Alles muss raus – Seite 1

Brancaccio, das ist Beton, so weit das Auge reicht, alte Männer mit Spiegelbrillen und der Schrei eines Muezzins, der keiner ist, sondern ein fliegender Händler, der Brokkoli anpreist. Palermos südöstlicher Stadtteil besteht aus Fabrikhallen und Sozialbauten, von denen der Zement abbröckelt und in denen man für 70 Euro im Monat haust. Hochhäuser wie Gefängnistürme, überwuchert von Satellitenschüsseln. Eine Straße, die Via del Castellaccio heißt, was so viel bedeutet wie "Straße der Schrottburg". Rechts eine Mauer, auf die jemand Penisse und "Herzlichen Glückwunsch Vanessa" gesprayt hat, links zweistöckige, unverputzte Häuser mit verriegelten Fensterläden. Über schmalen Balkonen hängen Fliegenvorhänge, die sich aufbauschen, wenn der Wind in sie fährt. Und am Ende dieser Straße taucht ein Trugbild auf: eine arabisch-normannische Festung. Tuffstein mit schmalen Schießscharten, Rundbögen und kleinen, vergitterten Fenstern.

La Favara-Maredolce ist ein verwunschener Ort. Hinter der Festung, in deren Innenhof noch immer ein paar Familien in windschiefen Verschlägen hausen, erstreckt sich ein riesiger Garten, 25 Hektar groß, umzingelt von den Wohnsilos Brancaccios, die ungläubig auf dieses Idyll starren. Eine überraschende Weite öffnet sich, mit einem kleinen, von Schilfrohr eingefassten See inmitten einer von Margeritenbüschen umstandenen Senke, mit Granatäpfeln, Jasmin, Mispeln, Kaktusfeigen und dem undurchdringlichen dunklen Grün der Mandarinenbäume. Es ist ein letzter Rest von Conca d’Oro, von "Goldener Muschel", wie die Ebene von Palermo einst genannt wurde. Ein letzter Rest, der dem Zement, der Mafia und der Bauspekulation widerstanden hat. Und der jetzt mit dem internationalen Carlo-Scarpa-Preis ausgezeichnet wurde – mit dem die Benetton-Stiftung Gärten, Orte, Landschaften auszeichnet, denen es gelingt, ein Gleichgewicht zu schaffen zwischen Wandel und Bewahrung des kulturellen Erbes, so wie es der Namensgeber des Preises, der venezianische Architekt Carlo Scarpa, schätzte. Der Preis zeichnet auch ein ethisches Engagement aus – in diesem Fall das der interdisziplinären Arbeitsgruppe des Denkmalschutzamtes von Palermo, die das Kastell im wahrsten Sinne des Wortes ausgegraben hat, unter dem Schutt illegaler Wucherungen.

Im Italien der Wirtschaftskrise wird Ethik als Luxusgut geschmäht: Die Denkmalschutzämter sind seit Jahrzehnten schlecht ausgestattet, personell unterbesetzt, die Gehälter miserabel – was nicht nur anfällig macht für Korruption, sondern auch für Indifferenz und dafür, Sündenbock für alle zu sein. Besonders für diejenigen, die auch den letzten Rest der italienischen Landschaft zementieren und die Kulturgüter verscherbeln möchten.

Der Garten von La Favara-Maredolce hat etwas unwirklich Friedliches an sich, Vögel zwitschern, Eidechsen rascheln durch das Gras, und im See schwimmen Schildkröten. Bis heute wissen nur wenige Palermer, dass dieses aus dem 11. Jahrhundert stammende Kastell mit seinem Garten ein Ort war, der von arabischen Literaten wegen seiner Schönheit gepriesen wurde: eine einzigartige Residenz, gehuldigt nicht zuletzt wegen der Lage am Ufer eines Sees, der einst so groß war, dass er mare dolce genannt wurde, süßes Meer. Über Jahrhunderte war die Residenz Treffpunkt für Philosophen, Intellektuelle und Literaten. In seiner architektonischen Bedeutung ist das Kastell gleichrangig mit anderen arabisch-normannischen Baudenkmälern der Stadt. Wie die Sommerresidenz La Zisa im Westen von Palermo zählt es zum Weltkulturerbe.

