Die folgende kleine Geschichte ist wahr. Sie handelt von meiner Mutter, meinen Geschwistern, meinem Elternhaus und einem ungebetenen Gast. Sie handelt auch von der großen Politik und wie sie in unserem Keller Platz nahm.

Ich hätte sie gern schon damals erzählt, vor vielen Jahren. Sie hätte mich – ich war damals Volontärin bei einer großen Boulevardzeitung – über Nacht berühmt gemacht. Aber das war leider unmöglich: Erstens hätte ich damit meine liebe alte Mutter verraten. Und zweitens hätte ich einen Mann an die Öffentlichkeit verkauft, der an einem Winterabend quer durch unser Wohnzimmer auf mich zugestürzt war und mich angefleht hatte: "Bitte schweigen Sie! Mein Leben liegt in Ihrer Hand." Dieser Mann, der sich vom 9. bis zum 31. Januar 1990 im Keller meiner Mutter verschanzt hat, wurde damals von Journalisten und Geheimdiensten in Ost und West gesucht: Es war Alexander Schalck-Golodkowski, den man als DDR-Devisenbeschaffer kennt.

Damit der Leser verstehen kann, was damals geschah, muss ich ein paar Worte über meine Familie vorausschicken. Meine Mutter war zu dem Zeitpunkt, als Schalck uns in den Schoß fiel, eine Pastorenwitwe von 72 Jahren. Sie wohnte in unserem Pfarrhaus in München-Pasing. Seit ihre vielen Kinder ausgezogen waren, hatte sie sich jede Menge Mieter einquartiert.

Ein paar Wochen nach dem Mauerfall, am zweiten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1989, klingelte das Telefon bei meinem Bruder, einem evangelischen Pfarrer. Der Präsident des Diakonischen Werkes, Karl-Heinz Neukamm, war am Apparat. "Bruder Rückert", sprach er, "könnten Sie einen hochrangigen Vertreter des DDR-Regimes, der sich in Schwierigkeiten befindet, eine Zeit lang beherbergen?" Es war klar, dass er verstecken meinte. "Wen?" – "Das kann ich nicht sagen. Aber er hat der Diakonie und der Kirche in beiden Teilen Deutschlands unschätzbare Dienste erwiesen. Augenblicklich sitzt er im Gefängnis." Mein Bruder fragte daraufhin meine Mutter, ob sie noch einen weiteren Untermieter verkraften könne. Ja, war die Antwort, im Keller sei noch Raum.

Am Silvestertag erfuhr Markus, wer da um Unterschlupf bat: der DDR-Devisenbeschaffer eben nebst Gattin. Herr Neukamm hatte für ihn zuvor schon bei 26 Adressen um Aufnahme gebeten. Doch alle hatten abgesagt. Alle hatten Angst. Neukamm selbst vielleicht auch.

Schalck, einer der Strippenzieher in der DDR, Mitglied im Zentralkomitee, Chef der "Kommerziellen Koordinierung" und der einzige echte Kapitalist im ostdeutschen Sozialismus, fürchtete nach dem Sturz des Honecker-Regimes um sein Leben. In der Nacht vom 3. auf den 4. Dezember war er aus der DDR geflüchtet. Er stellte sich den westdeutschen Behörden, die ihn erst einmal wegsperrten. Nach vier Wochen setzten sie ihn auf freien Fuß. Später erfuhren wir, dass Schalck wohl von der Regierung Kohl an die Kirche und von der Kirche an meine Familie durchgereicht worden war. So wurden die Probleme zweier deutscher Staaten und der evangelischen Wohlfahrt im Keller meiner Mutter eingelagert.

Das Ehepaar Schalck traf am 9. Januar 1990, einem Dienstag, abends mit zwei Koffern bei meiner Mutter ein. Sie hatte das alte, ausrangierte Ehebett im Souterrain frisch bezogen. Weitere Hausbewohner waren zu diesem Zeitpunkt: die Hauswirtschafterin Frau Helga B. mit ihrem Ehemann, eine chilenische Gitarristin und eine jugoslawische Putzfrau, eine angehende Religionslehrerin und die Damen von der evangelischen Briefseelsorge.