Am Ende müssen es die Regierungschefs richten. Diesmal namentlich Alexis Tsipras, der Grieche, und Angela Merkel, die Deutsche. Gerade erst sind sie abgereist, schon werden sie in Brüssel zurückerwartet. Der zweite Gipfel innerhalb von vier Tagen, der sechste bereits in diesem Jahr. Immer schneller dreht sich das Rad. Ukraine, Russland, Terror, Flüchtlinge ... jetzt Griechenland. Stets landen die großen Krisen auf dem Tisch der Staats- und Regierungschefs, einem ovalen Ungetüm aus dunklem Holz im fünften Stock des Brüsseler Ratsgebäudes.

Dort werden sie an diesem Donnerstag Platz nehmen, Tsipras, Merkel, Renzi, Hollande und all die anderen, von denen man nur wenige mit Namen kennt: Es schlägt die Stunde der Regierungschefs, des Europäischen Rats. Der ist eine beispiellose Ansammlung von Alphatieren und zugleich eine faszinierende Konsensmaschine. Wie ist es möglich, dass 28 Egos am Abend mit einer Stimme sprechen, obwohl sie häufig noch am Morgen in verschiedenen Zungen geredet haben?

Der Europäische Rat, das sind 28 Staats- oder Regierungschefs, dazu die beiden Präsidenten von Rat und Kommission. Nur fünf Frauen. Die durchschnittliche Amtszeit der Staats- und Regierungschefs liegt bei zwei Jahren und acht Monaten. Folglich herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, immer wird irgendwo in Europa gewählt. Umso größer ist das Gewicht derer, die schon länger dabei sind. Mit Abstand die Dienstälteste ist Merkel: bald zehn Jahre Anwesenheit.

Das Erste, was die Regierungschefs verbindet, sind die jeweiligen Parteifamilien. Im Moment sind im Rat zehn Konservative und neun Sozialdemokraten vertreten; dazu kommen sechs Liberale. Jedes Mal, bevor der eigentliche Gipfel beginnt, treffen sich Sozialdemokraten, Konservative und Liberale zu sogenannten Vor-Gipfeln. Hier werden Strippen gezogen und Linien verabredet. Nur zwei haben niemanden, mit dem sie kungeln können: der Brite David Cameron und der Grieche Alexis Tsipras.

Cameron hat seine Partei, die britischen Tories, vor einiger Zeit aus dem Verbund der europäischen Konservativen gelöst. Und Tsipras ist der einzige Linke in der Runde, auch das erklärt manche Schärfen und Unversöhnlichkeiten. Cameron und Tsipras – es ist kein Zufall, dass ausgerechnet diese beiden den Zusammenhalt der Union in besonderer Weise infrage stellen.

Wenn die Chefs in Brüssel zusammenkommen, sind sie unter ihresgleichen. Wer an die Spitze von Staat oder Regierung aufgestiegen ist, hat zu Hause alle Konkurrenten geschlagen. Er (oder sie) steht alleine ganz oben. In Brüssel aber trifft er (oder sie) auf 27 andere, die ebenfalls zu Hause alle Konkurrenten besiegt haben. 28 Sieger in einem Raum – das erhöht die Spannung. Schafft aber zugleich Gemeinsamkeit. "Die Mitglieder des Europäischen Rats verbindet eine Art Stammeszugehörigkeit", sagt der britische Historiker Peter Ludlow, der in Brüssel lebt und seit vielen Jahren über den Europäischen Rat schreibt.

Anders als in allen anderen EU-Runden sitzen die Regierungschefs ohne Berater zusammen. Nur eine Handvoll ausgewählter Beamter ist anwesend; alle anderen – Botschafter, Diplomaten oder Mitarbeiter – müssen draußen bleiben. In den Delegationsbüros zwei Stockwerke höher oder an der hauseigenen Bar. Auch Stellvertreter sind nicht zugelassen. Wenn ein Regierungschef krank ist oder aus anderen Gründen fehlt, muss er tatsächlich einen Kollegen aus einem anderen Land bitten, seine Interessen zu vertreten. Es kommt daher nicht oft vor, dass einer fehlt. Wenn sich Minister in der EU treffen, sind hingegen schnell hundert Leute zugegen.

Zwischen den Regierungschefs herrsche "eine familiäre Atmosphäre", sagt einer, der lange mit am Tisch saß. Dazu passt es, dass die Regierungschefs einander beim Vornamen nennen. Alexis und Angela also – die Regel gilt nämlich auch für diejenigen, die erst seit Kurzem dabei sind.

Alexis Tsipras nahm zum ersten Mal im Februar am Tisch der Regierungschefs Platz, da war er gerade erst seit zwei Wochen im Amt. Ohne Krawatte, wie immer seitdem. Seinen Auftritt hatte er gründlich vorbereitet. Er war vorher in Rom und Paris gewesen, um sich vorzustellen und weil er hoffte, dort Verbündete zu finden. Doch auf dem Gipfel ging es erst einmal um andere Themen. François Hollande und Angela Merkel waren direkt aus Minsk gekommen; die ganze Nacht hatten sie mit Wladimir Putin verhandelt. Ein Waffenstillstand in der Ukraine war damals dringlicher als das griechische Problem. Als Tsipras endlich zu Wort kam, hielt er eine lange, emotionale Rede. Anschließend meldeten sich mehrere Kollegen zu Wort und erklärten, dass Griechenland kein Thema für sie sei, die Finanzminister sollten sich kümmern. Noch war Griechenland nicht zur Chefsache geworden.

Früher trafen sich die Regierungschefs der EU viermal im Jahr; mit dem Beginn der Finanzkrise hat sich die Schlagzahl erhöht. Aus einem losen Zirkel ist ein permanenter Krisenausschuss geworden. Am Takt der Gipfeltreffen lässt sich ablesen, wie sehr die europäischen Fragen heute die Agenda beherrschen, in Berlin genauso wie in Paris oder Helsinki. Trotzdem achten die Regierungschefs sorgfältig darauf, welche Themen sie verhandeln – und welche nicht. Die Tagesordnung ist ein Herrschaftsinstrument. Das Flüchtlingsdrama etwa haben Merkel und Co. lange Zeit von sich ferngehalten. Erst seit der Präsident des Rats, der Pole Donald Tusk, im Mai kurzfristig einen Sondergipfel einberief, ist Bewegung in die Sache gekommen. Ganz ähnlich verhält es sich nun mit Griechenland.