Es sind Bilder, die sich gerne selbst entkämen. Bilder, die nichts fassen, nichts festhalten wollen, die keine Ruhe geben, auch jetzt nicht, an den Museumswänden festgeschraubt. Unverdrossen treiben sie ihr Spiel, mit züngelndem Rot und erregtem Blau, mit einem Grün, das eilig über die Leinwand gleitet, glitzernd und schlüpfrig, als wäre die Farbe noch frisch und könnte im nächsten Moment neue, ungeahnte Bahnen ziehen.

Dass es auch einen Maler geben könnte, der mit breitem Pinsel immer neue Ladungen der zähen Ölpaste auf die Leinwand hebt, um voller Wonne und mit entschlossenen Hieben darin herumzufahren, das ahnt der Betrachter natürlich. Aber er will es nicht recht glauben, denn diese Kunst sieht nicht danach aus, als wäre sie irgendwann einmal von irgendwem geschaffen worden. Nein, ihre Lebendigkeit entfaltet sich im Hier und Jetzt, im Auge des Besuchers. Und vielleicht auch deshalb, weil diese Bilder ihren Maler weit hinter sich lassen, haben bislang so wenige von ihm, von Frank Auerbach gehört.

Das soll, das wird sich jetzt ändern. Nur selten waren die Bilder des 84-Jährigen bislang zu sehen, nun aber lassen sie sich, im Kunstmuseum Bonn, endlich in Überfülle bestaunen. Es ist für die Deutschen eine Entdeckung: Von den berühmten Künstlern ist hierzulande keiner weniger bekannt, von den Unbekannten niemand so berühmt wie Frank Auerbach.

In England ist es anders, dort hat er fast sein gesamtes Leben zugebracht. Dort nennen sie ihn, der in Berlin geboren wurde, in einem Atemzug mit Lucian Freud und Francis Bacon, zwei Weltgrößen der Malerei, mit denen er gut befreundet war und die wie er nie davon lassen mochten, sich malend dem Menschen zuzuwenden. Dem Leib, wie geschunden, wie beschädigt auch immer, blieben sie treu, auch als es längst aus der Mode war, weil ein moderner Maler möglichst weltentrückt, möglichst abstrakt zu malen hatte. So deftig allerdings wie Freud, so schonungslos wie Bacon wollte Auerbach seine Modelle nicht in Szene setzen.

Noch heute empfängt er Frauen und Männer in seinem Atelier, es sind immer dieselben, die er malt, seit Jahrzehnten schon. Nie käme er auf die Idee, sie bloßzustellen, ihr Antlitz zu verzerren oder gar ihr Innerstes nach außen zu kehren. Auerbach ist kein Seelenkundler, und das schon deshalb nicht, weil es in seinen Menschenbildern nichts gibt, was eine Identität abgeben könnte, keine klaren Konturen, keine Wahrheit, die aufgedeckt werden will. Nicht das Bleibende interessiert Auerbach, lieber setzt er das Werden ins Bild, auftreibend, windungsreich, in vielen pastosen Strichen. Auerbach blickt auf die Welt, und die Welt verwandelt sich. Ihre Wandelbarkeit ist seine Kunst.

Nicht zuletzt deshalb konnte er immer bleiben, wo er war und wo er bis heute ist: in seinem Atelier, in dem er viele Jahrzehnte verbracht hat und das er nur widerwillig hin und wieder verließ, um irgendwo eine Ausstellung einzurichten oder einen Preis zu empfangen. Zum Zeichnen trieb es ihn manchmal hinaus auf die Hügel Englands, meistens aber zog er nur ein paar Straßenecken weiter und skizzierte, was er schon oft skizziert hatte: immer dieselben U-Bahn-Eingänge, dieselben Häuserfronten, ohne dass es ihm je langweilig geworden wäre.

Verschwenderisch in der Form, genügsam im Thema, so ist seine Kunst bis heute. Stets gibt es da viel zu sehen und wenig zu erkennen. Stets hält er die Balance, holt die Welt hinein in seine Bilder, Frauen mit Hund, Frauen auf dem Sofa, das turbulente Straßenleben, und bleibt doch auf Distanz zur Welt. Bei ihm ist Wirklichkeit eine drängende, das Auge bestürmende Ahnung.

Seine Kunst ist bar aller Verzweiflung

Oft wurde erzählt, wie zurückgezogen Auerbach lebt. Wie eisern er an seinen Bildern arbeitet, von morgens sieben bis abends neun, an jedem Tag der Woche. Wie streng er mit ihnen ist, wie er ihnen die Farbe abzieht, ein ums andere Mal, bis das Formlose endlich in Form ist. Den Bildern ist all das nicht anzusehen, nicht die Disziplin, nicht die Stille, in der Auerbach malt.

Auch die Abgründe seines Lebens scheinen gut verborgen, abgedeckt von ungezählten Farbschichten. In seinen ersten Jahren als Maler streicht Auerbach die Farben wie Magma über die Malgründe, sie bildet dicke, runzelige Krusten aus, archaisch, untergründig brodelnd, als könnte die mühsam erkaltete Öllava jederzeit aufbrechen. Manche mögen darin die Geschichte dieses Malers erkennen, der von seinen jüdischen Eltern nach England in Sicherheit gebracht wurde, der die beiden nie wiedersah, weil sie in Auschwitz umkamen, der sich allein durchs Leben schlagen musste und dem in seiner Haltlosigkeit nichts Besseres in den Sinn kam, als ausgerechnet Künstler zu werden.

Auerbach selbst hat immer wieder erzählt, dass die eigene Geschichte ihm fern sei und für seine Kunst keine Rolle spiele. Er will nicht, dass die Bilder so gelesen werden: als Zeugnisse eines Jahrhunderts der Gewalt. Und seine Malerei, vor allem die spätere, will auch wirklich nichts versiegeln, ist bar aller Verzweiflung. Und wenn sie etwas feiert, dann das Glück der Haltlosigkeit.

Auerbach gelingt hier, wovon so viele Künstler des 20. Jahrhunderts träumten: In seinen Bildern lebt das Leben. Er braucht dafür keine raumgreifenden Installationen, keine Performance, keine politischen, sozialen, dinghaften Realien. Er braucht viel Farbe, viel Zeit und jene ungehemmte Künstlerenergie, von der niemand recht weiß, woher sie eigentlich kommt. Selbst wenn Auerbach einen Punkt setzt, weil er seine Linien nicht sanft auslaufen lässt, wenn er also den Pinsel steil erhebt und ihn senkrecht – mit leisen Quitsch – auf die Leinwand drückt, hinterlässt er einen prickelnden Abdruck. Noch der Schluss, so fühlt sich das an, ist aus sich heraus lebendig. Ein Schluss, der gern ein Anfang wäre.