Alles super. So kann man die Stimmung auf der Kunstmesse Art Basel zusammenfassen, die vergangenen Sonntag zu Ende ging. Die Galeristen verkauften Kunst etwa von Sigmar Polke, Rosemarie Trockel und Thomas Schütte für mehrere Millionen Euro. Mit der Frage nach den steigenden Preisen für die Kunst hat sich auch eine St. Gallener Forschergruppe um den Soziologen Franz Schultheis intensiv beschäftigt, gerade ist ihre sehr lesenswerte Studie "Kunst und Kapital. Begegnungen auf der Art Basel" im Verlag der Buchhandlung Walther König erschienen (258 S., 29,80 Euro)

DIE ZEIT: Wie kamen Sie auf die Idee, die Art Basel zu untersuchen?

Franz Schultheis: Ich bekam 2011 von einer Bekannten eine Eintrittskarte für die Art Basel. Nach diesem ersten Besuch hatte ich sofort den Wunsch, dieses Feld zu erforschen. Die Menschen, ihre Verkleidungen, die Etikette, die Trennung zwischen VIPs und normalen Besuchern und die Inszenierung der Kunst, die ich aus Museen oder Galerien so nicht kannte. Die Art Basel ist eine ganz eigene Welt, und mir kam spontan die Idee, sie wie einen fremden Stamm zu erforschen. Zusammen mit Erwin Single, Stephan Egger, Thomas Mazzurana und anderen haben wir dann drei Jahre lang intensiv empirisch geforscht und weit über 100 Interviews mit den wichtigsten Galeristen, Sammlern und Messeleitern geführt.

ZEIT: Warum eignet sich gerade die Art Basel, den Zustand des globalen Kunstmarkts zu erforschen?

Schultheis: Die Teilnahme an dieser Messe ist für die Elite der Kunstwelt ein Muss, sie feiert sich hier selbst. Die Art Basel fungiert als eine Bank für Sozialkapital, und das nutzen auch die Sponsoren, die UBS-Bank, Davidoff, BMW. Man besucht als Sammler nicht mehr wie früher regelmäßig die großen Kunststädte, um dort, durch Galerien schlendernd, vielleicht die Liebe zu einem neuen Künstler zu entdecken, in dieser traditionellen, kontemplativen Haltung, mit der man sich in einem White Cube wie in einer Kirche bewegt. Auf der Messe geht es vielmehr um einen Wettlauf. Die VIPs werden streng hierarchisch nach Macht und Kaufkraft aufgeteilt in drei Untergruppen, die gestaffelt Zugang zur Messe erhalten, erst am dritten Tag darf dann das Bodenpersonal die Art Basel besuchen. Aber auch das Fußvolk braucht man, um den Charakter einer Wallfahrt in Szene zu setzen.

ZEIT: Wie hat sich der Kunstmarkt in den vergangenen Jahren gewandelt?

Schultheis: Es gibt einen starken Trend zur Kommerzialisierung der Kunst und damit auch zum Verlust der Autonomie dieses Feldes, in dem sich die Künstler seit dem 19. Jahrhundert weder von der Kirche noch dem Staat, noch dem Kapital sagen lassen wollten, was gute Kunst ist. Jetzt haben wir es mit globalen Playern zu tun, die Kunst wird von wenigen Großgalerien an wenigen exklusiven Orten gehandelt, in einem Markt auf dem die Logik des The winner takes it all gilt. Die traditionelle Aufgabe der Galerien, der langsame Aufbau von Künstlern durch Ausstellungen, wird kaum mehr wahrgenommen. Stattdessen besuchen die großen Galerien oftmals neun, zehn Messen im Jahr. Und obwohl die Teilnahme jeweils eine fünfstellige Euro-Summe kosten kann, machen sie hier ihr größtes Geschäft.

ZEIT: Auch dieses Jahr meldeten die Galerien von der Art Basel schon am ersten Tag zahlreiche Verkäufe für Preise im Millionenbereich ...

Schultheis: Der Kunstmarkt boomt weiter, und gleichzeitig findet eine Erosion seiner traditionellen Institutionen statt. Die Form des Aushandelns zwischen Künstlern, Galeristen und Sammler, diese besondere Ökonomie im Umgang mit symbolischen Gütern, wandelt sich stark. Dazu gehört auch die weiter wachsende Macht der Auktionshäuser, die teilweise schon in den Primärmarkt der Galerien eingreifen und Werke von sehr jungen Künstlern verkaufen. Wir sprechen von Entgrenzungen aller Art. Galerien und Privatsammlungen versuchen sich als Museen zu gebärden, während die öffentlichen Museen in vielen Städten unterfinanziert sind. Was immer mehr zählt, ist der Marktpreis der Kunst. Und der Preis der Kunst wird mit dem Wert, mit der Qualität der Kunst verwechselt.