Wahrscheinlich wären Sie nicht sonderlich beeindruckt, wenn dieser Text mit der Feststellung begönne, dass das junge iranische Kino unglaublich spannend sei. Die Spannung des Films Fish and Cat von Shahram Mokri muss man aber erst einmal aushalten.

Am Anfang liest eine dramatische Erzählerstimme zu auftrumpfender Musik den eingeblendeten Text vor. Die kommende Geschichte beruhe auf wahren Ereignissen. Mehrere Studenten seien im Iran in den neunziger Jahren spurlos verschwunden und drei Restaurantbesitzer wegen der Verarbeitung von Menschenfleisch angeklagt worden.

Der Vorspann verschwindet hinter Blutspritzern. Der Prolog setzt sich im Kopf des Zuschauers fest, legt sich als nicht zu fassende Bedrohung über jedes einzelne Bild.

Schon der Beginn wirkt seltsam doppeldeutig. Vorsichtig fährt die Kamera in einer Kreisbewegung auf ein Haus am Waldrand zu, so als handle es sich um den Schauplatz eines Verbrechens. Tatsächlich tritt ein Mann mit einer Tüte voller Fleischklumpen ins Freie. Fliegen summen. Ein Auto fährt vor, ein junger Student steigt aus und fragt nach dem Weg. Der Mann will seinen Ausweis sehen. Eine dritte Person biegt um die Ecke des Hauses und gibt dem Mann zu verstehen, dass er den Jungen und seine Freunde im Auto ziehen lassen solle, es seien zu viele. Heult der Motor auf, oder bilden wir es uns nur ein?

Die Kamera folgt den Männern weiter auf Schritt und Tritt. Auf ihrem Weg in den Wald, während sie Banalitäten austauschen, über Musik sprechen und über Hamid, der von acht Kugeln getötet wurde, wohl während einer Jagd . Man vernimmt andere Stimmen, die Kamera sucht die dazugehörigen Personen. Und erst jetzt, nach einiger Zeit, wird man gewahr, dass es in diesem Film noch keinen einzigen Schnitt gegeben hat.

Unablässig ist die Kamera in Bewegung, aber nie aufgeregt, unsicher oder wackelnd. Vielmehr haben ihre Bewegungen etwas Souveränes. Sie ist der allwissende Erzähler dieser Geschichte, ihre Schwenks und Fahrten bestimmen, welcher Handlungsstrang fallen gelassen, welcher verfolgt wird. In einer einzigen, von der ersten bis zur letzten Sekunde durchgehenden Einstellung hat Shahram Mokri seinen Film gedreht. Er erzählt die Begegnung dreier dubioser Restaurantbesitzer mit einer Gruppe von Campern, die am Kaspischen Meer Drachen steigen lassen wollen.

Wie gebannt ist man von den Geschehnissen, die sich nicht einordnen lassen. Und von der Bewegung des Drehbuchs, das nach und nach die Form eines Möbiusbandes annimmt. Plötzlich finden wir uns an derselben Wegbiegung wieder und hören dasselbe Gespräch noch einmal aus anderer Perspektive, als könnte sich durch den Positionswechsel auch die Bedeutung der Worte verändern.

Es sind diese Schleifen, die Alltagsgesprächen, Flirts oder Rangeleien etwas Traum- und auch Albtraumhaftes verleihen. Ein Campingausflug driftet für den Zuschauer ins Irreale ab, während die Figuren auf der Leinwand mit ganz anderen Fragen beschäftigt sind: Handelt es sich wirklich um einen menschlichen Finger in der Katzenschnauze?

Shahram Mokri: "Fish and Cat" (134 Min., Trigon).