Was für eine Zitterpartie, bis zuletzt. Sonntagnachmittag war’s, da sickerte durch, dass die Berliner Philharmoniker es tatsächlich getan hätten. Heimlich. Still. Ganz leise und für sich. Sie haben einen neuen Chefdirigenten gewählt. Das ehedem "beste" Orchester der Welt. Einen Mann, an dem in der Nachfolge von Furtwängler, Karajan und Abbado viel Nimbus hängt und noch mehr Zukunft. Was die Berliner treiben, hatte in der Musik schon immer Folgen bis ans Ende der Welt.

Eine glatte zweite Wahl. Kein Medien-Bohei, keine Selbstbeschwörungen, keine Indiskretionen, nichts, was nach dem vorangegangenen historischen Nichtwahl-Debakel am 11. Mai (als man die Urnengänge nach elfeinhalb Stunden ergebnislos abbrach) noch einmal Wind oder Wirbel machte. So leckt man sich die selbst geschlagenen Wunden. Unter Tarnkäppchen sind die 124 Musiker am Sonntag offenbar in den Kammermusiksaal der Philharmonie geschlüpft, unbemerkt, unerkannt – um nur drei Stunden später, ja, doch, mit einer veritablen Überraschung aufzuwarten: Kirill Petrenko soll Simon Rattle nach 2018 beerben.

Ausgerechnet der überscheue Petrenko, von dem man jenseits des Dirigentenpults kaum etwas weiß oder erfährt, weil er nichts von sich preisgibt, jedenfalls nicht mit Worten. Veganer und Tierschützer soll er sein, das verlautet immerhin. Die Wohnung in Berlin hat er seit seiner Zeit an der Komischen Oper behalten. Und außergewöhnlich talentiert ist er natürlich und irrwitzig fleißig. Er umarme das Orchester, ließ der 43-jährige Russe bei seiner telefonischen Zusage ausrichten, für seine Verhältnisse fast euphorisch.

Eine gute Wahl nach länglicher Qual? Was die radikale Fokussierung auf die Musik betrifft, für die Petrenko steht, und seine (gefürchteten) Qualitäten als Orchesterschurigler: ja. Nach 16 Jahren Simon Rattle können die Philharmoniker einen wie ihn gebrauchen, der sich in der Probenarbeit über Rimski-Korsakows Hummelflug, einer zirzensischen Petitesse, genauso verzehrt wie über den Hammerschlägen in Gustav Mahlers "tragischer" Sechster Symphonie; für den Präzision und Disziplin zu den vornehmsten Tugenden eines Orchesters gehören; und der nicht nur (wie Rattle) am rhetorischen Räderwerk einer Partitur feilt, sondern auch an deren Klangbild, und zwar so lange, bis sich das innere und das äußere Ohr vollständig einig sind. Dass die Philharmoniker sich all dies zumuten wollen, obwohl Petrenko seit 2006 bei ihnen erst drei Programme dirigiert hat (wenig repräsentative zumal), spricht für die Musiker und ihre Selbsteinschätzung. Mit Riccardo Chailly oder Yannick Nézet-Seguin hätten sie es zweifellos gemütlicher gehabt – nun, da man sich zu Andris Nelsons doch nicht hat durchringen können und Christian Thielemann, der Topfavorit, durch eine via Bayreuth lancierte Intrige punktgenau aus dem Rennen geschossen wurde.

Gleichwohl birgt die Personalie Petrenko Risiken. Der gebürtige Sibirier und gelernte Vorarlberger gilt als lupenreiner Operndirigent, nach Stationen an der Wiener Volksoper, in Meiningen und an der Komischen Oper Berlin wurde er bis 2018 zum Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper in München berufen. Dass ein Perfektionist wie er von der komplexeren (böse Zungen sagen: schludrigeren) Oper zum Konzert strebt, ist nachvollziehbar. Dass sich ein Symphonieorchester seinerseits einen Operndirigenten wünscht, auch: weil er spontaner ist, flexibler – und von den Musikern mehr Flexibilität einfordert. In der Debatte um die Rattle-Nachfolge indes wurde viel über die Repertoires der Kandidaten gestritten, manche galten als zu spezifisch, andere als zu unspezifisch, wieder andere als zu schmal. Petrenko passt in keine dieser Schubladen, denn sein Konzertrepertoire ist kaum existent. Was sind hier seine Vorlieben, fragt man sich ratlos, wo liegen seine Stärken, und was will er in zehn Jahren dirigieren?

Sicher könnte man es den Philharmonikern als Mut zum Offenen auslegen, sich einem im Konzertwesen derart unbeschriebenen Blatt anzuvertrauen. Muss denn auch immer alles fertig und in Erz gegossen sein? Warum nicht aneinander wachsen? Dass sich die philharmonischen Orchester- und Medienvorstände zu all dem am Montag auf der eilig einberufenen Verkündigungspressekonferenz nicht äußern wollten, ist allerdings ein Symptom: für die Spuren, die der so heftig missglückte erste Wahlversuch am 11. Mai hinterlassen hat. Für den Riss, der nicht erst seit diesem Tag durchs Orchester geht – und den Simon Rattle nicht zu kitten imstande war.

Wenn eine Kernkompetenz der Chefdirigenten-Wahl urplötzlich keine Rolle mehr spielt (wie übrigens auch die Tatsache, dass Petrenko mit fünf veröffentlichten CDs alles andere als ein erfolgreicher Schallplattendirigent ist), dann gibt es dafür zwei Erklärungen: Entweder die künstlerische Autorität des Kandidaten entpuppt sich als so überwältigend, dass alles andere nicht weiter ins Gewicht fällt. Oder aber es muss um jeden Preis eine Lösung her. Auf dass der besagte Riss, der sich im Wahlgeschehen als Graben zwischen den Thielemann-Befürwortern und -Gegnern manifestierte, nicht noch größer werde.

Um nichts anderes ging es letztlich. Denn wenn es zwischen Kirill Petrenko und den Berliner Philharmonikern 2006 sozusagen Liebe auf den ersten Blick war: Warum haben sie ihn am 11. Mai nicht gewählt? Eine Antwort auf diese heikle Frage liefert seine Persönlichkeit. Überspitzt formuliert: Um den Exzentriker Thielemann zu verhindern, hat man dem Exzentriker Petrenko das Jawort gegeben. Das Gleiche in Grün, wenn man so will, nur ein bisschen anders gestrickt – und nicht so deutsch.

Aber eben auch schwierig. Wo Thielemann unbequeme Meinungen zum Besten gibt, spricht Petrenko überhaupt nicht. Und hat dies auch in Zukunft keineswegs vor. Gegen die enthemmten Mätzchen des Betriebs, gegen alles, was Marketing heißt und seine Person meint, scheint er regelrecht allergisch und/oder immun zu sein. Bei aller Unverbindlichkeit, heißt es, aller verschmitzten Freundlichkeit im Umgang trage sein Charakter bisweilen soziopathische Züge. Der Münchner Schickimicki-Gesellschaft jedenfalls hat er den Zahn früh gezogen, und auch die Berliner Philharmoniker, die ihre aktuelle Identität nicht unwesentlich aus außermusikalischen Errungenschaften wie der Digital Concert Hall oder ihren prestigeträchtigen Education-Projekten speisen, werden sich um Kompensation bemühen müssen. Für Sponsorendinner dürfte dieser Chefdirigent kaum zu haben sein.