Der Film heißt Und täglich grüßt das Murmeltier. Die Story: Ein arroganter TV-Wettermann aus der Großstadt landet in einem Kaff in Pennsylvania, wo ihm etwas Unglaubliches widerfährt: Er wacht jeden Morgen wieder am selben Tag auf. Der Radiowecker reißt ihn mit dem immer selben Song aus dem Schlaf, dieselben Menschen kreuzen seinen Weg, dieselbe Kollegin erwehrt sich seiner Annäherungsversuche, dasselbe Murmeltier steht im Zentrum des örtlichen Volksfests. Alles wie gestern. Wie kommt man da nur wieder raus?

Europa spielt seit fünf Jahren "Und täglich grüßt das Murmeltier", und die Frage ist, wie schaffen wir es, dieser Endlosschleife zu entkommen? Im Jahr 2010, zu Beginn der großen Staatsschuldenkrise, gab es eine Schlagzeile, die Hoffnung machte: Schäuble stellt Grundzüge der EU-Insolvenzordnung vor. Ein geordnetes Verfahren bei drohenden Staatspleiten sollte dafür sorgen, dass die Staatengemeinschaft nicht mehr erpressbar ist, wenn Länder sich ins Abseits manövrieren. Gläubiger würden nach festen Regeln bedient, die Pleitestaaten neu organisiert. Europa lernte dazu.

Vor zehn Tagen dann im selben Medium wie 2010, auf Spiegel Online, die praktisch deckungsgleiche Schlagzeile: Insolvenzordnung für Eurozone. Schäuble will Fahrplan für Staatspleiten entwickeln. Die Bundesregierung wolle Konsequenzen aus der Griechenland-Krise ziehen und arbeite an Plänen, wie Staatspleiten in der Euro-Zone grundsätzlich geregelt werden könnten.

Fünf Jahre – und nichts geschah.

Was ist in der Zeit nicht alles passiert auf der Welt. Vom Silicon Valley ging die Big-Data-Revolution aus, die Vereinigten Staaten wurden durch Fracking quasi zum Selbstversorger bei Gas und Öl. Das Verhältnis des Westens zu Russland kühlte sich auf das Niveau des Kalten Krieges ab. Der Arabische Frühling brach aus – und scheiterte. Der IS kam und ging nicht mehr.

Und im Euro-Raum? Geschah ganz viel und eben doch nichts. Griechenland wurde gerettet und gerettet, aber das Währungssystem nicht. Jetzt, da das Murmeltier wieder grüßt und Europa einmal mehr mit Athen um Geben und Nehmen ringt, ist es Zeit für die langfristige Perspektive, und das heißt erst einmal für den Blick zurück.

Zurück zur Debatte um den Vertrag von Maastricht Anfang der neunziger Jahre. Damals war vielen Streitern klar, dass eine gemeinsame Währung ohne eine gemeinsame Wirtschaftspolitik – und mehr noch: ohne eine gemeinsame ökonomische Grundhaltung – instabil wäre. Die einen meinten, die Politik würde der Währung schon folgen, die anderen lehnten den Vertrag gleich ab. Den Kernsatz der Gegner formulierte im Jahr 1992 der Chefkommentator der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Hans D. Barbier, so: "Was ökonomisch falsch ist, kann politisch nicht richtig sein."

Zehn Jahre später war der Euro geboren, aber anders als Eltern bei ihren Kindern kümmerten sich die Väter des Euro nicht um die Geburtsdefizite. Keine Impfungen. Keine Therapien. Sogar die wenigen bestehenden Regeln wurden gebrochen – zum Beispiel als Deutschland und Frankreich in den Jahren 2002 und 2003 die Schuldengrenze überschritten und das fällige Verfahren gegen sich einfach aussetzen ließen.

Schlimmer war etwas anderes. Europa ließ Griechenland, das gegen alle Regeln Mitglied geworden war, einfach so, wie es war. Das Land pflegte eine öffentliche Buchführung wie ein Dritte-Welt-Staat und verdoppelte binnen zwölf Jahren seine Ausgaben für öffentliche Angestellte. Die Bahn war so teuer, dass man besser jeden Kunden in ein Taxi gesetzt hätte. Für besonders harte Jobs gab es die Rente mit 55 – eigentlich kein Problem, bloß dass es Hunderte von Berufen in diese Gesetzesnische schafften. Als im Jahr 2009 die Regierung in Athen wechselte, lag die offizielle Defizitschätzung bei 3,7 Prozent der Wirtschaftsleistung. Zwei Wochen später waren es mehr als zwölf Prozent.

Hier geht es nicht darum, die Griechen zu brandmarken. Dass ihr Land so in den Euro hineinkam, war eine politische Entscheidung. Aber dass es ein Jahrzehnt später genauso in die Krise ging, ist ein Versagen der Währungsunion, die kaum etwas unternahm, um auch nur die gröbsten Fehlentwicklungen bei einzelnen Mitgliedern zu bekämpfen. Unterstützt wurde die Union dabei noch von den Finanzmärkten. Sie übersahen die Gefahren, die von der Ineffizienz in Athen ausgingen, genauso wie den Wahnsinn im Handel mit Schrotthypotheken aus Amerika.