Unerwartet will adidas sich den Vorwürfen stellen. Plötzlich kommt die nachdrückliche Einladung in das Logistikzentrum. Und der Betriebsrat, den die Vorwürfe ebenfalls betreffen, sagt: "Wie konnte uns das passieren?"

Nachdem die ZEIT (Nr. 21/15) über Leiharbeiter berichtet hatte, die im adidas-Logistikzentrum in Rieste, Niedersachsen, ausgebeutet werden, meldete sich eine Vielzahl weiterer Arbeiter, denen bei adidas Ähnliches widerfährt: Es geht unter anderem um unbezahlte Überstunden und unbezahlten Bereitschaftsdienst, monatelanger Urlaubssperre und willkürlichen Arbeitseinsatz. "Alles in Ihrem Artikel stimmt", schrieb uns eine Betroffene. Und ein Leiharbeiter bot sich an, uns durch sein Mehrbettzimmer zu führen, um uns die Bedingungen seiner Unterbringung vor Augen zu führen.

Könnte es sein, dass die Berichterstattung und ihre Folgen der Grund für die plötzliche Offenheit des Unternehmens adidas sind? Vielleicht ist es auch eine neue Form der Krisenbewältigung. Jedenfalls ist nichts mehr übrig von der Abwehr, die adidas-Pressesprecher Jan Runau nach unserer Berichterstattung in einem Leserbrief vom 28. Mai noch formulierte. Die Vorwürfe der Leiharbeiter hatte er damals brüsk zurückgewiesen – mit der Begründung, weder die Geschäftsführung noch der Betriebsrat hätten irgendetwas von derartigen Missständen gewusst. Niemand habe sich beim Unternehmen beschwert: "Und dies", so Runau, "obwohl gerade der Betriebsrat vor Ort ständig ansprechbar ist und wir als Unternehmen in regelmäßigen Abständen Betriebsversammlungen für alle Mitarbeiter abhalten."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 26 vom 25.06.2015.

Jetzt ist alles anders. Jetzt führen Geschäftsführer und Pressesprecherin Medienvertreter durch das Logistikzentrum. Man ist jung, man trägt adidas-Trainingsjacken, man gibt sich locker und spricht Englisch: Hochsaison heißt peak, Mitarbeiter sind Teil einer community und treffen sich in townhall meetings. Jaja, versprechen die jungen Herren in den Trainingsjacken, man werde allen Vorwürfen nachgehen, sogar ein externer Gutachter sei bestellt. Der werde "alle Prozesse im Distributionszentrum in Rieste überprüfen" und bis Ende des Jahres auch bestimmt Ergebnisse vorweisen. Ein leiser Trotz liegt doch in ihren Stimmen. Tief drinnen, so scheint es, sind sie beleidigt über die Vorwürfe, die ihr schönes Werk beschädigen. Gern weisen sie auf ihre neueste Attraktion in Rieste hin: einen "Multifunktionsplatz". Damit ist ein Sportplatz für die Mitarbeiter gemeint. Bald soll er leuchten in Ocean Blue, dafür bedürfe es acht verschiedener Anstriche, sagen sie. Noch liegt er da in stumpfem Grün.

Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende des adidas-Logistikzentrums Jens Worpenberg, der eben noch im Chor mit der Pressestelle alle Vorwürfe vehement von sich gewiesen hatte, zeigt sich plötzlich zerknirscht. Und die gerade aus dem Urlaub zurückgekehrte Betriebsratsvorsitzende Ulrike Kramm sagt: "Mir persönlich ist das sehr nahegegangen. Mir war sofort klar, dass wir uns das genau anschauen müssen." Der Betriebsrat ist für die Belange und den Schutz aller Mitarbeiter verantwortlich. Er sollte nicht nur die 281 Mitarbeiter vertreten, die direkt bei adidas angestellt sind, sondern auch die 583 Leiharbeiter. Denn auch die Leiharbeiter haben diesen Betriebsrat gewählt.

Warum die Leiharbeiter nicht zu ihnen gekommen seien, können sich die Betriebsräte "absolut nicht erklären". Schließlich habe man doch immer wieder "Offenheit kommuniziert". Und bei der Betriebsversammlung allen Mitarbeitern das gesamte Gremium vorgestellt. Und sogar alles ins Polnische übersetzt. Immerhin geben die beiden Betriebsratsvorsitzenden zu, dass sie bislang keine Ahnung davon hatten, wer von den Leiharbeitern eingestellt, abgemahnt oder gar gekündigt worden war und aus welchen Gründen. Und sie wussten auch nicht, wer länger krank war. Worpenberg sagt: "Wir merken jetzt, dass die Mitarbeiter sich in der Vergangenheit nicht getraut haben, zu uns zu kommen."

Die Leiharbeiterin Jasmin Tietje kann genau erklären, warum die Mitarbeiter sich gerade bei adidas nicht zum Betriebsrat trauen. Sie sagt, ihr habe ein Mitglied des Betriebsrats höchstpersönlich mit Kündigung gedroht, wenn sie nicht bereit sei, zusätzlich auch noch samstags zu arbeiten.

Das Einfamilienhaus von Jasmin Tietje, 32, steht im kleinen Ort Eggermühlen. Gepflegter Rasen, Fahrräder vor der Tür. Tietje sitzt an einem großen Esstisch im Wohnzimmer, Fotografien und kleine Kunstwerke der Kinder hängen an der Wand. Der monatelange Kampf hat sichtlich an ihr gezehrt, aber auch durch ihre Erschöpfung spürt man noch Willenskraft. Sie erzieht ihre sechs Kinder allein, seit sich der Vater vor zwei Jahren davongemacht hat. Sie sind zwischen 6 und 16 Jahren alt.