Niemand weiß, ob die 29-jährige iranische Künstlerin Atena Farghadani heute noch am Leben ist. Am 1. Juni wurde ihr in Teheran der Prozess gemacht.

Alles begann wieder einmal mit einer Karikatur. Sie zeigt sechs Männer, die Wahlzettel in eine Urne werfen. Die Karikatur, offenbar eine Kohlezeichnung, ist künstlerisch gar nicht übel, das subtile Faltenspiel der Herrenjacken, die Feinheiten des Kopfhaars, der Schattenwurf im Hintergrund sind gut eingefangen. Besonders lustig ist, dass die Männer Affen- und Kuhköpfe haben. Es könnte sich um eine Illustration zu Erich Kästners altem Kinderbuch Die Konferenz der Tiere handeln, auf der zu sehen ist, wie die Tiere die Macht ergreifen, nachdem die Menschen alle Konferenzen in den Sand gesetzt und ihre Zukunft versemmelt haben.

Atena Farghadani hat ihre Zeichnung im vergangenen Jahr auf ihrer Facebook-Seite gepostet. In Teheran erkannte man sofort, dass es sich bei den abgebildeten Herrentieren nicht um die Helden eines Kinderbuchklassikers, sondern um iranische Parlamentsabgeordnete handelt, die gerade dabei sind, ein Gesetz zu verabschieden, das den freien Zugang der iranischen Frauen zu Verhütungsmitteln beschränken soll. Die junge Künstlerin wurde verhaftet und im Evin-Gefängnis in Teheran in Isolationshaft gehalten, täglich bis zu neun Stunden verhört und geschlagen.

Nach der Zahlung einer Kaution kam sie noch einmal frei und erzählte in einem Film auf YouTube von ihrer Misshandlung im Gefängnis. Sie schrieb ihrem obersten Richter auch einen offenen Brief, in dem sie an die junge, Philosophiestudentin Neda Agha-Soltan erinnert, die im Juni 2009 auf einer Demonstration von iranischen Milizen erschossen wurde und deren Todeskampf Millionen im Netz gesehen haben. Atena Farghadani ist offenbar eine sehr mutige Frau.

Im Januar wurde sie erneut verhaftet, trat in einen Hungerstreik und erlitt einen Herzinfarkt. Ihr Gerichtsverfahren Anfang Juni dauerte nur einen halben Tag und endete mit einem unfassbaren Urteil: zwölf Jahre und neun Monate Gefängnis für den Spott über sechs Männer. Seither hat man nichts mehr von ihr gehört.