Wenn Mediziner behaupten, gleich mehrere schwere Krankheiten mit ein und derselben Arznei aus der Welt schaffen zu können, ist Misstrauen angebracht. Erst recht, wenn es um Volksleiden wie Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen geht. Doch Nir Barzilai meint es ernst: Der Forscher vom New Yorker Albert Einstein College of Medicine und seine Mitarbeiter arbeiten an einer medikamentösen Therapie, die den körperlichen Verfall aufhalten soll. Dabei geht es nicht nur um ein Mittel gegen Krebs oder Herzleiden oder Demenz – nein, sie wollen das Altern an sich bekämpfen. "Der Alterungsprozess ist nicht unausweichlich", sagt Barzilai. "Wir glauben, dass es einen Weg gibt, ihn aufzuhalten, bevor er den Menschen krank macht."

Zumindest will das Team das Auftreten altersbedingter Gebrechen hinauszögern. Dazu brauche es nicht einmal eine neue Wunderarznei, es reiche das lange bekannte Diabetesmittel Metformin. In einer klinischen Studie mit mehreren Tausend älteren Menschen wollen sie demonstrieren, dass Metformin den Blutzucker senken und das Leben verlängern kann.

Aus medizinischer Sicht ist die Idee nicht abwegig. Schon länger vermutet man, dass Metformin als eine Art Allzweckwaffe gegen vielerlei Krankheiten taugen könnte; so scheint es Zuckerkranke gegen Krebs und Demenz zugleich zu wappnen. Die Frage ist allerdings, ob sich diese Schutzwirkung auch bei gesunden Menschen entfaltet. Das bezweifeln Skeptiker.

Die wirkliche Problematik von Barzilais Vorhaben liegt aber auf einer ganz anderen Ebene: Wer suggeriert, dass Altern "therapierbar" sei, definiert einen bisher natürlichen Vorgang um in eine Krankheit. Damit wären alle Menschen, sagen wir: jenseits der siebzig automatisch zu Kranken erklärt – egal, wie gesund sie auch immer sein mögen.

Mit dieser Vision dürfte nicht nur die US-Arzneimittelbehörde ihre Schwierigkeiten haben, die Barzilais Pläne gerade prüft. Auch für all jene, die der Forscher mit Metformin "heilen" will, muss die Idee befremdlich klingen. Denn damit würde Altern vor allem auf den körperlichen Verfall reduziert. Die besonderen Qualitäten von älteren Menschen, die in vielen Kulturen geschätzt werden – Lebenserfahrung, Geduld, Weitsicht –, wären dagegen entwertet.

Nun ist "krank" per se kein Werturteil. Dennoch könnte die Pathologisierung eines bisher als natürlich angesehenen Prozesses weitreichende Folgen haben. Wird es theoretisch möglich, das Altern aufzuhalten, entsteht schnell der gesellschaftliche Druck, diese Möglichkeit auch zu nutzen. Am Ende gäbe es konsequenterweise auch keine Rechtfertigung mehr für den Ruhestand. Wer sich "zu alt" zum Arbeiten fühlt, müsste sich eventuell vorwerfen lassen, er falle der Gesellschaft zur Last. Hätte er sich nicht rechtzeitig darum bemühen sollen, das Altern medikamentös aufzuhalten?

Solchen Befürchtungen hält Barzilai entgegen, es gehe im gar nicht um ewige Jugend, sondern nur "um ein paar zusätzliche gesunde Lebensjahre". Und dazu brauche man eben "eine Therapie, die verschiedene Alterserkrankungen zugleich verhindern kann". Doch schon der Titel seiner Studie – Targeting Aging with Metformin – zeigt, dass der Forscher nicht auf einzelne Leiden zielt, sondern mit Metformin das Altern insgesamt ins Visier nimmt.

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