Und dann war er plötzlich da, der Retter. Aus dem Nichts war dieser Chen Yongqiang aufgetaucht, wollte den insolventen Lübecker Flughafen übernehmen, sogar die Gehälter der Angestellten weiterzahlen. Sein Angebot schien weit besser als das der Konkurrenz. Und so verkaufte die Stadt den maladen Flughafen an den Mann aus Peking. Das war vor einem Jahr. Alles sollte gut werden.

Heute sieht es am Lübecker Flughafen noch trister aus als damals. Die Billigfluglinie Ryanair hat sich verabschiedet, von den versprochenen chinesischen Fluggästen und Flugschülern ist nichts zu sehen, und auch die vielen Wartungsaufträge lassen auf sich warten.

Alles nur Anfangshürden chinesisch-deutscher Zusammenarbeit? Was als harmlose Recherche über Lübecks Traum vom Weltstadt-Dasein beginnt, wird schnell zu einer Geschichte über Größenwahn, wundersame Geldvermehrung und einen dubiosen chinesischen Flughafenretter, dem sich die Stadt Lübeck wie einem Helden andient. Einem Mann, der immer mysteriöser wird, je genauer man hinblickt. Aber das möchte in Lübeck kaum einer.

1. Kapitel: Zwischen Ödnis und weiter Welt

Ein erster Besuch am Flughafen. Es ist ein Montagnachmittag im März 2015, das graue Wellblech-Terminal des Flughafens Blankensee ist menschenleer, die Schalter sind unbesetzt, das Deckenlicht ist ausgeschaltet. Kaum mehr als 100.000 Passagiere werden Blankensee in diesem Jahr voraussichtlich nutzen. Vor einigen Jahren waren es noch sieben Mal so viele. Früher flog Ryanair von hier aus nach London, Pisa, Palma de Mallorca und Mailand. Heute steuert nur noch die ungarische Fluggesellschaft Wizz Air im Linienverkehr Lübeck an. Ein knappes Dutzend Flüge pro Woche gibt es – nach Riga, Danzig, Kiew, bald nach Skopje. Eine halbe Million Euro Verlust macht der Flughafen jeden Monat, sagen Insider.

Markus Matthießen, zu diesem Zeitpunkt noch Geschäftsführer des Flughafens, empfängt in seinem Büro. "Wir wollen eine Million Passagiere pro Jahr schaffen", sagt Matthießen. Er war CDU-Landtagsabgeordneter, Sprecher der Fraktion für Feuerwehr und Katastrophenschutz. Eine Expertise für Flughäfen oder China war nicht bekannt, als Investor Chen ihn 2014 zum Flughafenchef und Geschäftsführer seiner Firma PuRen Germany machte.

Matthießen sagt, er glaube fest daran, dass Blankensee profitabel werden könne. Dann ist er überrascht von der Information, dass nicht einmal der Flughafen in Hamburg ausgelastet ist. Konkreteres über die Pläne für den Flughafen will er nicht sagen. Mehr Informationen über Chen sind ihm auch nicht zu entlocken. Er sagt nur: "Er tritt selbstbewusst auf."

Wie manifestiert sich das?

"Na, er wirkt selbstbewusst."

Ist er freundlich? Lächelt er viel?

"Es geht so. Er ist freundlich."

Am Ende des Gesprächs sagt Matthießen, dass Chen im April nach Deutschland kommen werde und bestimmt gern alle Fragen beantworte.

Chen Yongqiang, der angeblich erfolgreiche chinesische Geschäftsmann, hat im Internet bisher kaum Spuren hinterlassen. Aber auf der PuRenFirmenhomepage finden sich mehrere Videos über Lübeck. In einem Werbefilm stehen lange Reihen von Passagieren an den Schaltern, die Flughafenfeuerwehr rast mit Blaulicht über das Rollfeld, Piloten lächeln aus einem Cockpit, Towerlotsen funken, Männer in gelben Westen und orangefarbenen Hosen weisen ein Flugzeug ein. Lübeck wirkt in dem Film wie ein erfolgreicher Flughafen. Nur: So sieht es in Blankensee derzeit selten aus.

PuRen hat den Film "Extasy Flughafen Lübeck" genannt. Extasy, eine Schreibweise für die Droge. Nicht Ecstasy, Englisch für Ekstase. In Lübeck haben sich einige darüber gewundert, dann aber doch darüber hinweggesehen. Vielleicht hilft ein bisschen Eskapismus, um an das zu glauben, was Chen plant.

Große, weite Welt statt Provinzflughafen. Das haben sich viele in Lübeck von dem Investor erhofft. Und der versteht es, die Hoffnungen zu bedienen. Im Februar reiste eine Delegation der Stadt nach Peking. Knapp drei Tage waren die Männer in der Metropole, die hundert Mal mehr Einwohner hat als Lübeck. Sie staunten, erzählen sie später, über endlose Hochhausfassaden und zehnspurige Straßen. Und dann kam der Höhepunkt: der offizielle Startschuss für die neue Flugschule in Lübeck mit einer Präsentation, die man sonst nur von Veranstaltungen der Fifa kennt. Ein riesiger Saal in einem Luxushotel, eine Leinwand, zwanzig Meter breit, fünf Meter hoch. Darauf: "Extasy Flughafen Lübeck".

In einem Interview mit einem Fernsehsender kündigt Chen auf Chinesisch an, dass noch in diesem Jahr 2000 Flugschüler nach Lübeck kommen sollen. Mittelfristig sollen es 5000 Schüler pro Jahr werden. Neben ihm steht Markus Matthießen. Er lächelt freundlich, seine Augen wandern unsicher im Raum umher. Offensichtlich versteht er kein Wort. Auf Nachfrage wird er später sagen, von den Zahlen noch nie gehört zu haben.

Zur Einordnung: In Deutschland machen derzeit pro Jahr etwa 2000 Menschen einen privaten Flugschein. Vom Luftfahrtverband heißt es: Um die vorgeschriebenen Flugstunden für 2000 Schüler zu schaffen, brauchte eine Flugschule mehr als 80 Maschinen (etwa zehn Prozent der Weltjahresproduktion von Schulflugzeugen), mehr als 100 Lehrer – und Wetterbedingungen wie in Südafrika, Florida oder Arizona, wo die großen Flugschulen ausbilden.