Mein Vater wurde an einem Samstagmorgen Anfang Mai in Nigeria entführt. Mein Bruder rief mich an und sagte es mir, und plötzlich gab es auf der Welt nicht mehr genügend Luft zum Atmen. Mein Vater ist 83. Ein kleiner, ruhiger, zufriedener Mann mit einem leisen spitzbübischen Humor und strahlendem Gottvertrauen, mit schöner, glatter dunkler Haut, schütteren silbrigen Haarbüscheln und einem Leben, das von der stoischen, würdevollen Verantwortung geprägt ist, die man als erstgeborener Igbo hat.

Er promovierte in den sechziger Jahren in Berkeley als Stipendiat der United States Agency for International Development, bekleidete Nigerias erste Professur für Statistik, zog sechs Kinder und zahlreiche Angehörige groß und lehrte 50 Jahre lang an der Universität von Nigeria. Heute macht er sich über sich selbst lustig, darüber, wie langsam er die Treppen hochsteigt, dass er sein Handy vergisst. Er spricht oft von seiner Kindheit, erzählt reizende und weitschweifige Geschichten, in Worten, die zart sind vor Weisheit.

Manchmal notiere ich seine Igbo-Sprichwörter, seine Redewendungen. Als disziplinierter Diabetiker geht er täglich spazieren und trägt seine Kohlenhydrat-Grammzahl nach jeder Mahlzeit sorgfältig in ein Notizbuch ein. Er brütet Stunden über Sudoku-Rätseln. Er schluckt eine Handvoll Tabletten am Tag. Seine Generation ist eine in ihrem Abendlicht.

Am Morgen seiner Entführung hatte er einen Beutel mit Äpfeln und Wasserflaschen bei sich, den ihm meine Mutter gepackt hatte. Er saß auf dem Rücksitz seines Wagens, sein Fahrer am Steuer, auf einer einsamen Strecke zwischen Nsukka, der Universitätsstadt, in der er lebt, und Abba, unserer angestammten Heimatstadt. Er war auf dem Weg zu einer traditionellen Versammlung von Männern seiner Altersgruppe. Eine zweistündige Fahrt. Meine Mutter plante ihr spätes Mittagessen nach seiner Rückkehr: zerstoßene Yamswurzeln und eine frische Suppe. Sie telefonierten immer miteinander, wenn einer von beiden alleine unterwegs war. Diesmal rief er nicht an. Sie versuchte ihn zu erreichen, aber sein Handy war ausgeschaltet. Beide schalteten ihre Telefone nie aus. Stunde um Stunde rief sie ihn an, doch es blieb ausgeschaltet. Später klingelte ihr Telefon, und obwohl das Display die Nummer meines Vaters anzeigte, war am anderen Ende eine fremde Stimme. Sie sagte: "Wir haben Ihren Mann."

Entführungen sind im südöstlichen Nigeria nichts Ungewöhnliches. Anders als bei vergleichbaren Vorfällen im Nigerdelta, die auf Ausländer zielen, sind hier die Opfer wohlhabende oder prominente Einheimische. Dennoch geht die Zahl der Entführungen seit einigen Jahren zurück, was vielleicht der Grund dafür ist, dass ich nach dem ersten Schock vor allem eines war: überrascht.

Meine eng verbundene Familie rückte noch näher zusammen und hielt Nachtwache neben unseren Telefonen. Die Kidnapper sagten, sie würden sich wieder melden, taten es aber nicht. Wir warteten. Der Wunsch, die Zeit voranzutreiben, lähmte und zerfraß meine Seele. Meine Mutter trug ihr Telefon überall mit sich herum und hörte es klingeln, als es das gar nicht tat. Das Warten war unerträglich. Ich stellte mir vor, wie mein Vater in ein diabetisches Koma fiel. Ich stellte mir vor, wie sein 83-jähriges Herz kollabierte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 26 vom 25.06.2015.

"Wie können sie einem Mann, der keine Ameise töten würde, solche Gewalt antun?", klagte meine Mutter. Meine Schwester sagte: "Papa wird es gut gehen, weil er ein rechtschaffener Mann ist." Normalerweise würde ich "rechtschaffen" nie anders als abschätzig gebrauchen. Aber etwas verschob sich in meinem Sprachgefühl. Der ironische Anstrich fiel weg. Es fühlte sich richtig an. Später wiederholte ich es für mich: Meinem Vater wird es gut gehen, weil er ein "rechtschaffener Mann" ist. Ich begriff dann das Stillschweigen, das Entführungen in Nigeria umgibt – warum die Familien oft wenig darüber sprechen, auch nachdem sie überstanden sind. Wir fühlten uns paranoid. Wir wussten nicht, ob wir das Leben meines Vaters aufs Spiel setzen würden, wenn wir die Entführung publik machten, ob die Nachbarn an ihr beteiligt waren, ob auch andere Familienmitglieder entführt werden könnten.

"Ist mein Mann am Leben?", fragte meine Mutter, als die Entführer schließlich wieder anriefen, und ihr brach die Stimme. "Mund halten!", sagte die männliche Stimme. Meine Mutter nannte ihn "mein Sohn". Manchmal sagte sie auch "Sir". Sie sagte alles Mögliche, um ihn nicht zu verärgern, während sie bettelte und flehte, dass mein Vater krank sei, dass das Lösegeld zu hoch sei. Wie verhandelt man über das Leben seines Mannes? Wie spricht man über seinen Lebenspartner im gedämpften Ton einer geschäftlichen Transaktion?

"Wenn Sie uns nicht geben, was wir wollen, werden Sie seinen Leichnam nie zu Gesicht bekommen", sagte die Stimme.