Alteingesessene Palermer verbinden mit dem Namen La Favara-Maredolce allerdings vor allem etwas anderes: Im dichten Orangenhain des Gartens war 1992 der Sprengstoff für das Attentat auf den Antimafia-Richter Giovanni Falcone versteckt. Bis heute wird Brancaccio als das Herrschaftsgebiet der Brüder Graviano betrachtet, deren Verbindungen bis in höchste Staatsspitzen reichen und die noch immer die Fäden aus der Hochsicherheitshaft ziehen. Sie waren es auch, die 1993 den Mord an Padre Giuseppe Puglisi anordneten: Brancaccio wurde zum Synonym für den Mord an einem Priester, der zum Widerstand gegen die Mafia aufrief und der von einem Killerkommando am helllichten Tag auf der Piazza per Genickschuss hingerichtet wurde.

Genau dieser Kontrast zwischen Schönheit und Grauen macht den Garten von La Favara-Maredolce einzigartig. Blumen wachsen auf dem Unrat, sang einst Fabrizio De André. Und doch blieb die Ursprungsidee der arabisch-normannischen Schöpfer bis heute erhalten – die künstlich geschaffene Landschaft verschmilzt mit den natürlichen Gegebenheiten, was man von den anderen arabisch-normannischen Baudenkmälern in Palermo nicht behaupten kann. Umzingelt von Hochhäusern, einbetoniert in Umgehungsstraßen, lassen sie nichts mehr davon ahnen, wie das Zusammenspiel zwischen Architektur und Landschaft ursprünglich gedacht war.

Palermos Gesicht ist verstümmelt, weniger vom Krieg als durch die gigantische mafiose Bauspekulation die in den 1950er Jahren den Anfang nahm und Palermo entstellt hat: Plattenbauwucherung, so weit das Auge reicht. Von der "Goldenen Muschel", deren Schönheit von arabischen Poeten bis hin zu Goethe gepriesen wurde – der Historiker Fernand Braudel setzte sie mit dem irdischen Paradies gleich –, blieben nur der Garten La Favara-Maredolce und ein paar Mandarinen- und Orangenhaine im benachbarten Stadtviertel Ciaculli.

Bebauungspläne sind die Baupläne der Macht

Zur interdisziplinären Arbeitsgruppe von La Favara-Maredolce gehört auch der Universitätsdozent und Agronom Giuseppe Barbera. Ihm sieht man trotz seines Glencheck-Jacketts immer noch den schlaksigen Jungen an, der er war, als er 1965 am eigenen Leib erlebte, wie der Garten, in dem seine Familie wie viele andere Palermer gewöhnlich den Sommer verbrachte, über Nacht dem Erdboden gleichgemacht wurde: Ein neuer Bebauungsplan sah an der Stelle des Gartens eine Umgehungsstraße vor.

Bebauungspläne sind die Baupläne der Macht: In Palermo enden mehrspurige Umgehungsstraßen in Einbahnstraßen, im Vorort Mondello taucht eine vierspurige Straße aus dem Nichts auf und endet nach einem halben Kilometer in einer Schotterpiste. Gewünscht hatte sie sich ein Boss.

Giuseppe Barbera hat ein Buch über die Zerstörung des Viertels geschrieben, darüber, dass zwischen 1955 und 1975 mehr als 300 Millionen Kubikmeter Zement über Palermo vergossen wurden. Hunderte von Kilometern Asphalt begruben jedes Jahr eine Million Quadratmeter Grund unter sich und vernichteten eine Million Bäume – und das in einem Klima allgemeiner Indifferenz, mit einem Erzbischof, der die Mafia öffentlich als eine Erfindung der Kommunisten bezeichnete. Gärten, Adelspaläste und Jugendstilvillen wurden zerstört. Federführend waren Salvo Lima, Statthalter des wegen Unterstützung der Mafia verurteilten Ministerpräsidenten Andreotti, und Palermos Bürgermeister, 1992 ermordet von der Mafia. Und nicht zu vergessen: Vito Ciancimino, erst Baureferent, dann Bürgermeister, der in vier Jahren 4200 Baugenehmigungen erteilte, davon 3300 an vier Strohmänner, einen Straßenhändler, einen Nachtwächter und zwei Maurer. Alle vier Analphabeten.

