

Ruch: Wir haben den Angehörigen, die hier als Flüchtlinge in Deutschland leben, unser Projekt ausführlich erklärt. Die Verwandten der in Gatow beerdigten syrischen Frau wünschten sich eine Bestattung auf einem muslimischen Friedhof. Wir haben das organisiert und die Stabsleitung aus dem Innenministerium dazu geladen. Das war ein Akt politischer Schönheit.

ZEIT: Braucht es Ihre Aktion überhaupt? Ist der tausendfache Flüchtlingstod nicht längst auf der Agenda von Medien und Politik?

Ruch: Es hat sich aber nichts getan. Die Landgrenzen sind für die Flüchtlinge aus Syrien sogar stärker gesichert als früher. Das ist das Grundübel, deswegen müssen Hunderttausende über das Mittelmeer kommen. Menschen verdursten auf See, sie ertrinken bei hohem Wellengang. Die 17 toten Flüchtlinge aus dem Kühlraum starben, weil der Motor ihres Schiffes explodierte. Ich glaube an die moralische Fantasie der Menschen, an das Mitgefühl, das wir mit unserer Aktion sichtbar machen können.

ZEIT: Wie viele Tote will das Zentrum noch in Berlin bestatten?

Ruch: Ehrliche Antwort: Zehntausende. Sie treiben im Mittelmeer. Und wir holen sie alle, wenn es sein muss. Open End. Auch wollen wir den Rücktritt desjenigen erwirken, der die EU-Außengrenzen maßgeblich mit aufgebaut hat. Das ist der deutsche Innenminister Thomas de Maizière. Der muss weg.