Das Schicksal des Menschengeschlechts ist in der Tierwelt schon präfiguriert. Ähnelt der Käfer, der aus dem Mist eine Kugel formen muss, um sie dahin zu rollen, wo sie seinen Nachwuchs ernährt, nicht dem Angestellten, der zuerst eine Akte (beziehungsweise einen Projektordner) anlegen muss, um etwas bearbeiten zu können?

Der nützliche Ausdruck der Präfiguration entstammt der Theologie und meint die Hinweise, die das Alte Testament schon auf das Neue Testament gibt. Wenn Jonas dem Walfisch entsteigt, ist damit die Auferstehung Jesu präfiguriert. Vergleichbares lässt sich über die Giraffe in Bezug auf den Nerd sagen. Der lange Hals und die langen Beine, die der Giraffe Zugang zu den höchsten Wipfeln verschaffen, aber zu erheblichen Problemen am Boden führen und schon das Trinken zur Qual werden lassen, entsprechen den Schwierigkeiten des Nerds in den Niederungen des Sozialkontakts. Auf den Metaebenen der Computersprache ist er Akrobat, während im Alltag schon das Paarungsverhalten zu wünschen übrig lässt.

Der Mensch hat offenbar vergleichbare Spezialisierungen bis zur Lebensuntüchtigkeit getrieben, die auch von der natürlichen Evolution hervorgebracht wurden. Man denke an die Schädlinge, die zwingend auf Rosen angewiesen sind, um an ihnen ihr Unheilswerk zu erbringen. Wo war die Rosenblattrollwespe, bevor es Rosen gab? Offenbar ist das Tier zusammen mit dem Opfer seiner Expertenschaft entstanden; ähnlich wie der Nerd zusammen mit dem Personalcomputer und dem Pizzalieferdienst entstand, wobei hier freilich weniger klar zwischen Opfer und Experte entschieden werden kann. Ist der Nerd Opfer oder Nutznießer des Pizzaboten? Auf jeden Fall ist er eher Opfer als Nutznießer des Computers. Manche haben sogar die These aufgestellt, dass sich der Computer mit dem Nerd eine eigene soziale Schnittstelle aus Biomaterialien geschaffen habe.

Für die Verkümmerung des Menschen zum Sklaven seiner Begabung hat das Japanische einen besseren Begriff als den des Nerds. Personen, die zugunsten einer Fähigkeit alle übrigen degenerieren lassen, nennt man Otakus. Ein Otaku muss nicht auf Elektronenrechner fixiert sein, er kann auch zum Leibeigenen seiner Plüschtiersammelwut werden. Der Otaku lässt sich geradezu als Schlüsselbegriff einer aus dem Ruder gelaufenen Evolution verstehen. Schaut man sich die Liste der vom Aussterben bedrohten Arten an, entdeckt man lauter Otakus – Tiere, die sich unklug auf eine Nische spezialisiert haben. Es gibt süße kleine Vögel, die weder auf der Wiese noch auf dem Feld leben können, sondern nur in den Hecken dazwischen, aber beileibe nicht in beliebigen Hecken, sondern nur in ganz bestimmten.

Der Mensch hat solche Hecken angelegt, der Mensch hat sie wieder verworfen. Die armen kleinen Vögel haben auf den Menschen und seine Hecken gesetzt; der Mensch hat die Vögel verraten. Darum ist es gerecht, dass es dem Menschen in seiner Welt nicht anders ergeht. Auch er wird obdachlos, wenn das Biotop verschwindet, auf das er sich unklugerweise spezialisiert hat (die bürgerliche Presse beispielsweise). Noch tragischer sind die Computerfreaks dran, die ihre ganze Liebe einem einzigen Gerät geschenkt haben, das plötzlich vom Markt verschwindet – Atari oder Commodore seligen Angedenkens. Die Atari-Otakus sind längst von der roten auf die schwarze Liste gewandert, ähnlich dem Riesenfingertier, das nur noch in Büchern beweint wird. Der Innovationszyklus der Marktwirtschaft ist grausam wie die Evolution der Natur.