In Apulien, dem Stiefelabsatz Italiens, stehen der Bauspekulation heute 70 Millionen Olivenbäume im Weg: Seitdem der Salento, der südliche Teil Apuliens, vom Tourismus entdeckt wurde, ein großer Teil der Küste aber unter Naturschutz steht, dringen die Spekulanten in das Hinterland ein. In eine Landschaft, deren Gesicht seit Jahrtausenden von Olivenhainen geprägt ist – und nicht von Hotelanlagen, Golfplätzen, Schnellstraßen, Einkaufszentren, Feriendörfern, die erst gebaut werden können, wenn die unter Naturschutz stehenden Olivenbäume beseitigt sind. Im Herbst 2013 befiel eine unerklärliche Krankheit die Olivenbäume, Xylella fastidiosa, Feuerbakterien. Besonders in der Gegend um Gallipoli haben manche Olivenbäume ihr Laub abgeworfen, verdörrte Äste recken sich in den Himmel, es sieht aus, als hätte jemand das chemische Entlaubungsmittel Agent Orange eingesetzt. Und damit kommt man der Wahrheit vermutlich sehr nahe, denn die Invasion der Feuerbakterien erinnert an einen Krimiplot – enthüllt haben ihn Umweltschützer aus dem Salento, inzwischen berichtet darüber sogar Rai 1 in seiner Hauptnachrichtensendung: Am Anfang steht 2010 ein Kongress an der Universität Bari, an dem auch Forscher aus Berkeley teilnehmen, die für den amerikanischen Saatgut-Multi Monsanto arbeiten. Sie haben – zu Forschungszwecken für einen Workshop – die Xylella fastidiosa mitgebracht und warnen vor dem Killerbakterium, das eine Gefahr für die Olivenhaine darstelle. Die apulischen Olivenbauern wundern sich: Bislang hat die Feuerbakterie zwar Weinstöcke und Zitrusfrüchte befallen, nie aber Olivenbäume. Drei Jahre nach dem Kongress treten im Salento die ersten Fälle von vertrockneten Olivenbäumen auf. Und die Staatsanwaltschaft stellt fest, dass es kein Protokoll gibt über die gesetzlich vorgeschriebene Vernichtung des Feuerbakteriums, das zu Forschungszwecken mitgebracht wurde.

Die jahrhundertealten Olivenbäume Apuliens werden zwar in einem Kataster aufgeführt, in einem Register, das den Standort und das Alter eines jeden einzelnen Baums verzeichnet – sie aber dennoch nicht schützt: Normalerweise muss für einen gefällten Olivenbaum ein neuer gepflanzt werden – diese Regelung entfällt aber, wenn er von dem Feuerbakterium befallen war. Dann kann auf dem Boden gebaut werden. Außerdem gibt es EU-Gelder für die Beseitigung der erkrankten Olivenbäume – da kann es manchen gar nicht schnell genug gehen mit der Invasion der Feuerbakterien.

Überhaupt sind die EU-Gelder für Italiens Kulturgüter mehr Fluch als Segen. In Pompeji steht vor jeder Restaurierung eine öffentliche Ausschreibung. Und damit fängt das Übel an. Früher gab es noch ganze Mannschaften von Handwerkern, die in Pompeji regelmäßig Restaurierungsarbeiten ausführten und sich mit den Techniken auskannten. Heute stürzen regelmäßig pompejianische Häuser ein, weil sie falsch restauriert wurden, mit Stahlbeton und Zement, der im Regen zerbröselt. "Die Restaurierungsarbeiten haben mehr Schaden angerichtet als der Vesuv", sagt Gigi Ciancio, der sich als Gewerkschaftsfunktionär mit den Hintergründen von Pompejis misslungener Rettung gut auskennt. So gut, dass die Gewerkschaft ihn seines Postens enthoben hat.

Die EU hat für das "Großprojekt Pompeji" 105 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, von denen bis zum Sommer 2014 nur ein Viertel beansprucht wurde. Was bis Ende 2015 nicht ausgegeben wird, fließt wieder nach Brüssel zurück. Absurd? Nein, sagt Gigi Ciancio. Das Problem sind nicht nur die Bauunternehmer, die bei der Ausschreibung eines Restaurierungsauftrags ausgeschlossen werden. Sondern auch die Gewinner der Ausschreibung. Sowohl die Ausgeschlossenen als auch die Gewinner führen den Kampf mit juristischen Mitteln weiter: Die Ausgeschlossenen fechten die Ausschreibung vor dem obersten Verwaltungsgericht an. Und die Gewinner, die meist dank Dumpingpreisen gewonnen haben, fechten den Inhalt der Ausschreibung an, etwa, weil sie behaupten, dass das geforderte Material inadäquat sei. Man einigt sich entweder dank Schmiergeldern oder juristisch. Das Verwaltungsgericht hat drei Instanzen, danach steht noch der Staatsrat zur Verfügung. So werden die Arbeiten über Jahre blockiert. In Pompeji stürzen weitere Häuser ein. Und die Gelder gehen zurück nach Brüssel.