"Bekannt zu sein heißt in Nigeria, dass man für wohlhabend gehalten wird."

Mein Großvater väterlicherseits starb in den sechziger Jahren im Biafra-Krieg in einem Flüchtlingslager. Sein anonymer Tod, seine unbekannte Grabstätte, hat das Leben meines Vaters verfolgt. Diese Worte – "Sie werden seinen Leichnam nie zu Gesicht bekommen" – erschütterten uns alle.

Das abstoßende psychologische Melodrama einer Entführung funktioniert, weil es sich das kostbarste menschliche Gefühl zunutze macht: die Liebe. Sie ließen meinen Vater ans Telefon, und seine Stimme war ein schwacher Schatten ihrer selbst. "Gib ihnen, was sie verlangen", sagte er. "Ich werde es nicht überleben, wenn ich noch länger hierbleibe." Mein stoischer Vater. Drei Tage waren vergangen, aber es fühlte sich wie Wochen an.

Freunde riefen an und fragten nach unserer Kontoverbindung, um sich am Lösegeld zu beteiligen. Für uns war es völlig surreal. Hat sich eine solche Situation je für irgendjemanden real angefühlt, fragte ich mich. Der Wettlauf, um das Geld binnen eines Tages zu beschaffen. Die bedrohlich schwere Tasche voller Bargeld. Mein Bruder, der sie nach einer Kreuz-und-quer-Fahrt in einer Waldgegend deponierte.

Spät in dieser Nacht wurde mein Vater auf eine Lichtung geführt und freigelassen.

Während sein Blutzucker und sein Blutdruck gemessen wurden, versicherte er uns andauernd, dass es ihm gut gehe, und dankte uns immer wieder dafür, dass wir alles getan hätten, was wir konnten. Das ist die Rolle, die er einzunehmen weiß – der Beschützer, der Vater –, und er schlüpfte fast zu seiner Verteidigung in sie hinein. Sein Geist aber war angeknackst. In seinem Gang ein Schleppen. Ein Bluterguss an seinem Rücken.

"Sie forderten mich auf, in den Kofferraum ihres Wagens zu klettern", erzählte er. "Ich wollte das gerade tun, da packte mich einer und warf mich hinein. Warf. Der Kofferraum war voller Zeug, und ich habe mir an irgendwas den Kopf gestoßen. Sie fuhren schnell. Die Straße war sehr holprig."

Ich stellte mir diesen würdevollen Mann zusammengekrümmt im Heck eines rostigen Autos vor. Meine Wut übermannte meine Erleichterung – dass er eine solche Erniedrigung von Körper und Geist erleiden musste.

Und doch verwickelte er sie in ein Gespräch. "Ich versuchte, sie an ihrer menschlichen Seite zu packen", erzählte er. "Ich sagte ihnen, dass ich mir wegen meiner Frau Sorgen mache."

Am nächsten Tag waren meine Eltern auf dem Weg in die Vereinigten Staaten, weg von dem Schandfleck, zu dem Nigeria geworden war.

Als mein Vater freigelassen wurde, weinten wir alle, als ob es vorbei wäre. Aber es war nur etwas beendet worden, und etwas anderes hatte begonnen. Ständig überkam mich Panik; ich war schlaflos, unkonzentriert, schreckhaft, ängstlich, dass noch mehr aus dem Gleis geraten war. Und da war meine eigene traurige Schuld: Die Wahl war meinetwegen auf ihn gefallen. "Sagen Sie Ihrer Tochter, der Schriftstellerin, dass sie das Geld beschaffen soll", forderten die Entführer ihn auf, denn in der Zeitung zu stehen, bekannt zu sein heißt in Nigeria, dass man für wohlhabend gehalten wird. Das Bild meines Vaters, der in der holprigen Finsternis eines Kofferraums eingesperrt ist, trieb mich um. Wer hatte das getan? Ich musste es wissen.

Wir erlebten einen Reigen der Enttäuschungen mit den Behörden. Wir hatten die Entführung sofort der Polizei gemeldet, und der erste Schock ließ nicht lange auf sich warten: Sicherheitsbeamte meines Heimatstaats forderten uns auf, für ein Anti-Kidnapping-Gerät zu zahlen, eine bedeutende Summe, für die man in Lagos ein Jahr lang eine Dreizimmerwohnung mieten kann. Und das, obwohl ich privilegiert genug bin, um von hochrangigsten Beamten persönliche Unterstützung zu erhalten.

Wie, fragte ich mich, meisterten andere Familien vergleichbare Situationen? Bundesbehörden ließen uns wissen, dass sie eine Genehmigung aus der Hauptstadt Abuja bräuchten, die zu bekommen in unserer Verantwortung liege. Wir führten endlose Telefonate, hilflos und frustriert. Es war, als habe sich mit der Freilassung meines Vaters gegen Lösegeld das Verbrechen selbst in Luft aufgelöst. Diese Schattenseite kennenzulernen, die Hohlheit hinter den Sicherheitsversprechen der Regierung zu entdecken ging ans Eingemachte.

Heute lächelt mein Vater und reißt Witze, selbst über die Entführung. Aber er schreckt aus seinem Nickerchen hoch, sobald ein Mixer oder ein Rasenmäher zu hören ist, und seine Augen irren umher. Er schildert, mitten in einer Mahlzeit, aus heiterem Himmel ein Detail des von Moskitos erfüllten Zimmers, in dem er gefangen gehalten wurde, oder das raue Gefühl der Augenbinde, die er tragen musste. Was mich am traurigsten stimmt, ist, dass er es nie vergessen wird.

Aus dem Englischen von MICHAEL ADRIAN