Im Schatten der Bühne umringen vier Halbwüchsige ihren Helden. Es ist der vergangene Samstagabend in Berlin, die Bühne steht vor dem Brandenburger Tor. Politiker und Musiker treten hier auf, einer ist bekannter als der andere. Gregor Gysi war hier, später wird Kraftklub spielen. Doch für die Jungs, die nicht so aussehen, als könnte man sie mit Politik-Prominenz ködern oder mit Rockstars, ist die Sensation des Tages ein anderer: ein 21-Jähriger mit Bomberjacke, dickem Bizeps, frei rasiertem Nacken und traurigen Augen. Ein Rapper aus St. Pauli, der noch nicht mal sein erstes Album veröffentlicht hat, bloß ein paar Songs auf YouTube, dessen Platte aber schon sehnlich von ihnen erwartet wird. "Ey, Disarstar", schreien die Jungs.

Disarstar, Freunde nennen ihn Disi, Fremden stellt er sich als Gerrit vor, kommt aus dem Hamburger Norden. Er ist aufgewachsen in einem Reihenhaus, als Sohn eines Unternehmers, Muttersprache Deutsch. Es waren – ökonomisch gesprochen – nicht die schlechtesten Voraussetzungen. Doch als er zwölf Jahre alt war, kam der Absturz, so erzählt er es einige Tage vor dem Berliner Auftritt in einer Pizzabude, unweit der Reeperbahn. Die Firma seines Vaters geriet in Schwierigkeiten. Auf einmal war kein Geld mehr da. Er eckte in der Schule an, wurde kriminell. Mit 16 Jahren zog er von zu Hause aus, zur Schule ging er da kaum mehr. Er soff, klaute und schlug sich. Er bekam es mit der Staatsgewalt zu tun – aber auch mit dem Sozialstaat. "Mein Sozialarbeiter hat mir geholfen, meine Fähigkeiten zu entdecken", sagt Disarstar. "Er ist der Mensch in meinem Leben." Heute distanziert sich Disarstar von Gewalt, trainiert viel, meidet Alkohol. Er führe ein geordnetes Leben, sagt er, so gut das eben geht.

All das thematisiert Disarstar auch auf seinem Debütalbum Kontraste, das jetzt erscheint. Darauf hört man einen Rapper, der reifer klingt, als es seine 21 Jahre erwarten lassen. Dessen tiefe Stimme und Diktion Respekt einfordern, der sich mit seinen stark autobiografischen Texten aber zugleich verwundbar zeigt und angreifbar macht. Wenn er rappt, klingt seine Vergangenheit so: "Noch vor’n paar Jahren war das blaue Licht wie’n Trainer / berauben Dich um’s Handy und verkaufen es für’n Zehner / häng’ am Bahnhof rum und fühl’n uns wie die Kings / immer draußen auf der Straße, weil’s zu Hause nicht so schön war" (Außer Rand und Band) . Seine Gegenwart beschreibt er so: "Ich hab’ die Gabe meinen Fragen auf den Grund zu geh’n / und vor allem das Schreiben, das verarztet und die Wunden näht / ich bin zufrieden, Mann, zumindest meistens" (Lange isses her). Disarstar wolle Künstler sein, sagt er, nicht Entertainer. Das heißt für ihn: keine Rolle zu spielen. Aufrichtig zu sein. Keine Angst zu haben, auch nicht vor der Peinlichkeit.

Und dann ist da noch: die Politik. Seine Erfahrungen deutet Disarstar als symptomatisch für einen kapitalistischen Wettbewerb, in dem die Verlierer zerrieben werden. Er sei "ein Linksextremer", rappt er auf einem seiner Stücke. Das ist keine Pose und keine bloß private Synthese aus Sensibilität und Zorn. Disarstars Logo ist der rote Stern, in seinen Videos wehen Antifa-Flaggen, und nach eigener Aussage war er in der Roten Szene Hamburg aktiv, einer Gruppe, die im Hamburger Verfassungsschutzbericht genannt wird. Wenn man ihn fragt, warum, erzählt er von Alleinerziehenden, die ihre Kinder in Suppenküchen bringen. Von Fischtrawlern vor dem Horn von Afrika, die Menschen in die Piraterie treiben. Von Staatschefs, die sich ihren G-7-Gipfel Millionen kosten lassen. "Unser Wirtschaftssystem ist krank und pervers", sagt er. "Wir Menschen können so gut sein, so toll, so solidarisch. Deshalb regt mich noch mehr auf, wie scheiße das alles ist."

Warum macht ein Linker ausgerechnet Rap? Geht es da nicht um ähnliche Dinge wie im Kapitalismus, um Ego, Leistung, Sieger sein? "Competition ist keine schlechte Sache", sagt Disarstar, "solange es sportlich bleibt und keine Existenzen auf dem Spiel stehen." Es gebe alte Wegbegleiter, die ihn dafür kritisierten, dass er den Kapitalismus abschaffen und zugleich Platten verkaufen wolle. Doch er habe gelernt, mit Widersprüchen zu leben. "Ich bin viele und bin gerne so", rappt er auf Wer ich bin, dem Schlüsseltrack seines Albums. "Ich will den Leuten nichts vorschreiben, sondern sie zum Nachdenken bringen", sagt Disarstar. Rap sei zwar manchmal "sexistisch, homophob und reaktionär", sagt er, könne aber auch ein Medium der Aufklärung sein: "Jede Form von Kunst lädt zur Reflektion ein."

Auf seinem Album Kontraste werden Erfahrungen sichtbar, die sonst oft im Verborgenen bleiben. Welche Wirkung das haben kann, war am Samstag in Berlin zu erleben, hinter der Bühne am Brandenburger Tor. "Deine Musik hat mir so krass geholfen, Alter", sagt einer der Jungs, als Disarstar für ein Foto mit ihm posiert. "Wir hören dich seit Jahren", sagt ein anderer und wirkt dabei so, als könne er das Glück dieser Begegnung kaum fassen. Disarstar ist ein Junge von der Straße, der für die Straßenjungen ein Held ist. 

"Kontraste" erscheint am Freitag, 26. Juni, bei Showdown Records