Einer, der wie kein Zweiter seit Jahrzehnten gegen die Zementierung der Landschaft, den Niedergang der historischen Altstädte und die Privatisierung der italienischen Kulturgüter kämpft, ist Salvatore Settis, Archäologe, Kunsthistoriker, Jurist und ehemaliger Direktor der Eliteuniversität von Pisa. "Der jahrhundertealte Einklang von Stadt und Land, der Italien zu Europas Garten werden ließ, ist eines gewaltsamen Todes gestorben. Seine Mörder waren keine barbarischen Invasoren, sondern selbstvergessene und die Gesetze missachtende Italiener", sagt Settis. Er hat Streitschriften verfasst, Minister beraten und zerpflückt, er hält Vorträge in der ganzen Welt und ruft die Italiener zum Widerstand auf. Empört euch!, ruft er, empört euch dagegen, dass die Zerstörung des Gesichts Italiens mit verlogenen Etiketten beklebt wird, auf denen "Modernisierung" steht oder "Entwicklung". Empört euch, dass die Steuerhinterziehung geschützt, die Korruption gefördert und der Mafia breiter Raum gegeben wird! Empört euch dagegen, dass ein Federstrich eines Bürgermeisters reicht, um einen Bebauungsplan oder die Nutzungsbestimmungen eines Gebäudes zu ändern und so dessen Wert zu vervielfachen!

Als Berlusconis Wirtschaftsminister Giulio Tremonti 2002 ein Gesetz einbrachte, das vorsah, den staatlichen italienischen Kulturbesitz in einen gewaltigen Immobilienfonds zu verwandeln, titelte die Repubblica noch empört: "Bella Italia stellt sich zum Verkauf!", und beklagte, dass die Regierung Berlusconi in den italienischen Kulturgütern das "italienische Erdöl" wittere. Heute wird der Verkauf von Kulturgütern in parteiübergreifender Harmonie von rechts bis links abgewickelt.

In seiner Streitschrift Wenn Venedig stirbt beklagt Settis den Ausverkauf Venedigs – dem der von den Medien verhätschelte "Philosophenbürgermeister" Massimo Cacciari schon 1995 den Weg bereitete, als er ein Manifest mit dem Titel Venedig privatisieren veröffentlichte. Gesagt, getan. Heute steht ganz Venedig zum Verkauf. Palazzi, Inseln, Kunstdenkmäler: Alles muss raus. "Privatisierung bedeutet, dass Eltern ihre Töchter auf den Strich schicken", sagt Salvatore Settis, nie verlegen um einen schönen Vergleich. "Aber wir sind doch heute nicht ärmer als 1945!"

Eine der Glanzleistungen von Giorgio Orsoni, dem wegen seiner Verstrickung in einen Korruptionsskandal zurückgetretenen Bürgermeister Venedigs, ist der Verkauf des Fondaco dei Tedeschi, der ehemaligen deutschen Handelsniederlassung. Er ermöglichte, dass das Renaissancegebäude für 53 Millionen Euro an die Benetton-Gruppe verscherbelt werden konnte, die es in ein Einkaufszentrum umgewandelt und an den französischen Luxuskonzern LVMH des Multimilliardärs Bernard Arnault verpachtet hat. Ein Schnäppchen, denn der Marktwert des Gebäudes wird auf 124 Millionen Euro geschätzt. Im nächsten Frühjahr soll der Megastore eröffnet werden. Aber warum sollte ein Konzern ein Angebot ablehnen, das vom venezianischen Bürgermeister auf dem Silbertablett präsentiert und von der obersten Denkmalschützerin Venedigs im Eiltempo abgenickt wurde?

Vor diesem Hintergrund mag man etwas besser verstehen, warum italienische Politiker bis heute gerne die Metapher vom Erdöl strapazieren, wenn sie über die italienischen Kulturgüter sprechen. Sie haben sehr viele sehr reich gemacht.