Etwas Erstaunliches ereignet sich gerade in Kanadas Stadien: Obwohl der Weltfußballverband Fifa (diese sympathische, kleine Non-Profit-Organisation) verfügt hat, dass die Frauen-Weltmeisterschaft auf Kunstrasen ausgespielt wird, riecht es bei den Fernsehübertragungen nach Schweiß, Erde und Gras. Nach "richtigem Fußball" also.

Wie kann das sein? Was ist da los?

Seit Frauen die Frechheit besitzen, Fußball zu spielen, mäkeln die Männer ja an der Rückständigkeit des Dargebotenen herum, oft bündelt sich ihre Häme in dem Satz: "Datt sieht do’ aus wie vor 25 Jahren!"

So ist es. Bei der Frauen-WM 2015 wird gekickt wie im Jahr 1990, also mit allerlei Fehlpässen, Glücksschüssen und Konditionsschwächen von der siebzigsten Minute an – und ohne all die Theatralik, die der Kollege Peter Kümmel zu vermissen vorgibt. Kein Rotzen und Rumwälzen, kein einstudierter Torjubel und auch kein neumodisches Wispern hinter vorgehaltener Hand, das immer so aussieht, als stehe ein Feldzug bevor und nicht nur ein Freistoß. Stattdessen sind gellende Rufe der Spielerinnen zu hören: "Hey!" – "Hier!" – "Jetzt!"

Das ist der Sound, der sonntags über Deutschlands Bolzplätze schallt. Das ist der Grund, warum Kunstrasen plötzlich erdig riecht – und der echte Männerfußball im indirekten Vergleich fast verkünstelt wirkt: Je aufwendiger dessen Protagonisten ihre Tätowierungen, Haarschnitte und Jubelposen inszenieren, je konzentrierter sie an ihren Fingernägeln feilen, desto eigenschaftsloser scheinen sie zu werden, gleichförmiger, geruchslos wie Kunstrasen. Wofür steht Lionel Messi? Welche Werte vertritt Cristiano Ronaldo? Und welche kantigen Eigenschaften hat der Dortmunder Marco Reus? (Er hat ja noch nicht mal einen Führerschein.)

Ja, gut, dieses sich Verstecken hinter Playstation-Perfektion, das Imitieren männlicher Fußballgesten, ist hin und wieder auch bei der Frauen-Weltmeisterschaft 2015 (1990) zu beobachten, was jedes Mal ein ernüchternder Anblick ist. Und doch muss man sich nur ein einziges Spiel der deutschen Auswahl ansehen, um zu erkennen, was anders ist: Da rackern erkennbare Individuen, Polit-Aktivistinnen neben Barbie-Doppelgängerinnen.

Die Stürmerin Fatmire Alushi hat ihre Teilnahme wegen Schwangerschaft abgesagt (was ein Mann schlecht kann, klar). Die Torhüterin Nadine Angerer – eine Rebellin wie früher der Rebell Paul Breitner – hat gegen die Fifa geklagt, weil sie ihre Knochen nicht auf Kunstrasen ruinieren wollte. Sie ist damit nicht durchgekommen. Aber sie hat den Frauenfußball als Korrektiv zum Männerfußball etabliert.

Was natürlich wieder nur ein Lob ist, das vom Vergleich lebt. Und den Frauenfußball erneut seiner Eigenständigkeit beraubt.

Von Henning Sussebach